Über die Restaurierung von Fotografien (Teil I)

Klaus B. Hendriks, Ottawa

 

Die Restaurierung von verblichenen oder verfärbten Fotografien mit Hilfe einer Behandlung in chemischen Lösungen ist schon einige Male in dieser Zeitschrift erwähnt worden, sei es als Thema eines Artikels oder in der Form eines Leserbriefes. Es ist ein Thema von großem Interesse für Kustoden, d.h. sowohl für (Foto-) Historiker als auch für die für das Wohlergehen von Fotosammlungen verantwortlichen, technisch ausgebildeten Konservatoren/Restauratoren.

Das Wort Restaurator, das ja in engerer Bedeutung jemanden bezeichnet, der beschädigtes Kulturgut wiederherstellt, also aktiv in dessen Zustand eingreift, wird im Deutschen in einem viel weiteren Sinne gebraucht, nämlich auch für alle diejenigen, die sich um die Erhaltung, also das Vermeiden oder Verhindern von Zerfall und Schaden bemühen. Die kürzlich besetzte Stelle eines Foto-Restaurators im Fotomuseum der Stadt München beinhaltet offenbar andere Pflichten, als das Wiederherstellen von beschädigten Fotografien: Die Inhaberin dieser Stelle beschreibt in Nr. 3 dieser Zeitschrift die Aufgaben, welche diese Fotosammlung am vordringlichsten braucht, und da ist von Restaurierung mit keinem Wort die Rede. Offenbar ist man sehr vorsichtig mit Angaben darüber, was denn nun an Restaurierungsarbeiten an Fotografien getan werden kann und tatsächlich ausgeführt wird. Ich erinnere mich, als vor drei Jahren während einer Podiumsdiskussion auf der ersten ARSAG-Tagung in Paris ein europäischer Teilnehmer fragte, ob in Amerika Fotografien als Teil der Restaurierung retuschiert würden. „Of course!" kam die spontane Antwort einer amerikanischen Kollegin, „aber natürlich", sehr zum Erstaunen einiger Zuhörer. Der Vorgang bestätigt die Ungewißheit darüber, was als akzeptiert und angemessen angesehen werden kann. Schon die gegebene Antwort kann den Restaurator in Schwierigkeiten bringen: Es können sowohl ästhetische Bedenken vorgebracht werden, als auch Fragen technischer Art, was nämlich die Wahl der Materialien angeht, ihre Anwendung usw.

Die Restaurierung von Kunstwerken ist lange Zeit eine etwas geheimnisvolle Angelegenheit gewesen. Es war durchaus nicht immer üblich, dem Kunden einen genauen Bericht mitzuliefern, der die ausgeführten Arbeiten und verwendeten Materialien beschreibt; und manche Privatkunden sind auch heute noch nicht über ihr Recht aufgeklärt, dies zu verlangen (zusammen mit einem genauen Kostenvoranschlag und einer Schätzung der benötigten Zeit). Diese Ungewißheit über die praktische Restaurierung von Fotografien erklärt den Reiz von Büchern wie die Wiederherstellung alter photographischer Bilder und Reproduktion derselben etc. von E. Stenger oder des 1985 erschienenen Werks von M. Hansch: Frühe Photographien -- ihre Technik und Restaurierung. Beide enthalten eine Reihe von Formeln und Rezepten, die angeblich zahlreiche Vergilbungen und Verfärbungen in den verschiedenen Arten von Fotografien beseitigen und diese wieder in altem Glanz erscheinen lassen. Vielleicht sollte man hinzufügen: Die Anwendung solcher Rezepte ist wirksam in den Händen der betreffenden Autoren, d.h. mit Hilfe deren reichhaltiger praktischer Erfahrung.

Nun sollte man sich nicht immer auf die Erfahrung anderer verlassen müssen. Es wäre wünschenswerter, weil nützlicher, wenn objektive Maßstäbe entwickelt würden, an denen man den Erfolg von Restaurierungsarbeiten messen kann. Das ist genau ein Hauptproblem aller Restaurierung, besonders bei Objekten, die keine spezifische Gebrauchsfunktion haben. So muß z.B. ein reparierter und restaurierter Gebrauchsgegenstand wieder funktionieren: Ein Traktor sieht nicht nur wieder schön aus, er läuft auch wieder; eine Tür, frisch repariert und angemalt, schließt wieder; ein Boot, kalfatert und lackiert, schwimmt auch wieder usw. Bei Kunstwerken ist das nicht so einfach. Die Frage, ob und wie Ölgemälde gereinigt und ob und wie sie retuschiert werden sollen, hat Diskussionen verursacht, die ganze Bände füllen.

Im Gegensatz dazu sind Fotografien in Aufbau und Struktur Erzeugnisse einer hochentwickelten Industrie, die zahlreiche Meßmethoden entwickelt hat, um die Eigenschaften fotografischer Bilder zu bestimmen. Beispiele solcher Eigenschaften sind Schwärzung, Farbe, Schärfe und Auflösungsvermögen. Die Silberkörner in Schwarzweißfotografien haben unterschiedliche Größe und Form, die beobachtet und gemessen werden können. Die Träger Film oder Papier haben quantitativ erfaßbare Dimensionen und Festigkeitseigenschaften. Schließlich hat die Gelatineschicht, die die Bildsubstanz beherbergt, eine meßbare und wandelbare Dicke: In wässriger Lösung schwillt sie auf, um sich beim Trocknen wieder zusammenzuziehen. Dieser Vorgang hat maßgeblichen Einfluß auf die Festigkeit oder Stärke der Gelatineschicht: Je mehr sie anschwillt, umso schwächer wird sie, was man durchaus im Labor messen kann. Läßt man eine Fotografie irgendwelcher Art -- sei sie in Schwarzweiß, auf Film, Papier oder Glasplatte -- nur lange genug im Wasser liegen, so trennt sich ihre Gelatineschicht von der Unterlage ab und löst sich endlich in Wasser auf. Dieser Vorgang kann von zwei Tagen bis zu vier Wochen dauern.

Hier hätten wir also einige Beispiele von meßbaren Eigenschaften, die zur Beurteilung der Restaurierung einer Fotografie herangezogen werden können: Das Bild darf nicht unscharf werden; der Bildkontrast darf sich nicht verändern; es muß seinen ursprünglichen Bildton behalten oder wiedererlangen, usf.

Die vorstehenden Bemerkungen beziehen sich auf Restaurierungsarbeiten in chemischen Lösungen. Sie sind attraktiv aus der Beobachtung heraus, daß eine Fotografie ihre Entstehung einer Serie von chemischen Reaktionen verdankt und es daher naheliegt, diese oder ähnliche Reaktionen zu ihrer Restaurierung heranzuziehen. Das ist das Hauptthema der beiden oben angeführten Bücher. Daneben gibt es eine Reihe mechanisch-handwerklicher Methoden, um beschädigte Fotografien zu reparieren: Verstaubte und verschmutzte Negative und Abzüge können gereinigt werden; zerbrochene Negativglasplatten können zusammengefügt werden; aufgerollte Papierbilder können entspannt und eingerissene Fotografien können repariert werden. Hierher gehört auch die schon erwähnte Retusche: Bildsubstanz, bestehend aus Gelatine plus Silberkörnern oder Gelatine plus Farbstoff, die z.B. durch Bakterien unwiederbringlich verzehrt worden ist, kann nur durch Retusche wieder ersetzt werden. Auch in der Papierrestaurierung ist es ratsam, zwischen derartigen mechanischen Eingriffen und chemischen Behandlungen, wie z.B. Waschen, Entsäuern und Bleichen, zu unterscheiden.

Wir werden im zweiten Teil das Thema chemischer Restaurierung von Schwarzweißfotografien etwas eingehender besprechen. In einer abschließenden Kolumne soll dann die Restaurierung von Farbfotografien untersucht werden. 

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 4 (1994), S. 5/6






© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.08.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek