Massenbehandlung für Fotografien?

Klaus B. Hendriks, Ottawa

 

Es ist eines der charakteristischen Merkmale von Archiv- und Bibliotheksgut, daß es in großen Mengen existiert. Zu dem bekannten Dilemma zwischen der Erhaltung auf der einen Seite und der Notwendigkeit leichten Zugriffs auf der anderen kommt also noch die Frage nach der konservatorischen Behandlung großer Mengen historischer Dokumente aus Papier, Film oder anderem Material. Im Zuge einer allgemeinen Verknappung von Haushaltsmitteln, als deren Konsequenz sich eine Kürzung von Geldern für kulturelle Zwecke ergibt, ist es daher nicht verwunderlich, daß verantwortliche Leiter historischer Sammlungen nach Wegen Ausschau halten, um Dokumente gleicher Art mit ähnlichen Eigenschaften en masse zu konservieren.

Derartige Schritte zur präventiven Erhaltung größerer Mengen von Archivgut sind effektiv und kostengünstig. Am bekanntesten ist die Lagerung von Archivgut unter Bedingungen, die seiner langfristigen Erhaltung förderlich sind. So gibt es detaillierte Empfehlungen für die langfristige Lagerung von verarbeiteten Fotografien und Filmen in der Form von DIN- und ISO-Normen. Ein effektives Mittel zur Langzeiterhaltung von Farbfotografien und -filmen -- besonders derjenigen, die nach dem Verfahren der chromogenen Entwicklung hergestellt wurden -- ist die Lagerung bei --18 °C und 30--35 % relativer Luftfeuchtigkeit, welche ihre Lebenserwartung um einen Faktor von etwa 1000 verlängert. Diese Lagerungsbedingungen oder ähnliche, d.h. solche mit Temperaturen zwischen 0 °C und --18 °C, existieren bereits in einer kleinen Anzahl von Instituten in den U.S.A. und Kanada. Das bekannteste Beispiel ist wohl die John F. Kennedy Library in Waltham, nahe Boston, im Staat Massachusetts. Die Temperatur im Magazin wird bei --18 °C gehalten, die relative Luftfeuchtigkeit ist 30 %. Daneben gibt es einen Raum mit 12 °C und gleicher relativer Luftfeuchtigkeit, der den Übergang von Dokumenten aus dem Tiefkühlklima in die Arbeitsräume erleichtert.

Ein weiteres faszinierendes Beispiel ist die Nutzung des natürlichen Klimas im Innern eines Berges. In Deutschland werden z.B. größere Mengen von Mikrofilm in einem stillgelegten Bergwerk bei Oberried im Schwarzwald gelagert. Die Mikrofilme stammen aus der Schutz- und Sicherheitsverfilmung zahlreicher Archive aus allen Ländern Deutschlands, stellen also ein äußerst wertvolles historisches Quellenmaterial dar. Die natürlich vorgegebene Temperatur im Berg ist +10 °C, was der Erhaltung des Filmmaterials nur förderlich ist. Um den möglichen schädlichen Einfluß der natürlichen relativen Luftfeuchtigkeit, die bei 95 % liegt, auszuschalten, werden die Filmrollen in einem klimatisierten Raum bei 35 % r.L. in tonnenförmige Behälter aus Edelstahl eingelegt und diese luftdicht verschlossen. Im Innern der Tonnen herrscht also eine r.L. von 35 % (Vgl. H. Weber, in: Erhaltung von photographischem Material. Postprints. Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart 1994, S. 51--59).

Ein ähnliches Beispiel der Nutzung natürlicher Bedingungen wird aus Norwegen berichtet. In dem kleinen Flecken Mo i Rana, in der Nähe des Polarkreises, hat die Norwegische Nationalbibliothek einen Teil eines Berges aushöhlen lassen und zu Lagerräumen ausgebaut. Hier ist die Temperatur 8 °C, ganz ähnlich wie in der Lagerstätte im Schwarzwald. Das Problem der hohen relativen Luftfeuchtigkeit -- im Falle von Mo i Rana liegt sie bei nahezu 100 % -- ist aber dadurch gelöst, daß der gesamte Innenraum entfeuchtet wird. Dadurch wird alles dort gelagerte Archivgut, das aus Büchern, Fotografien in Schwarzweiß und Farbe, Mikrofilmen, Zeitungen und magnetischen Aufzeichnungen (Ton und Video) besteht, bei einer r.L. von 35 % gelagert. Zusätzlich gibt es noch eine getrennte und besonders gesicherte Aufbewahrung für Nitrocellulosefilme.

Das Lagern großer Mengen von Archivgut unter gleichen, der Langzeiterhaltung förderlichen Bedingungen, ist unumstritten. Anders liegen die Verhältnisse, wenn chemische Behandlungen en masse durchgeführt werden sollen. Die Massenentsäuerung von Papierdokumenten liefert ein anschauliches Beispiel für die Schwierigkeiten bei der Anwendung solcher Verfahren. Seit etwa 25 Jahren im Gespräch und in der Entwicklung, ist die Massenentsäuerung noch immer nicht als ein überzeugendes Mittel der Bestandserhaltung anerkannt. Es ist bezeichnend, daß ein ganzes Kapitel in Ullmanns klassischer Enzyklopädie der Chemie (Ausgabe von 1989) der Massenentsäuerung gewidmet ist und ein Verfahren beschreibt und anpreist, das heute schon nicht mehr auf dem Markt angeboten wird. Es scheint, daß es keinem der aufgegebenen oder noch existierenden Verfahren gelungen ist, die verantwortlichen Hüter unseres geschriebenen und gedruckten Kulturguts von der Wirksamkeit einer derartigen Behandlung zu überzeugen. Zu groß ist die Vielzahl der verschiedenen Papiersorten, von hunderten von Papiermachern in unterschiedlichen Qualitäten und Variationen über lange Zeiträume hinweg hergestellt, als daß sie alle mit nur einem chemischen Reagenz erfolgreich behandelt werden könnten.

Ein Verfahren mechanischer Art, um brüchiges Papier zu verfestigen, besteht in der Spaltung des Papierbogens in seiner Ebene und der Einführung eines dünnen, aber kräftigen Stützpapiers zwischen die gespaltenen Hälften. Um diese Verfestigung in großem Maßstab durchführen zu können, ist eine Maschine entwickelt worden, die mindestens 2000 Blätter pro Tag behandeln kann. Das Verfahren, bisher nur in langwieriger Handarbeit ausgeführt, ist wohl das eleganteste überhaupt zur Lösung des Problems brüchigen Papiers und die Papierspaltmaschine ein wertvoller und nützlicher Fortschritt auf dem Gebiet der Bestandserhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut. -- In der folgenden Kolumne werden diese Überlegungen wieder auf die Fotografie zurückgeführt.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 8 (1995), S. 5






© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.08.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek