Über die Restaurierung von Fotografien (Teil III)

Klaus B. Hendriks, Ottawa

In der letzten Ausgabe des RUNDBRIEF FOTOGRAFIE wurden chemische Verfahren zur Restaurierung verfärbter und verbleichter Schwarzweißfotografien besprochen. Es wurde betont, daß solche Verfahren auf soliden technischen Grundlagen beruhen, daß sie aber nicht mechanisch, d. h. ohne Kontrolle, ausführbar sind. Sie erfordern einige Kenntnis und Erfahrung, die es dem Restaurator ermöglichen, den Erfolg einer chemischen Behandlung im voraus abzuschätzen. Man verfährt am sichersten, wenn zunächst einige Untersuchungen durchgeführt werden, die Aufschluß über den Zustand der Gelatineschicht [1] und die Art der Verbleichung des Bildsilbers geben. Das erfordert kompliziertes und teures Laboratoriumsgerät. Es wurden zwei Artikel zitiert über in Dänemark und Kanada ausgeführte Arbeiten, veröffentlicht in Zeitschriften, deren Manuskripte vor der Drucklegung von Fachkollegen beurteilt werden. Sie geben einen Überblick über die Grundlagen chemischer Behandlungen, einige praktische Anwendungen und mögliche Komplikationen.

Derartige Arbeiten sind in Deutschland seit vielen Jahren erfolgreich durchgeführt worden. Im Rheinischen Bildarchiv in Köln hat sich Klaus-Peter Brendel seit Anfang der 70er Jahre mit der Negativrestaurierung befaßt. Das Ergebnis sind erheblich verbesserte Abzüge in Bezug auf Schärfe, Klarheit und Kontrast von chemisch behandelten Negativen im Vergleich mit Abzügen von unbehandelten Negativen, ganz ähnlich wie es auch J. S. Johnsen gezeigt hat. Brendel, bekannt unter Fachkollegen für seine Bereitschaft seine Erfahrungen zu teilen und mit gutem Rat zu helfen, hat Zusammenfassungen seiner Tätigkeit, bei der das Duplizieren von Originalnegativen eine große Rolle spielt, in Der Archivar (Jahrgang 39, Heft 1, Spalte 53--56, [1986]) und kürzlich in Foto & Labor (Jahrgang 15, Heft 6, S.46--48, [1994]) gegeben. Im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München hat Gerhard Singer, angeregt durch Brendels Arbeiten, Verfahren zur Anfertigung von Duplikatnegativen und zur Negativrestaurierung erfolgreich auf Gelatine-Silber-Negative angewandt. Singer hat einige seiner Arbeiten in einer Broschüre des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege beschrieben und dabei zwei schöne Bildbeispiele veröffentlicht, die die Wirksamkeit der Restaurierung demonstrieren (Denkmalpflege Informationen, Ausgabe D, Nr. 3, [2. Juli 1987]). Die Entfernung eines bläulichen, metallisch glänzenden Silberbelags auf Negativen, auf die schon ein paarmal im RUNDBRIEF FOTOGRAFIE hingewiesen wurde, wird auch von K.-P. Brendel und G. Singer praktiziert und beschrieben. Das Beispiel dieses Verfahrens ist hervorragend geeignet, als Diskussionsgrundlage über die Verdienste und Nachteile einer möglichen chemischen Restaurierung zu dienen. Es soll daher zu einem späteren Zeitpunkt eingehender erörtert werden.

Können verblichene Farbfotografien restauriert werden? Nach unseren bisherigen Kenntnissen ist die Zerstörung organischer Farbstoffe in Farbfotografien nicht umkehrbar. Das mag sich eines Tages ändern, jedoch sind Kenntnisse auf dem Gebiet der Wiederherstellung verblichener Farben auf chemischem Wege bislang nicht beschrieben worden. Als einzige mir bekannte chemische Behandlung erschien vor einigen Jahren ein Vorschlag zur Wiederherstellung der Farbbalance in farbstichig gewordenen Farbdiapositiven. Falls der Farbstich durch Verbleichen nur eines Farbstoffs herrührte, so der Vorschlag, sei es möglich, die beiden noch stärker vorhandenen Farbstoffe chemisch abzubauen, um so die Farbbalance wieder herzustellen ... Jedoch scheint es, daß kein Fall praktischer Anwendung veröffentlicht worden ist.

Was oft als Restaurierung von Farbfotografien bezeichnet wird, besteht in der Regel in der Herstellung farblich verbesserter Kopien, einmal auf fotografischem Wege und zum anderen mit Hilfe digital-elektronischer Bildverarbeitung. Beide sind von M. Mußmann in Nr. 4 dieser Zeitschrift besprochen worden. Die von der Fa. Eastman Kodak in mehreren Ausgaben ihrer Serie Current Information Summary veröffentlichten, hauptsächlich von E. Wiitala und D. A. Koop entwickelten, fotografischen Verfahren haben -- man muß sagen: leider -- keine weite Verbreitung gefunden, wie schon von M. Mußmann erwähnt. Sie wurden auch zur Herstellung farbkorrigierter Kopien von Kinofilmen angewandt (s. C. B. Hunt, J. Soc. Mot. Pict. Tel. Engrs. 65 [10], 99--106, [1981]). In beiden Verfahren werden die verlorenen (d.h. verblichenen) Farbdichten berechnet mit Hilfe der am Bildrand verbliebenen Restdichte, die im Originalzustand die Maximaldichte darstellte. Die verlorenen Farbdichten werden dann entweder fotografisch mit Hilfe von Farbfiltern oder auf elektronischem Wege wieder ersetzt. Beide Verfahren liefern also farbkorrigierte Kopien; das Originaldiapositiv existiert unverändert weiter.

Von Interesse ist hier die Frage, zu welchem Grade eine Restaurierung mit Hilfe chemischer Lösungen oder die Anfertigung farbkorrigierter Kopien den ursprünglichen Farbton eines Bildes wiederherzustellen imstande sind. Wir haben diese Frage bei der Betrachtung der Restaurierung von Schwarzweißfotografien außer acht gelassen und wollen daher jetzt kurz darauf eingehen. Schwarzweißfotografien sind nur in seltenen Fällen neutral schwarz, grau und weiß; sie haben einen ihnen eigenen Farbton, der in den meisten Fällen durch ihre Herstellung bedingt ist, aber auch von der Verarbeitung herrühren kann. So haben fast alle Auskopierpapiere des 19. Jahrhunderts einen warmen Farbton, d. h. sie erscheinen in vielen Schattierungen von braun, braun-violett, rötlich-braun, usw. Ein klar erkennbarer Farbton kommt in Entwicklungspapieren weniger häufig vor, doch gibt es auch hier eine Fülle von Farbvariationen. So hatte die Fa. Agfa in den 30er (?) Jahren ein Fotopapier mit grünlichem Farbstich im Angebot, das Verdex genannt wurde. Die Erfahrung hat nun gezeigt, daß solche Farbtöne in Entwicklungspapieren durch chemische Behandlung nicht wieder hergestellt werden können [2]. Das Ergebnis, wenn erfolgreich, ist immer ein neutral-schwarzweißes Bild, das an Kontrast und Schärfe zugenommen hat.

Welche Faktoren bestimmen nun den endgültigen Farbton in einer Farbfotografie? Zunächst ist da der Farbstoff selbst, der während der Verarbeitung in Farbfotografien nach chromogener Entwicklung in der Bildschicht synthetisiert wird. Es ist klar, daß die Farbstoffe in den Produkten verschiedener Hersteller verschieden sind: Jeder hat seine charakteristischen Eigenschaften. (Fotografen sprechen oft davon: dieser Film hat einen rötlich-warmen Ton, jener zeichnet sich durch klare, kühle Blaus und Grüns aus, usw.) Ferner haben sich offensichtlich die Farbstoffe in den Filmen desselben Herstellers über die Jahre hinweg verbessert bezüglich Farbsättigung, Haltbarkeit, Schärfe und anderer Eigenschaften. Es wäre also schon schwierig zu verlangen, daß eine farbkorrigierte Kopie genau den Farbton des Originals rekonstruieren könnte, d. h. so, wie er vor ein paar Jahrzehnten war.

Es gibt aber noch andere Einflüsse auf den Farbton in einer Farbfotografie. Da ist zunächst einmal die Verarbeitung. U. T. Wernicke, von der Fa. Agfa, berichtete auf einer Tagung in Bangkok 1986 über den Einfluß verschiedener Verarbeitungsverfahren auf die Haltbarkeit von Farbabzügen: Deutliche Unterschiede konnten je nach Fachlabor beobachtet werden. In einem kürzlich erschienenen Aufsatz hat derselbe Autor diese Untersuchungen auf die Farbqualität ausgedehnt (Monatl. Fototechn. Mitt. 1994, Heft 4, S. 36--42). Danach trägt der Hersteller zu 30% zur technischen Qualität eines Farbfotos bei, die Art der Belichtung ebenfalls zu 30%, und die Verarbeitung ist zu 40% für die Bildeigenschaften verantwortlich! Daß die Verarbeitung, geprüft an hundert verschiedenen Laborbetrieben, eine so große Rolle spielt, dürfte den Kenner noch nicht zu sehr überraschen. Aber es gibt noch eine Reihe anderer Faktoren, die die Bildqualität beeinflussen, mindestens ein halbes Dutzend, darunter Farbabweichungen, die von verschiedenen Studioblitzleuchten und Objektiven verursacht werden.

Wer kann, angesichts der enormen Schwierigkeit, fotografisch ein farbgetreues Abbildung der Wirklichkeit zu erstellen, beanspruchen, daß das fertige Farbbild genau die Absichten des Fotografen wiedergibt -- und zu bestimmen, mit welcher Farbqualität und -dichte die verbesserte Kopie versehen werden soll?

Die Antwort hängt mit der Physiologie des Sehens zusammen. Viele Motive auf Farbfotos zeigen die sog. „memory colors"; d. h. unser Gedächtnis sagt uns, daß der Himmel blau ist, das Gras grün, die (meisten) Blumen rot und die Berge in der Ferne dunstig-blau. Selbst wenn die Farbreproduktion eines Bildes mit solchen Motiven objektiv ungenau wäre, sagte uns unser Gedächtnis dennoch, daß die Originalszene genau so war wie auf dem Foto.

Eine Ausnahme bildet die Reprofotografie. Wenn eine farbige Vorlage im Studio auf Farbfilm kopiert wird, kann das Ergebnis in einer Stunde vorliegen und kritisch beurteilt werden; der Fotograf kann es dann mittels Variationen in der Belichtung oder durch den Gebrauch von farbigen Filtern korrigieren. Darum ist farbige Reprofotografie auch eine der anspruchsvollsten Arbeiten in der Fotografie.

Farbkorrigierte Kopien von verblichenen Farbfotografien, ob auf fotografischem oder auf elektronischem Wege erhalten, sollen in Farbdichte, Kontrast und Schärfe verbesserte Bilder sein. Den ursprünglichen Farbton genau wiederherzustellen vermögen sie jedoch nicht.

Anmerkungen

[1] Alle bisher besprochenen Verfahren zur Restaurierung verfärbter Schwarzweißfotografien in chemischen Lösungen beziehen sich auf Gelatine-Silber-Fotografien.

[2] Verblichene Auskopierpapiere können überhaupt nicht durch die Methode der Umentwicklung restauriert werden.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 6 (1995), S. 5/6






© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.08.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek