Konzept einer Kolumne

Klaus B. Hendriks, Ottawa

Letzten Sommer fragte mich Wolfgang Hesse ganz unvermittelt, ob ich bereit wäre einen regelmäßigen Beitrag, in Form einer Kolumne, zur neuen Zeitschrift Rundbrief Fotografie zu liefern. Ebenso unvermittelt habe ich zugesagt. Bei weiterem Überlegen wurde mir klar. daß eine einführende Erklärung vielleicht von Nutzen sein könnte, um den Zweck, Inhalt und Rahmen dieses Beitrags zu erläutern und gleichzeitig abzugrenzen. Zunächst scheint es mir wichtig klarzustellen, daß die Artikel in dieser Kolumne die Kenntnisse und Erfahrungen widerspiegeln, die wir durch unsere Studien und experimentellen Arbeiten am kanadischen Nationalarchiv gesammelt haben. In diesem Sinne reflektieren unsere Beurteilungen anderer Arbeiten, Konzepte und vorgeschlagener Hilfsmittel zur Erhaltung von Photographien eigene Erfahrungen und Vorurteile. Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Es ist ja nicht so, daß das Gebiet der Erhaltung von Photographien ein voll entwickeltes oder gar abgeschlossenes Wissensgebiet wäre. Der Interessentenkreis, der sich mit der Erhaltung von Photographien beschäftigt, ist groß. Er reicht von Archivaren, Bibliothekaren und Leitern von Sammlungen über Restauratoren bis zu naturwissenschaftlich Ausgebildeten, die die Haltbarkeit von Photographien systematisch untersuchen. Da ist es selbstverständlich, daß es zahlreiche Meinungen gibt, oft von persönlicher Natur, die nicht notwendigerweise auf technischen Kenntnissen beruhen. Die Ansichten dieser Kolumne sind durchaus voreingenommen zugunsten einer Betrachtungsweise, deren Schlußfolgerungen auf fest belegten empirischen Beobachtungen und in Laboratoriumsversuchen gefundenen Daten beruhen.

Dementsprechend ist vorgesehen, von Zeit zu Zeit einige fest etablierte Teilaspekte unseres Gebietes zu besprechen und kritisch zu beurteilen. Die englische Sprache benutzt dafür das Wort "tutorial", das mit Kolloquium nur unzureichend übersetzt wird. Gemeint ist ein Überblick über ein Thema, dessen Inhalt eigentlich jedermann bekannt sein sollte, das es aber verdient, im Rahmen einer Kolumne (wieder einmal) untersucht zu werden. Um ein Beispiel zu nennen: Es ist geplant. einen Überblick über die technisch-wissenschaftliche Literatur in Schwarzweiß- und Farbphotographie zu geben, der sowohl die deutsche als auch die englische Literatur berücksichtigt. Es ist weiterhin vorgesehen, Hinweise zur Identifizierung von Photographien zu geben, ferner die Ergebnisse neuerer Untersuchungen über die Haltbarkeit von Filmen aus Acetylcellulose, die Bildung eines Silberspiegels auf Schwarzweißphotographien und seine Beseitigung, die Anwendung von Verfahren der digitalen Bildaufzeichnung zur Erhaltung von Photographien, sowie Verfahren der künstlichen Alterung und deren Bedeutung und Auslegung zu besprechen.

Ferner hat Wolfgang Hesse vorgeschlagen, aktuelle Themen zu behandeln: neue Ergebnisse von Konferenzen und Tagungen oder aus jüngsten Veröffentlichungen. Ein schönes Beispiel hierfür ist eine kürzlich erschienene Arbeit des Image Permanence Institute (IPI) in Rochester, N.Y., über den Zerfall von Filmen aus Acetylcellulose, und über Mittel, die entsprechenden chemischen Reaktionen zu verlangsamen. Sie ist bereits im Rundbrief Nr. 21 von Sebastian Dobrusskin besprochen worden.

Da ich naturgemäß nur an einer beschränkten Zahl von Konferenzen teilnehmen kann, und das angesichts einer ständig wachsenden Häufigkeit solcher Tagungen, wäre ich für Hinweise über derartige Treffen und die dort abgehandelten Themen dankbar. Der Hinweis, daß Informationen über Tagungen willkommen sind, die sich mit der Erhaltung von Photographien befassen, gilt ganz allgemein. Themenvorschläge für diese Kolumne werden gerne in Betracht gezogen.

Schließlich noch eine Bemerkung zum Titel dieser Kolumne. Ein Hauptziel der Arbeit in photographischen Sammlungen ist die Erhaltung der Bestände. Sie hängt ganz offenbar entscheidend von der ursprünglichen Haltbarkeit des betreffenden Materials ab, man könnte ganz allgemein sagen, von seiner Qualität. So ist es mit vielen Gegenständen, die uns im täglichen Leben begegnen. Die Wahl des Ausgangsmaterials und die Verarbeitung bestimmen maßgeblich die Lebensdauer eines Gegenstands, sodaß zwei Objekte verschiedene Haltbarkeit aufweisen, obwohl sie gleich aussehen. Da sie aber von verschiedenen Fabrikanten hergestellt wurden, die verschiedene Materialien und Verarbeitungsmethoden anwenden, ist eben auch die Qualität nicht dieselbe. Die Frage nach der Erhaltung einer Photographie ist also auch eine Frage der ihr eigenen Haltbarkeit. Daher ist die Diskussion der Stabilität, oder Haltbarkeit, eines photographischen Bildes ein Zentralthema dieser Kolumne, das uns immer wieder beschäftigen wird Sie ist ja auch der Hauptgegenstand von Forschungsarbeiten.

Tatsächlich stellen Untersuchungen über den Mechanismus des chemischen Zerfalls von Archivmaterialien (photographische Filme, Papier) den wichtigsten Bestandteil aller Forschungsprojekte zur Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut dar. Das Verständnis des Zerfallsmechanismus sollte es erlauben, entsprechende Maßnahmen anzuwenden, die den Zerfall verlangsamen oder gar verhindern. Das Auffinden solcher Maßnahmen ist das zweite Hauptziel der Forschung. Ein Beispiel soll das erläutern. Es waren Mitarbeiter der Eastman Kodak Co., die den Einfluß der Temperatur auf das Verbleichen von Farbphotographien untersuchten, die nach dem Verfahren der chromogenen Entwicklung hergestellt wurden. Da die Farbstoffe in solchen Bildern selbst im Dunkeln abgebaut werden, war es angebracht, eine temperaturabhängige Reaktion zu vermuten. Tatsächlich verläuft das Verbleichen chromogener Farbstoffe bei erhöhten Temperaturen schneller als bei Zimmertemperatur, und zwar um so schneller, je höher die Temperatur ist. Umgekehrt verläuft die Reaktion entsprechend langsamer bei tiefen Temperaturen. Mit Hilfe der sog. Arrhenius-Gleichung, welche die Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit von der Temperatur beschreibt, war es möglich, die Erhöhung der Lebensdauer von Farbphotographien für verschiedene niedrige Temperaturbereiche abzuschätzen.

Das dritte Hauptziel der Forschung über die Erhaltung unseres Kulturguts ist die Suche nach Verfahren, um Objekte wiederherzustellen, nachdem sie Schaden - sei es durch natürliche Alterung, sei es durch häufigen Umgang und Gebrauch - erlitten haben. Wie noch zu erläutern sein wird, sind die damit verbundenen Schwierigkeiten recht verwickelt.

Der Titel dieser Kolumne sagt nichts darüber aus, welcher Bestand denn nun erhalten werden soll. Offenbar ist die Rede von Photographien in historischen und Kunstsammlungen. Es soll aber schon jetzt darauf hingewiesen werden, daß viele Kenntnisse über die Erhaltung solcher Einzelbilder durch Beobachtungen und Untersuchungen an anderen Erzeugnissen der photographischen Industrie gewonnen wurden. Als Beispiele führen wir an: Mikrofilm (Redox-Flecken), Kinofilm (Haltbarkeit von Filmen aus Nitrocellulose) und Filme für die Luftbildphotographie (Maßhaltigkeit von Polyesterfilmen). Es sollte demnach keine Verwunderung auslösen, wenn derartige photographische Materialien, die auf den ersten Blick wenig mit historischen Standphotographien zu tun haben, gelegentlich zur Belehrung und Klarstellung herangezogen werden.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 0 (1993), S. 4/5



© bei FOTOTEXT Verlag Wolfgang Jaworek, Stuttgart/DE. Angaben ohne Gewähr. Stand: 31.12.2013. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek