Kathryn Pfenninger: Bildarchiv digital

Esslingen: Museumsverband Baden-Württemberg, 2001
(Rundbrief Fotografie; Sonderheft 7).
 Mit freundlicher Unterstützung der Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg, Stuttgart

84 Seiten, 20 x 25 cm, brosch., ISSN 0945-0327,
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Vorwort

Ist die Digitalisierungseuphorie schon wieder vorbei? Aktienkurse fallen, Internet-Portale werden geschlossen, in der schönen neuen Medienwelt lernt man die Arbeitslosigkeit kennen.

Dabei hatten die öffentlichen Verwaltungen überall gerade erst die Programme zur Einführung des E-Governments beschlossen. Keine Kultureinrichtung glaubte, sich noch erlauben zu können, im Netz zu fehlen, für Digitalisierungsprojekte standen plötzlich Ressourcen zur Verfügung, die man für konventionelle Dienstleistungen zuvor kaum zu beantragen gewagt hätte. Während man auf der einen Seite noch sparsam den Rappen, Groschen oder Pfennig umdrehte, um zum Beispiel Büromaterial so preiswert wie möglich einzukaufen, wurden auf der anderen Seite schon fünf- oder sechsstellige Beträge für digitale Publikationen freigemacht, die bereits nach zwei oder drei Jahren wieder obsolet wurden, wenn sie nicht schon bei Erscheinen als unbrauchbar galten.

Nach dem Ködern mit Gratisprodukten und -dienstleistungen scheinen sich dagegen nun Softwarehersteller und Medienkonzerne auf die Knebelung ihrer Benutzer/innen mit technischen und juristischen Tricks zu verlegen, um die Schmerzgrenze der zahlungswilligen Kundschaft auszuloten. Ohne Rücksicht auf Datenschutz und Eigentumsrechte der Verbraucher/innen ist Pay per View, die Bezahlung für jede einzelne Nutzung, nun das heimliche oder erklärte Wunschmodell der Anbieter von urheberrechtlich geschützten Werken. Open Source Software oder gar die Eigendynamik von Tauschbörsen im Internet passen da nicht ins Konzept.

Auch in den Kulturinstitutionen wird man sich bald einmal die Frage stellen, ob mit dabei zu sein schon alles ist. Trotz des allgemeinen Kommerzialisierungstrends folgen Museen, Bibliotheken und Archive doch anderen Prioritäten, die ihre langfristige Daseinsberechtigung ausmachen. Digitale Produkte und Dienstleistungen können sich in diesem Kontext legitimieren, wenn sie im Bereich der Kernaufgaben und -kompetenzen der jeweiligen Institutionen angesiedelt sind und dabei sowohl quantitativ als auch qualitativ mehr bieten, als mit gedruckten Publikationen, mit nur lokal verfügbaren Angeboten oder außerhalb eines Netzwerks verwandter Institutionen möglich war. Entscheidend für den Gebrauchswert solcher digitaler Produktionen ist es, dass das in den Institutionen vorhandene fachliche Know How und die am Markt verfügbaren Produkte, Technologien und Dienstleistungen nicht nur äußerlich miteinander kombiniert werden. Während hier, auf der Seite der Konservator/innen, Historiker/innen, Museolog/innen, Restaurator/innen, Archivar/innen, Bibliothekar/innen etc. eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Funktionsweise, den Möglichkeiten und den Beschränkungen der digitalen Technik gefordert ist, um Lösungen mit Gebrauchswert für die Benutzer/innen erarbeiten zu können, müssen die Anbieter aus der Informatikbranche lernen, dass Kunden aus dem Kultur- und Bildungsbereich andere Anforderungen stellen und mit andersartigen Daten sich beschäftigen als Banken und Handelsketten. Viele Firmen waren in der Vergangenheit nicht bereit, sich mit der Komplexität kulturhistorischer Information und den Qualitätsanforderungen von Institutionen auseinander zu setzen, die gewohnt sind, in Jahrhunderten zu denken. Schließlich ist das Investitionsbudget im Vergleich zu manchen kommerziellen Kunden meist gering. Umgekehrt erfahren Mitarbeiter/innen in den Kulturinstitutionen Technik noch immer als eine In-Frage-Stellung der eigenen Kompetenz, der man, nachdem offene Technikfeindschaft nicht mehr opportun ist, dadurch zu entgehen versucht, dass man technische Angelegenheiten rasch zu einer Ablenkung von den Kernaufgaben erklärt, die vollständig von externen Auftragnehmern zu erledigen seien.

Die Gefahr ist groß, dass beide Seiten, ohne es zu wissen, von völlig unterschiedlichen Vorstellungen ausgehen, dass die Kosten aber in Form völlig unbrauchbarer Anwendungen am Ende die Benutzer/innen zu zahlen haben.

Kathryn Pfenningers Buch zum Aufbau digitaler Bildarchive verfolgt in dieser Situation auf dem Hintergrund der praktischen Projekterfahrung am Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich einen integrierenden Ansatz, der die Schnittstellen zwischen traditioneller Archivarbeit und den Möglichkeiten auf Standards basierender Bilddatenbanken in den Mittelpunkt stellt. Ausgehend von den verschiedenen Funktionen, welche eine Bilddatenbank als Verwaltungsinstrument institutionsintern und als Werkzeug für Recherche, Erforschung und Verwertung von Bildern für die Benutzer/innen haben kann, werden Schritt für Schritt alle Probleme behandelt, die beim Aufbau eines digitalen Bildarchivs relevant werden. Dabei wird deutlich, dass nur Klarheit bei der Projektplanung auch vernünftige Entscheidungen über technische Alternativen ermöglicht. Umgekehrt zeigt die Diskussion von Fragen der Standardisierung, der Digitalisierungstechnik oder der Haltbarkeit digitaler Daten, wie mangelnde Kenntnis technischer Zusammenhänge die Benutzbarkeit eines digitalen Bildarchivs beeinträchtigen und seinen Bestand gefährden kann.

"Bildarchiv digital" will tatsächlich zum Aufbau eines Netzwerks digitaler Bestände ermutigen, muss dazu aber im Einzelnen immer wieder vor Vereinfachungen, Fehlkalkulationen und falschen Erwartungen warnen. Zusammen mit der Literatur und den Adressen, die im Anhang verzeichnet sind, bildet "Bildarchiv digital" so einen sehr guten Ausgangspunkt für jedes Digitalisierungsprojekt.

Thomas Rosemann






© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 11.01.2002 (bwz. Zeitpunkt der Print-Veröffentlichung). Webmaster: Wolfgang Jaworek