Ein Überblick über die Literatur zur Bestandserhaltung (Teil II)

Klaus B. Hendriks, Ottawa

 

Für den Überblick über die Literatur zur Bestandserhaltung fotografischer Bilder in deutscher Sprache beginnen wir wieder mit dem technisch orientierten Schrifttum. Mit einer Ausnahme werden nur Veröffentlichungen in Buchform genannt, beginnend mit der Schwarzweißfotografie. Zunächst aber eine Korrektur zum ersten Teil in der Nummer 2 dieser Zeitschrift: Es sind während der letzten drei Jahrzehnte mehr als 30 Bücher oder Heftchen zur Erhaltung von Fotografien erschienen, nicht aber 300, wie vorher gedruckt. Einige davon werden in dieser Übersicht empfohlen, andere sind schon in der ersten Folge behandelt worden.

Unsere Besprechung beginnt mit einem herausragenden Werk, das wohl nicht seinesgleichen hat: J. M. Eders „Ausführliches Handbuch der Photographie", erschienen Ende der zwanziger Jahre in vier Bänden (Band I bis IV), von denen wieder, mit Ausnahme des dritten Bandes, jeder vier Teile hat. Rein theoretische Abhandlungen über Fotochemie und fotografische Objektive können hier ruhig unbeachtet bleiben, jedoch sind diejenigen Bände, die die verschiedenen fotografischen Verfahren behandeln, von außerordentlicher Bedeutung. Der erste Band ist eine „Geschichte der Photographie", ein umfangreiches Kompendium technischer Verfahren, also nicht eine Geschichte von Fotografen und ihrer Bilder. Wohl das einzige Werk Eders, welches ins Englische übersetzt wurde, ist es heute noch nützlich und lesenswert.

Der Beginn der Fotografie wird in dem Band: „Die Daguerreotypie und die Anfänge der Negativphotographie auf Papier (Talbotypie, Niepcotypie und ältere Negativverfahren)" dargestellt. Als interessantes Nebenprodukt der Lektüre dieses Buches sei die Erkenntnis erwähnt, daß es im ersten Jahrzehnt nach der Erfindung der Fotografie keine dem neuen Medium gewidmete Zeitschrift gab. Beobachtungen und Versuche der frühen Fachleute wurden in philosophischen und polytechnischen Zeitschriften veröffentlicht. Die erste fotografische Fachzeitschrift wurde erst 1851 gegründet. -- Band II, 2. Teil beschreibt „Die Photographie mit dem Kollodiumverfahren", d. h. sowohl die Herstellung von Negativen als auch die Halogensilber-Kollodium-Emulsionen für Papierabzüge. Der Band zeichnet sich, wie auch alle anderen, durch eine unglaubliche Fülle von Beobachtungen und Literaturzitaten aus. (Preisfrage: Welche um die Jahrhundertwende hergestellten Studioportraits, oft im Visitenkartenformat, sind noch heute in bestem Zustand erhalten: bläulich-violetter Bildton; kein Aussilbern in den Schatten, die klar durchgezeichnet sind; und rein weiße, nicht vergilbte Lichter? Man findet's im Eder.)

Drei weitere Bände vervollständigen die Abhandlungen über die Fotografie der auf der Lichtempfindlichkeit von Silberhalogeniden beruhenden Verfahren: „Die Grundlagen der photographischen Negativverfahren" von Dr. Lüppo-Cramer; „Die Fabrikation der photographischen Platten, Filme und Papiere und ihre maschinelle Verarbeitung" von F. Wentzel; „Die Verarbeitung der photographischen Platten, Filme und Papiere" von J. M. Eder, Dr. Lüppo-Cramer, F. Wentzel, M. Andresen und A. Tanzen; und schließlich: „Die photographischen Kopierverfahren mit Silbersalzen (Positiv-Prozess) und Die photographischen Roh- und Barytpapiere" (Band III, 1. Teil; von F. Wentzel). Dies sind, wie gesagt, technische Abhandlungen, die die Herstellung und Eigenschaften der zahlreichen Varianten verschiedener Produkte, bis hin zu einzelnen Firmenprodukten und Markennamen, besprechen. Es ist klar, daß die hier behandelte Technologie den Forschungsstand der zwanziger Jahre darstellt, des Erscheinungsdatums des Ederschen Handbuchs. Das bedeutet, daß die Entwicklung der verschiedenen fotografischen Verfahren vom Beginn des Mediums bis Ende der zwanziger Jahre lückenlos erfaßt ist -- ein wahrer Segen für Fotohistoriker und -archivare, die sich um die Erhaltung ihrer Sammlungen bemühen.

Der Band IV des Ederschen Werkes enthält drei weitere Teile über Kopierverfahren ohne Silbersalze: „Das Pigmentverfahren, Öl-, Bromöl- und Gummidruck" von J. M. Eder; „Heliogravüre und Rotationstiefdruck", ebenfalls von Eder; und „Lichtpausverfahren und Kopierverfahren ohne Silbersalze", von J. M. Eder und A. Trumm. Diese Bücher stellen, ebenso wie diejenigen über die konventionellen Verfahren mit Silbersalzen, eine unerschöpfliche Fundgrube über Geschichte und Praxis der überaus zahlreichen Methoden dar, um Gegenstände abzubilden oder Schriften zu kopieren.

Verschiedene Kopierverfahren, um positive Abzüge im allgemeinen auf Papier herzustellen, sind zusammenfassend von E. Stenger in dem Band „Die Kopierverfahren" dargestellt worden. Er beschreibt Verfahren mit und ohne Silbersalz, und ist als II. Band, 3. Teil des von H. W. Vogel herausgegebenen „Handbuch der Photographie" im Jahre 1926 erschienen.

Von den neueren Veröffentlichungen wird ein nützlicher Band mit technischen Einzelheiten über moderne Verfahren empfohlen: „Chemie photographischer Prozesse", von H.-M. Barchet (Akademie-Verlag, Berlin 1973).

Als Ausnahme zu der Regel, nur Literatur in Buchform in diese Übersicht aufzunehmen, sollen drei Artikel von Edith Weyde erwähnt werden; zunächst: „Größe und Form des entwickelten Silberkornes und seine Beziehungen zu bildwichtigen Eigenschaften", Photographische Korrespondenz 98 (1), 7--12 (1962). Der Titel zeigt den Inhalt des Artikels an: Er ist deshalb so wichtig, weil eben auch die Haltbarkeit eines Schwarzweißbildes letzten Endes von der Größe des Silberkornes (ob auskopiert oder entwickelt) abhängt. So kann man in einfachen Laboratoriumsversuchen schön zeigen, daß Salzpapiere (keine schützende Bildschicht!) von allen historischen Schwarzweißfotografien am empfindlichsten gegenüber chemisch aggressiven Oxidationsmitteln sind, gefolgt von Abzügen auf Albuminpapier (Schutzschicht aus Albumin!); Chlorsilbergelatine-Auskopierpapier (Bildschicht aus Gelatine, aber kleines Silberkorn); Gaslichtpapiere (ausentwickelt; niedrige Lichtempfindlichkeit: vergleichsweise kleine Silberkörner); und, am beständigsten, den Vergrößerungspapieren (Bromidpapiere: früher große kompakte Silberkörner). Weydes Artikel beschreibt die verschiedenen Strukturen der Silberkörner und gibt an, wie der Hersteller und teilweise auch der Fotograf durch die Wahl geeigneter Verarbeitungsverfahren, diese Morphologie des Bildsilbers steuern und beeinflußen kann. E. Weyde war wohl auch die erste, die die Oxidation des Bildsilbers als hauptsächlichen Grund der Verbleichung oder Verfärbung von Schwarzweißfotografien erkannt und beschrieben hat, zumindest im deutschen Schrifttum. Zwei weitere wichtige Veröffentlichungen zu diesem Thema sind: „Stabilität von Silberbildern", Chimia 23 (1), 42--43 (1969); und: „A Simple Test to Identify Gases Which Destroy Silver Images", Photographic Science and Engineering 16 (4), 283--286 (1972).

Auf dem Gebiet der Farbenfotografie bot das Werk von W. Schultze eine erste zusammenfassende Darstellung theoretischer Zusammenhänge: „Farbenphotographie und Farbenfilm" (Springer Verlag, 1953). Im Jahre 1967 erschien der Band „Farbphotographie. Theorie und Praxis" von E. Mutter, das bis dahin umfangreichste Werk in deutscher Sprache über den damaligen Stand des Gebietes. Es behandelt sogar schon das Polacolor-Umkehrverfahren zur Herstellung von Sofortbildern in Farbe. Ein wertvoller Beitrag, da technisch auf hohem Stand.

Jedoch kann wohl kein Buch als allgemeinverständliche und zugleich umfassende Darstellung so stark empfohlen werden wie G. Koshofers dreibändige „Farbfotografie", erschienen 1981 im Münchner Verlag Laterna Magica. Band 1 beschreibt u.a. die Farbrasterfotografie, die Pigmentverfahren und Silberfarbstoff-Bleichverfahren; Band 2 die Verfahren mit chromogener Entwicklung und das farbige Sofortbild; und Band 3 ist ein Lexikon der Verfahren, Geräte und Materialien. Der Verfasser, der in zahlreichen Artikeln und Broschüren die Geschichte der Farbfotografie und der in ihr verwendeten Materialien nachgezeichnet hat, hat hier in mühseliger Kleinarbeit die zahlreichen Verfahren in allen Einzelheiten beschrieben, besonders die diversen chromogenen Farbfilme und ihre Verarbeitung. Hochinteressant zu lesen, und trotz vieler technischer Einzelheiten stellenweise geradezu spannend, ist die Entwicklung der Agfa-Filme vor und während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach. Für besonders an farbigen Kinofilmen interessierte Leser ist das Buch „Color. Die Farben des Films", von G. Koshofer, sehr zu empfehlen (Verlag Volker Spiess, Berli, 1988).

Das von dem langjährigen Agfa-Mitarbeiter H. Berger verfaßte und in neun Auflagen (die letzte im Jahre 1972) erschienene Buch „Agfacolor" beschreibt die verschiedenen farbfotografischen Verfahren der Fa. Agfa, hat aber als praktischer Ratgeber an Wert verloren, seit die Agfa ihre Farbfilme auf Negativverfahren C-41 und Umkehrverfahren E-6 umgestellt hat und das Silberfarbbleich-Verfahren CU 410 längst eingestellt ist. Das Werk ist also hauptsächlich von historischem Interesse.

Schließlich kommen wir zum Abschluß zu der Literatur, die sich mit der Identifizierung, Erhaltung und Restaurierung fotografischer Bilder befaßt. Das schöne Buch von R. Knodt und K. Pollmeier „Verfahren der Fotografie" bringt zahlreiche Bildbeispiele verschiedener Verfahren sowie eine Darstellung ihrer geschichtlichen Entwicklung. Zur Identifizierung sind Oberflächenausschnitte verschiedener Arten von Fotografien in fünf- bis zwanzigfacher Vergrößerung abgebildet. Ein kurzer Abschnitt erläutert das Wichtigste zur Aufbewahrung und Handhabung von Fotografien.

Drei Bücher behandeln direkt die Erhaltung und Restaurierung von Fotografien: „Wiederherstellung alter photographischer Bilder und Reproduktion derselben im ursprünglichen und neuzeitlichen Verfahren" von E. Stenger, erschienen 1920; „Frühe Photographien -- ihre Technik und Restaurierung" von M. Hansch, erschienen 1985; und „Fotografien in Museen, Archiven und Sammlungen" von M. Schmidt, erschienen 1994. Ein Vergleich dieser drei Schriften zeigt, daß die Autoren Stenger und Hansch dem Reiz der chemischen Restaurierung verblichener Schwarzweißbilder nicht widerstehen konnten: Formeln und Rezepte dazu sind zahlreich in ihren Büchern abgedruckt. Leider wurde wenig Mühe darauf verwendet, den Gründen für das Verbleichen nachzugehen, dessen Mechanismus zu erforschen und dementsprechend nach Wegen zu suchen, die Verbleichungsreaktion chemisch umzukehren. Beide Bücher sind höchst lesenswert, wenn sie auch neben einigen Perlen allerlei Vorschläge und Rezepte enthalten, die mit Vorsicht zu genießen sind. So gelten z.B. die von Hansch angegebenen Lösungen zur Reinigung von Daguerreotypien heute als überholt, sowohl diejenigen, die Kaliumzyanid verwenden, als auch solche, die Phosphorsäure in Gegenwart von Thioharnstoff enthalten. Hansch beschreibt eine recht komplizierte Formel, die ihm E. Stenger gelegentlich eines Besuches empfohlen hatte. Dieselbe Formel ist natürlich auch in Stengers eigenem Buch zu finden. Obwohl Hansch nun das letztere nicht in seinen Literaturempfehlungen zitiert, schreiben beide Autoren gleichlautend: „Diese Behandlung (Verfahren) soll den Bildgrund bleichen und die Bildfarbe verbessern." Es klingt ganz so, als ob keiner von beiden diese Behandlung jemals ausprobiert hätte.

Im Gegensatz dazu hat M. Schmidt bewußt auf die Beschreibung von derlei Restaurierungsmethoden verzichtet. Ihr Buch ist ein disziplinierter Versuch, die hauptsächlichen fotografischen Verfahren zu beschreiben, die von ihnen produzierten Bilder zu identifizieren und genaue Angaben zu Handhabung, Archivierung und Gebrauch in Ausstellungen zu geben. Schmidts Buch enthält das Grundwissen, das Fotohistoriker und -archivare brauchen, um sich fachgerecht um ihre Sammlungen kümmern zu können. Erst wenn sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß es vorrangig gilt, Schaden zu vermeiden, kann man an die Restaurierung schon beschädigter Bilder denken.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 3 (1994), S. 5





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.08.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek