Dresden, Haltepunkt Pieschen

Ein Essay von Hans-Ulrich Lehmann, Dresden

Ein überdeckter Bahnsteig, abends, nur von wenigen Lampen ungleichmäßig erleuchtet, mit starken Schatten und kräftigen Lichtkegeln. Der Blick in die Tiefe ist verstellt durch die Wand der Bahnsteigüberdachung. Davor sitzen einige Personen auf einer Bank. Hell strahlt die Fachwerkwand zurück. Am rechten Bildrand steht ein Mann, der dem Betrachter den Rücken zukehrt. Er liest, leicht nach rechts gewandt, um das von dort kommende Licht auszunutzen. Erst bei intensiverem Hinsehen erkennt man die Bahnsteigkante, die sich wie die Gleise und die Umgebung in der Dunkelheit verliert. Nur zwei winzig kleine Leuchtpunkte scheinen matt hervor.

Eine leise Melancholie liegt über dieser Szene. Nichts Schreiendes ist in ihr. Im Gegenteil: Der erleuchtete Bahnsteig wirkt wie ein Zimmer, ein Café, eine Zelle, ummantelt von der Finsternis. Wie viele Menschen mögen dort Schutz gesucht haben vor Regenschauern oder eisigen Winden. Man wartet. Eine ambivalente, beinahe eine private Stimmung, bestimmt von der in sich versunkenen Haltung des Lesers.

Der Fotograf Christian Borchert fand das Motiv auf dem S-Bahnhof Dresden-Pieschen im Februar 1992. Es gelang ihm, seine Kamera mit Stativ unbemerkt aufzubauen, einzurichten, die Aufnahme zu machen. Keiner der Anwesenden ließ sich stören. Borchert hat das Bild der Folge „Tektonik der Erinnerung" zugeordnet, in der er Fotografien aus dem Dresden der Jahre 1991 und 1992 zusammenfaßte. Sie waren unter dem Titel „Zeitreise. Dresden 1954-1995" im Frühjahr 1996 im Stadtmuseum Dresden ausgestellt und sind auch als Buch erschienen.

Was reizt mich an dieser eher beiläufigen Szenerie? Zuerst die Stille, das ganz und gar Unspektakuläre, der gehörige Abstand des Fotografen. Diese respektgebietende Haltung gegenüber Gegenstand und Motiv spricht aus vielen Bildern Christian Borcherts. Ruhe, das In-Sich-Ruhen, das „so und nicht anders ist es gewesen" beherrscht die bildnerische Sprache, die auf ein waches Auge vertrauen kann. Die Fotografie läßt aber auch Sehnsucht erkennen, die, so scheint mir, Christian Borchert (wie so viele andere auch) nach 1990 besonders gespürt und gesucht hat. Im Interview des genannten Buchs spricht er davon, wie er etwa ab 1991 verunsichert war über seinen weiteren Weg. Seine ganzheitlichen Bilder, auch seine inneren Bilder, waren zerbrochen. Das Detail, der Ausschnitt, wurde wichtig auf dem Weg zu einer neuen Standortbestimmung. Diese könnte wieder zu einer neuen Gesamtsicht führen. Zumindest läßt unser Bild dies erkennen.

Borchert, aus Dresden stammend und seit langem in Berlin lebend, hat immer wieder hier gearbeitet. Mit der Ausstellung und dem Bildband erwies er seiner Geburtsstadt die Reverenz, legte Rechenschaft ab über vierzig Jahre fotografischer Tätigkeit. Sichtbar wird der Wandel vom Abbilden zum Bilden, zum Gestalten. Bewußtere Ausschnitte und strengere Auswahl der Motive führten im Lauf der Jahre dazu, daß die Allgemeingültigkeit seiner Bilder wuchs. Er berichtet von den Menschen in der Stadt, nicht von der Stadt, in der Treue zum Detail und in einem Zug zur Ganzheitlichkeit. Dabei verzichtet er auf alles Aggressive. Vielmehr sind die Aufmerksamkeit und die Genauigkeit beim Wandern mit der Kamera zu bewundern. Er will keine Geschichten erzählen, sondern Bilder verdichten. In langen Reihen formuliert er seine Themen. Borchert ist ein Sammler, kein beutegieriger Jäger. Daraus erklärt sich die aus seinen Bildern sprechende Demut, deshalb stets seine innere Frage: Welches Detail könnte später wichtig werden?

Ist die Folge „Tektonik der Erinnerung" Dokument eigener Irritation, oder sind es Bilder der Sehnsucht? Auf jeden Fall sind sie frag-würdig und damit Bilder gegen das Vergessen. Ein Autor muß mit dem Einzelbild auch die Summe seiner Bilder beglaubigen. „Distanz ermöglicht Deutlichkeit", formuliert Borchert, nachdem er die Bildbände mit den Fotografien August Sanders gesehen und studiert hatte. Aber ihn interessiert stärker das Verhalten der Menschen heute - gleich, ob dieses Heute 1954, 1972 oder 1992 war oder ist. Davon sprechen die Bilder der „Zeitreise".

Aus diesem Heute, gepaart mit schöpferischer Kraft und der Erkenntnis des richtigen Moments und des richtigen Ausschnitts, erwachsen die Aufnahmen, die morgen bereits als die Bilder von gestern künden - und erkennen lassen, daß der heutige Tag das Ergebnis des gestrigen ist (Heinrich Heine).

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 12 (1996), S. 3 (Vol. 3, No. 4).





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.12.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek