Massenbehandlung von Fotografien? (Teil II)

Klaus B. Hendriks, Ottawa

Das Konzept einer Massenbehandlung von Archivgut ist überzeugend, wenn es sich z.B. um die sichere und sachgemäße Lagerung großer Mengen von Dokumenten handelt. Es wird dagegen nur zögernd akzeptiert, wenn aktive Behandlungen vorgeschlagen werden. Da mag eine Lösung noch so brillant, effektiv und gut ausgearbeitet sein, sie wird eine lange Zeit brauchen, um akzeptiert zu werden. Als Beispiel eines neuartigen Verfahrens zur Verfestigung und Wiederherstellung brüchigen Papiers wurde das Spalten des Papierblatts und die Einführung eines Stützpapiers erwähnt, was jetzt mittels einer Maschine durchgeführt werden kann. Man wird sehen, wie lange es dauern wird, bis dieses Verfahren zur allgemeinen Anwendung kommt.

In einer früheren Kolumne habe ich einige Arbeiten zur chemischen Restaurierung von verblichenen und verfärbten Fotografien beschrieben. Damals versuchten wir ebenfalls, angesichts der sich abzeichnenden Tendenz zur Massenbehandlung, mehrere Fotografien gleichzeitig in entsprechend größeren Mengen chemischer Lösungen zu restaurieren. Das funktionierte natürlich gut, aber nur weil die verfärbten Fotografien aus derselben Sammlung kamen und daher der Grund der Verfärbung für alle Bilder derselbe war. Wir machten uns Gedanken darüber, ob Verarbeitungsmaschinen, die die Entwicklung, Fixierung und das Wässern von Filmen und Fotografien automatisch besorgen, für die chemische Restaurierung umgebaut werden könnten. Die zur Verarbeitung gebrauchten Lösungen würden einfach durch die für die Restaurierung notwendigen ersetzt. Das würde in der Ausführung einige strenge Kontrollen erfordern, aber unmöglich erschien der Vorschlag durchaus nicht. Besonders wichtig wäre eine sorgfältige Auswahl derjenigen Fotografien, die in einer Gruppe zusammen behandelt würden. Dies ist genau der Punkt, über den bei Massenentsäuerungsverfahren immer wieder hinweggegangen wird. Potentielle Kunden wünschen sich ein Verfahren, das keine Vor-Auswahl des zu behandelnden Materials erfordert. In der Wirklichkeit ist diese Forderung wohl nicht zu erfüllen, aus oben schon angeführten Gründen. Überhaupt fällt es schwer, sich eine chemische Behandlung, welcher Art auch immer, ohne vorhergehendes gründliches Testen und Analysieren vorzustellen.

Bevor nun aber allgemeines Entsetzen ausbricht über den blasphemischen Gedanken, chemische Restaurierungen von mehreren Fotografien gleichzeitig vorzunehmen und diese gar in Maschinen auszuführen, sollte doch erwogen werden, daß es zahlreiche Arten von fotografischen Dokumenten gibt, die eben nur auf diese Weise behandelt und buchstäblich gerettet werden können. Ich spreche natürlich von langen, zusammenhängenden Filmen, wie Mikrofilm und Kinofilmen. Alle von der Industrie gemachten diesbezüglichen Vorschläge zur Rettung solcher Filme nach einer Überschwemmung oder nach einem Brand mit nachfolgendem, durch Löschen verursachtem Wasserschaden laufen auf die Verwendung von Verarbeitungsmaschinen hinaus zum Zweck des Reinigens, des Nachhärtens und Wässerns. Die Maschinen und ihre normalen Lösungen müssen natürlich genauso modifiziert und variiert werden, wie schon oben erwähnt wurde.

In der Praxis werden im Falle einer Art Naturkatastrophe die großen Herstellerfirmen den Besitzern von wassergetränkten Filmen mit Tat zur Seite stehen. Zwei Punkte verdienen besondere Beachtung: schnelles und entschlossenes Handeln; und, um weitere Schäden zu vermeiden, muß der Film naß gehalten werden. Teilweise oder ganz durchnäßte Filme in Rollenform werden in geeigneten Behältern wie Milchkannen oder sauberen Abfalltonnen vorübergehend aufbewahrt und transportiert. Die Behälter sind mit Wasser so angefüllt, daß die Filme ganz eingetaucht sind. In den Verarbeitungslabors der großen Firmen, in denen derartige Filme landen, werden sie sodann in frisches, sauberes Wasser eingetaucht, das eine etwa 1%ige Lösung von Formaldehyd enthält. Dieser Schritt dient der Stärkung der im Wasser besonders empfindlichen Gelatineschicht. Nachdem die Filme nach Besitzer und Herkunft gekennzeichnet sind, werden sie in Verarbeitungsmaschinen behandelt, als wären sie neu, d.h. gerade erst belichtet: Sie durchlaufen die Sequenz Entwicklung/Fixierung/Wässerung einer normalen Verarbeitung (Siehe: T. R. Montuori, Journal of Micrographics 6 (3), S. 133--136 [1973]; und Microfilm Techniques 2, S. 10, 18 [1973]).

Die Tatsache, daß Mikrofilm und Kinofilme nicht in individuelle Bilder zerschnitten sind, gereicht ihnen hier also zum Vorteil. Umgekehrt gibt es gar keinen Grund, warum eine große Zahl einzelner Negative auf einem Filmträger nicht gleichfalls in einer Verarbeitungsmaschine behandelt werden könnte, wenn man sie vorübergehend und umkehrbar miteinander verbinden könnte in einer Art endlosem Band.

Es kann gar nicht genug betont werden, daß sich alles bisher Gesagte nur auf Gelatine-Silber-Fotografien und -Filme bezieht. Ihre chemischen und mechanischen Eigenschaften sind von allen Fotografien am längsten und gründlichsten untersucht worden. Daher ist die Wirkung und Wirksamkeit jedweder chemischen Behandlung dieser Fotografien am klarsten vorauszusehen und zu verfolgen. Kein Mensch würde wohl auf die Idee kommen, fotografische Bilder aus den ersten vier Jahrzehnten der Fotografie einer Massenbehandlung zu unterwerfen. Sie sind fast ausnahmslos individuell gefertigt und verdanken ihre Existenz mehr der persönlichen Erfahrung und Geschicklichkeit des Fotografen als einer hoch entwickelten und wohl etablierten Industrie. Dagegen lieferten die frühen Verfahren Bilder, die in ihrer Seltenheit und Empfindlichkeit sorgfältige individuelle Behandlung erfordern.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 9 (1996), S. 5






© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.08.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek