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Ursula Arnold: Moskau 1969, Barytabzug im Besitz der Autorin. |
Moskau 1969 am Marxprospekt, einer jener breiten Magistralen, die in das Zentrum von Moskau führen: An einem mit Bäumen bewachsenen Platz, von der Fassade eines Hauses und einer niedrigen Mauer begrenzt, verweilen ein Mann und eine Frau. Das Gesicht des Mannes erscheint teilnahmslos, sein Blick ist unbestimmt geradeaus gerichtet, der Blick der Frau nach innen gekehrt. Es sind Menschen, die allein sind in der steinernen Umgebung" einer Stadt. Das emsige Treiben der Tauben, welche unermüdlich und stetig nach Futter suchen, hebt die Schwermut des Stillschweigens im Bild teilweise wieder auf und entfaltet im Beieinander von Mensch und Tier eine harmonische Stimmung. Ob dazu auch die symbolische Ebene, die Bedeutung der Taube als ein Zeichen für Frieden und Hoffnung, beiträgt?
Ein zentrales Motiv in den Fotografien von Ursula Arnold, welche ab 1956 hauptsächlich in Leipzig und Berlin entstanden sind, bilden das Leben und die Landschaft einer Stadt: Menschen, die sich in den Straßen und auf öffentlichen Plätzen bewegen. Sie zeigen die leisen und verborgenen Seiten des Lebens, in dem der Mensch allein mit sich selbst und den alltäglichen Sorgen ist. Ihre Bilder sind Ausdruck der Diskrepanz zwischen der propagierten ideologischen Darstellung des optimistischen Menschen als kämpferischer Held des Sozialismus und den herrschenden Verhältnissen. Wie so viele Künstler jener Zeit empfand auch Ursula Arnold diese Entfremdung und Entfernung von der Realität als bedrückend: Meine Sympathie gehört denen, die nicht zu den Herrschenden gehören. Ich möchte im Alltäglichen das Besondere und das Einfache suchen, Nuancen sammeln, die Leben ausdrücken. Ein Stück Leben lebendig erhalten. Situationen, die anrührend werden zum emotionalen Antrieb, um im Unbekannten, in der Anonymität das Verwandte zu treffen." [1] Dabei sind ihre Fotografien keine bloßen Dokumentationen der Wirklichkeit. Ursula Arnold suchte nach einem Entgegensetzen, nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dieser realitätsfernen und stereotypen Darstellung von Menschen. Sie wollte Menschen in ihrer Würde und vor allem ihrer Individualität zeigen, Menschen, die eine Vergangenheit besitzen und nicht - wie in unzähligen Beispielen - scheinbar losgelöst von einer solchen immer gleichbleibend lächelnd in die Kamera schauen.
Ursula Arnold zählt zu jenen Fotografen, die in der DDR mit ihren Aufnahmen nicht durchdringen konnten und die darüber hinaus keinen Kompromiß zwischen offizieller Tätigkeit und eigener Arbeit einzugehen vermochten. Nach der Beendigung ihres Studiums der Fotografik" an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig war sie 1956 freiberuflich tätig, gab aber noch im selben Jahr die Fotografie als Beruf auf, da die Mehrzahl der von ihr Verlagen und Zeitschriften angebotenen Aufnahmen abgelehnt wurde. Aus der Erkenntnis, daß es unmöglich sein würde, ihre eigene, individuelle Sichtweise in die Arbeit als Bildjournalistin einbringen zu können und wegen finanzieller Probleme, die sich damit ergaben, zog sie für sich die Konsequenz. Noch im selben Jahr ging sie nach Berlin und begann eine Tätigkeit als Kamerafrau beim Fernsehen der DDR in der Abteilung Dramatische Kunst". Die in den folgenden Jahren mit einigen Unterbrechungen entstandenen Fotografien verstand sie als Ausgleich zu ihrer Kameraarbeit und als ein Mittel in der Auseinandersetzung mit Zeitfragen und in Konfliktsituationen" [2]. Mit dem Fall der Mauer entstanden die letzten Stadtaufnahmen, von 1990 an bis 1994 fotografierte Ursula Arnold ausschließlich Landschaften in der Umgebung Berlins.
Die Fotografie Moskau 1969" bildet eine Art Synthese ihrer Bilder und vermittelt gleichzeitig die Beweggründe der Künstlerin. In einer sehr poetischen Bildsprache spiegeln sich Momente existentieller Bedrückung und gleichzeitiger Hoffnung: 1969 - knapp ein Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts, der die Hoffnung auf eine tolerantere Form des Sozialismus bei vielen zunichte machte. Es ist die Zeit der Breschnew-Ära in der Sowjetunion, gekennzeichnet durch Stagnation und erneute Einengung in Gesellschafts- und Kulturpolitik, an deren Ende der Abstand zwischen Anspruch und Realität des sozialistischen Systems eklatant wurde. Viele Menschen empfanden in dieser stillgelegten Zeit Resignation, Hilflosigkeit und Lähmung. Es sind jene sehr allgemeinen und doch zugleich sehr persönlichen Sichtweisen der Bildautorin, welche uns in diesem Foto begegnen. Damit zählt Ursula Arnold, zusammen mit Evelyn Richter und Arno Fischer, sowohl von der Generation her wie auch einer ähnlichen, jeweils persönlichen Haltung in der Darstellung situativer Alltagsüberhöhung zu den bedeutenden Vertretern der älteren Fotografengeneration. Für sie bestand jedoch im Gegensatz zu Richter und Fischer viele Jahre keine Möglichkeit, ihre Fotografien zu publizieren oder in Ausstellungen zu präsentieren. Ihre Bilder waren selbst im privaten Kreis nur wenigen zugänglich und konnten erst ab 1991 durch zwei Einzelausstellungen und einige Ausstellungsbeteiligungen öffentlich wahrgenommen werden.
[1] Ursula Arnold. In: DDR-Frauen fotografieren. Lexikon und Anthologie, hrsg. von Gabriele Muschter, Berlin: ex pose Verlag, 1991, S. 28.
[2] Ebd.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 20 (1998), S. 3 (Vol. 5, No. 4).
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