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Photograph E. Rothe" ist auf dem Reklameschild auf dem Dach des Hauses mit der Nummer 32 zu lesen. Und wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man neben dem Firmenschild zwei runde Objekte auf dem Dachfirst. Es sind Nachbildungen von Preismedaillen, die Rothe anscheinend 1870 auf der Kasseler Industrie-Ausstellung errungen hatte und wie sie von den Rückseiten von Fotokartons bekannt sind. Die Inschriften der Medaillen lassen sich nur am Original und mit starker Lupe zumindest bruchstückhaft entziffern.
Offenbar waren gerade Baumaßnahmen im Gange, als die Aufnahme entstand. Im Vorgarten lagern große Steinbrocken, auf der Straße liegt ein Haufen Sand, und Spuren eines zweirädrigen Schubkarrens führen hinter das Haus. Die eigentliche Baustelle ist den Blikken des Betrachters entzogen. Der eingeschossige Anbau könnte das Atelier des Fotografen beherbergen; das Pultdach besitzt zwar (noch?) keine Öffnung für ein Oberlicht, aber zumindest ein großes Seitenfenster. Oder gehörte der rechtwinklig zum Wohnhaus stehende Fachwerkanbau zum Fotografenstudio? In der Haustür mit dem Hinweisschild Eingang zum Atelier" steht ein Mann, ein weiterer ist auf die Leiter gestiegen, die am Giebel des kleinen Anbaus lehnt, zwei Personen schauen aus den Fenstern. Rings herum sind relativ neue Wohnhäuser in einem locker durchgrünten Viertel gruppiert. Eine typische gründerzeitliche Szenerie, vermutlich aus dem Obergeschoß eines gegenüberliegenden Hauses fotografiert. Eine für die regionale Fotografie- und Stadtentwicklungsgeschichte, aber auch ganz allgemein für die Typologie des Fotografenateliers interessante Aufnahme. Doch allein die Frage der Lokalisierung des Atelierraums zeigt, welche Grenzen der Bildbetrachtung hier gesetzt sind ...
Im bislang einzigen, die Geschichte der Fotografie in Kassel behandelnden Buch von Kemp und Neusüss ist dieses Bild enthalten [1], auch die Informationen, die man auf dem Karton des Originalabzugs lesen kann, sind teilweise wiedergegeben [2]. Wer war E. Rothe? Emil Friedrich Rothe wird von 1869 bis 1905 im Kasseler Adreßbuch (unter noch zu interpretierenden, wechselnden Adressen) [3] als Fotograf (und Hausbesitzer) genannt. Bei Kemp/Neusüss liest man noch, daß Rothe sich mit einem erstaunlich modern anmutenden Bild vom Neubau des Justizpalastes und mit einer Serie eines Ballonaufstieges einen kleinen Ehrentitel der Fotografiegeschichte" verdient habe (S. 15). Im weiteren wird über Rothe nichts weiter ausgesagt, abgesehen davon, daß noch mehrere Aufnahmen abgedruckt wurden, die das Arbeitsfeld des vielseitigen Rotheschen Atelierbetriebes zwischen Porträt-, Architektur- und Sachfotografie andeuten. Das Original der Ansicht von Rothes Firmensitz ist noch erhalten.
Das Treffen des Arbeitskreises Fotografie im Hessischen Museumsverband am 14. November 1997 in Kassel brachte nicht nur diesen Albuminabzug an den Tag: Kassel bietet fotogeschichtlich viel mehr, als man vermuten könnte. In der Murhardschen Bibliothek/Landesbibliothek schlummert im Magazin, derzeit beinahe unerreichbar für Benutzer, ein Schatz von mehreren hundert Vintage-Prints lokalgeschichtlich interessanter Motive aus der Zeit um 1900, darunter auch das hier vorgestellte mit dem Atelier Emil Rothes. Die Gesamthochschule/ Universität Kassel, zu der die Bibliothek gehört, hat es bislang leider versäumt, für eine Katalogisierung und eine konservatorisch einwandfreie Aufbewahrung des Bestandes zu sorgen.
Immerhin: Manche der zu diesen Bildern gehörenden Negative sind über Umwege und aufgrund von Zufällen erhalten geblieben. Sie lagern nun im Stadtmuseum und ergänzen dort das größte Archiv historischer Bilder der Stadt. Zu finden sind dort die umfangreichen Altbestände der Kreisbildstelle, aber auch verschiedene materialreiche (Fotografen-)Nachlässe und als besondere Kostbarkeit ein Bildbericht über eine Weltreise, um 1911 festgehalten auf Autochromeplatten. Das Stadtmuseum weiß um seine Bestände, lebt in mancher Hinsicht von seinem Fotoarchiv. Wie anders als durch Lichtbilder soll man das im Zweiten Weltkrieg untergegangene Alt-Kassel vergegenwärtigen? Auch die Häuser auf der Aufnahme von Rothes Anwesen sind nicht mehr erhalten.
Neben weiteren, teils umfangreichen Beständen an Fotografien in den verschiedenen Museen und Archiven, einer mageren Vitrine mit historischen Kameras und anderen Gerätschaften im staatlichen Museum für Astronomie und Technikgeschichte gibt es in Kassel noch die eine oder andere Privatsammlung, darunter das über drei Generationen gewachsene Firmenarchiv der Fotografenfamilie Eberth.
Von einer konsequenten Aufarbeitung der Fotografie- und Fotografengeschichte kann in Kassel bis heute kaum die Rede sein. Gern bedienen sich die Autoren von nostalgischen Bildbänden für ihren Blick zurück" des hier und dort vorhandenen Bildmaterials - doch ist bisher über die Urheber dieser Aufnahmen wenig bis gar nichts bekannt geworden. Und so muß man sich hinsichtlich des Fotografen Rothe mit der schönen, aber nur begrenzt interpretierbaren Atelieransicht und mit wenigen darüber hinausgehenden Informationen bescheiden. Ein weites Feld notwendiger Recherche also, das sich nicht nur für den Arbeitskreis Fotografie auftut
[1] Wolfgang Kemp/Floris Neusüss (Hg.): Kassel 1850 bis heute, Fotografie in Kassel - Kassel in Fotografien. München 1981, S. 15.
[2] Es handelt sich um einen bräunlichen Albuminabzug im Format 21 x 28 cm, aufgezogen auf Karton 31x40,5 cm. Beschriftung: Vorderseite: Unterm Bahnhof 6 (jetzt Ottostrasse) [ca.1880]" und Inventarnummer A XI 4445"; rückseitig Eingangsstempel der Bibliothek mit Datum vom 21.12.1890 und Vermerk A10" und Katalogseite 15" [von Kemp/Neusüss].
[3] Bis 1872 Bahnhofstraße 32, dann umbenannt in Unterm Bahnhof 6, seit 1893 neuer Name Ottostraße 6 und zusätzlich als Wohnhaus Ottostraße 5, 1898 Geschäftslokal Museumsstraße 5, ab 1900 Ständeplatz 3 1/2, 1904 dort auch die Wohnung, 1906 Witwe Rothe, Ständeplatz. Zur Datierung: Da das Haus noch die Hausnummer 32 trägt, dürfte das Bild nicht später als 1872 aufgenommen worden sein, denn dann wurde die Straße umbenannt und wurden den Grundstücken neue Hausnummern zugeteilt. Das Datum auf der linken Preismedaille grenzt den Zeitraum, in den das Foto aufgenommen sein müßte, auf die Jahre 1870 bis 1872 ein.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 17 (1998), S. 3 (Vol. 5, No. 1).
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