Eine Übersicht über die Literatur zur Bestandserhaltung

Klaus B. Hendriks, Ottawa

 

Es herrscht wohl Übereinstimmung darüber, daß gute Kenntnisse der Objekte, die man bewahren und pflegen will, nicht nur nützlich sondern sogar notwendig sind. Die folgende Übersicht behandelt daher sowohl einige Texte zur Erhaltung fotografischer Bilder als auch Bücher rein technischen Inhalts, die fotografische Verfahren und deren Produkte beschreiben. Mit einer Ausnahme besprechen wir in diesem ersten Teil Werke in englischer Sprache. Die Besprechung deutschsprachiger Literatur soll in einer zukünftigen Ausgabe dieser Zeitschrift erscheinen.

Von dem umfangreichen - und immer noch anschwellenden - Schrifttum in englischer Sprache über die Geschichte der Fotografie sind die Arbeiten von B. Newhall und H. und A. Gernsheim wohl die bekanntesten. Newhalls The history of photography ging aus dem illustrierten Katalog einer Ausstellung hervor, die der Verfasser im Jahre 1937 am Museum of Modern Art in New York organisierte. Seither hat das Museum mindestens fünf weitere Auflagen dieses wichtigen Buches veröffentlicht. H. und A. Gernsheims History of photography from the camera obscura to the beginning of the modern era, 1969 von McGraw-Hill in New York verlegt, gilt ebenfalls als ein Standardwerk. The origins of photography von H. Gernsheim, 1982 bei Thames and Hudson in London erschienen. beschreibt im einzelnen die zahlreichen Entwicklungen, die der Erfindung der eigentlichen Fotografie vorausgingen, sowie die Anfange der Lichtbildnerei. Die Werke dieser Autoren kennzeichnen den Übergang von Darstellungen technischer Einzelheiten fotografischer Verfahren zu einer Behandlung der Fotografie als ein Mittel künstlerischer Betätigung.

Lesenswert für die an der industriellen Entwicklung der Fotografie Interessierten sind von F. Wentzel Memoirs of a photochemist (Philadelphia: American Museum of Photography: 1960) und von C.E.K. Mees From dry plates to Ektachrome film (New York: Ziff-Davis, 1961). Wentzel hatte zunächst in der deutschen fotografischen Industrie gearbeitet und war Verfasser zweier, noch zu besprechender Bande in J.M. Eders berühmtem Handbuch der Photographie. Ende der zwanziger Jahre ging er nach Amerika. wo er für die Agfa-Niederlassung Ansco in Binghampton, NY, arbeitete Sein Bericht enthält viele wissenswerte Einzelheiten über die industrielle Herstellung fotografischer Materialien, insbesondere von Fotopapieren und deren Prüfung. Kenneth Mees war der erste Leiter der von George Eastman im Jahre 1912 gegründeten Forschungsabteilung der Fa. Kodak. eine Stellung, die er bis 1949 innehatte und bis 1954 ehrenhalber ausfüllte Es gibt also kaum einen Autor, der besser befähigt wäre als Mees, die Entwicklung der Fotografie unter technischen Gesichtspunkten zu beschreiben, selbst wenn der Verfasser - wie übrigens auch Wentzel - natürlich Rücksicht auf die Geheimhaltungspflicht gegenüber seiner Firma nehmen mußte. Was übrig bleibt, ist faszinierend genug in der Darstellung der zahlreichen Schwierigkeiten, die immer wieder während der Entwicklung neuer Produkte überwunden werden mußten.

Wir sind nun auf dem Weg von der allgemeinen Geschichte der Fotografie über Darstellungen der industriellen Entwicklung zur Wissenschaft und Technologie der Fotografie. So sollen hier noch vier Werke vorgestellt werden, die eine Fülle von nützlichem Wissen enthalten - auch wenn wir als Nicht-Spezialisten nicht immer alles verstehen -, und daher immer wieder als Nachschlagewerke dienen. Das anspruchvollste dieser Werke ist die 4. Ausgabe des ursprünglich von C.E.K. Mees verfaßten The theory of the photographic process, herausgegeben von T.H. James (New York: Macmillan; 1977). Ausschließlich von Mitarbeitern der Fa. Eastman Kodak geschrieben, beschreiben die verschiedenen Kapitel nahezu alle Gebiete der wissenschaftlichen Fotografie. Von Interesse zum Thema Erhaltung wären z.B. die Abhandlungen über die Verarbeitung von Schwarzweißfotografien oder die Eigenschaften der Gelatine.

Etwas leichter zugänglich ist Neblette's handbook of photography and reprography, von dem sowohl die 7. Auflage, 1977 herausgegeben von J. Sturge, als auch die 8. Auflage, 1989 veröffentlicht von J. Sturge, V. Walworth und A. Shepp als Herausgebern, empfohlen werden (New York: Van Nostrand Reinhold). Hier kommt eine Reihe von Fachleuten aus verschiedenen Firmen und Universitäten zu Wort, die zuverlässig und verständlich über verschiedenste Verfahren referieren, namentlich auch über solche, die nicht auf der Lichtempfindlichkeit von Silberhalogeniden beruhen. Schließlich sollen noch das SPSE Handbook of photographic science and engineering (New York: John Wiley and Sons; 1973), herausgegeben von W. Thomas, und von G. Haist Modern photographic processing (New York: John Wiley and Sons; 1973) als brauchbare Nachschlagewerke erwähnt werden. Damit kommen wir zu zwei Büchern mit direktem Bezug auf die Erhaltung von Fotografien: A guide to early photographic processes von B. Coe und M. Haworth-Booth (London: Victoria and Albert Museum; 1983) und J.M. Reillys Care and identification of 19th centvry photographic prints (Rochester, NY: Eastman Kodak Co; 1986). Letzteres erfreut sich einiger Beliebtheit wegen seiner zahlreichen Mikrofotografien der Oberflächen verschiedener Typen von Fotografien. Die Fa. Kodak hat noch ein anderes beliebtes Büchlein veröffentlicht: Conservation of photographs (Rochester, NY; 1985). Dann gibt es noch das leider nur auf Englisch erschienene Fundamentals of photograph conservation: a study guide (Toronto: Lugus Publications; 1991), in dem der Verfasser [Klaus B. Hendriks; Red.] mit einigen Mitarbeitern seine Erfahrungen zusammengestellt hat. Von englischer Literatur über Farbfotografie sind zunächst zwei monumentale Schmöker über ihre Geschichte zu nennen: J.S. Friedmanns History of color photography und von E.J. Wall The history of three-color photography, beide nachgedruckt von Focal Press New York im Jahr 1968 bzw. 1970. Beide Bände enthalten eine Unmenge von technischen Einzelheiten, Patente und zahlreiche Ideen und Vorschläge, um farbige Fotografien herzustellen, die sich dann als Sackgasse erwiesen (Ideal für Erfinder, die neue Farbverfahren entwickeln, aber eben diese Sackgassen vermeiden wollen!). Die Grundlagen moderner farbfotografischer Technologie werden von R.M. Evans, W.T. Hanson und W.L. Brewer dargestellt in Principles of color photography (New York: John Wiley and Sons; 1953). Seit dieser Zeit ist kein umfassendes Buch mehr über Farbfotografie in englischer Sprache erschienen. Als knappe aber präzise Abhandlung ist das sehr lesenswerte fünfte Kapitel Color photography von P. Krause in Neblettes 8. Auflage zu nennen (Imaging processes and matenals: Neblette's eighth edition. New York: Van Nostrand Reinhold; 1989). Für besonders an Kinofarbfilmen interessierte Leser sei eine Beschreibung der frühen Anfänge, mit guter Darstellung der Technicolorfilme, empfohlen: Color cinematography von A. Cornwell-Clyne (London: Chapman & Hall; 1951).

Für den allgemeinen Hausgebrauch haben verschiedene Hersteller kleine Broschüren herausgebracht, wie die oben erwähnte von Kodak. Storing, handling and preserving Polaroid photographs: a guide ist 1983 erschienen (Boston: Focal Press) und enthält neben schönen Bildern wertvolle Hinweise zur Erhaltung von Polaroidfotografien. Die Ilford Photo Corporation veröffentlichte 1988 ein nützliches Büchlein: Mounting and laminating Cibachrome display print matenals and films (Paramus, NJ: llford Photo Corporation).

Letztes Jahr veröffentlichte die amerikanische Preservation Publishing Company ein 700 Seiten starkes Buch über die Erhaltung von Farbfotografien: Permanence and care of color photographs von H. Wilhelm. In seiner Behandlung der Stabilität von Farbabzügen, -negativen, -dias und Kinofilmen vermischt der Autor unbekümmert eine Fülle von wertvollen Daten über die Lichtbeständigkeit und Dunkelhaltbarkeit dieser Bilder mit unangemessenen Kommentaren und Schlußfolgerungen über Firmen der fotografischen Industrie und Museumsinstitute. Man tue gut daran, die experimentellen Daten von deren Interpretation zu trennen. Diese Daten, von Wilhelm in nahezu zwanzigjähriger Arbeit gesammelt, rechtfertigen jedoch den Ankauf des Buches.

Als Ausnahme der eingangs gemachten Ankündigung, daß nur Bücher in englischer Sprache besprochen wurden, nennen wir zunächst den Klassiker von L.P. Clerc, La technique photographique, zuerst 1926 erschienen und später in weiteren Auflagen; dann Chimie et physique photographiques von P. Glafkidès (Paris: Publications Photo-Cinéma Paul Montel; 1976); und schließlich von B. Lavédrine La conservation des photographies (Paris: Presses du CNRS; 1990). Letzteres enthält neben seiner Nützlichkeit als Quelle fototechnischer Terminologie auch einige frische Ideen zur Bestandserhaltung.

Der vorgehenden Betrachtung liegt natürlich eine persönliche Auswahl zugrunde: Die genannten Titel sind von mir am nützlichsten empfunden worden. Immerhin sind während der letzten drei Jahrzehnte weit mehr als 300 (!) Bücher oder Büchlein zur Erhaltung von Fotografien erschienen. Zwischen 1920 und 1960 waren es nur drei. Die Zahl schließt nicht die rein technischen Handbücher ein. Falls jedoch hier ein wichtiger Titel übersehen sein sollte, bitte ich um Mitteilung, sodaß Auslassungen berichtigt werden können.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 2 (1994), S. 4/5





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.08.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek