Ruth Lindner: Sinn oder Sinnlichkeit: Die Klassische Archäologie und ihre Bildmedien. In: Verwandlungen durch Licht. Fotografieren in Museen & Archiven & Bibliotheken, Esslingen 2001 (Rundbrief Fotografie, Sonderheft 6), S. 151-161.

Titel

Original und Medium - Anschauung - Vergleichendes Sehen - Ansicht und Ansichtigkeit, Material, Bewegung und Raum - Was das Auge nicht sieht - Visualisierung = Virtualisierung?

Zusammenfassung

Klassische Archäologie ist die Wissenschaft von der materiellen Hinterlassenschaft der griechischen und römischen Antike. Die Klassische Archäologie feiert noch heute Johann Joachim Winckelmann als ihren Gründer. Obgleich die Lektüre antiker Schriften Winckelmanns Wahrnehmung antiker Kunst vorausging, blieb sein Blick auf die Werke antiker Plastik ein direkter, sinnlicher, ja erotischer. Ihm zeigte das Kunstwerk, was selbst der Dichter nicht mehr auszudrücken vermag. Die Ironie der Geschichte will es, daß Winckelmanns Zuwendung nicht, wie er glaubte, den originalen Werken griechischer Bildhauer, sondern Medien galt: Marmorkopien römischer Zeit. Diesseits der Alpen waren antike "Originale" immer Mangelware. Ihre unmittelbare Anschauung ersetzten Stichwerke, Gipsabgüsse und seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmend die Fotografie. In der heutigen Wissenschaftspraxis ist der sinnlich direkte Umgang mit dem Gegenstand zur Ausnahme geworden. Die Regel ist der Umgang mit Fotografien. Als letzte Konsequenz der Entsinnlichung zeichnet sich das Verschwinden des Gegenstandes in der Statistik ab. Dagegen steht die Sucht des Publikums nach Bildern - oder sogar nach direkter, sinnlicher Wahrnehmung?





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