Anonyme Amateuraufnahme: Aufbahrung 1917, Bildformat 81 x 111 mm, Sepiaton auf weißer Weltkriegspostkarte 138 x 167 mm. Fotoarchiv Ellen Maas, Frankfurt a.M.

Ein Totenporträt aus dem Ersten Weltkrieg - Deutung und Wissen

Ein Essay von Ellen Maas, Frankfurt a.M.

Nach dem Augenschein könnte man den vor dem Eisernen Kreuz aufgebahrten Leichnam als „Veteran von 1870/71" deuten, denn die Kriegsteilnehmer wurden traditionell bis zu ihrem Tod mit diesem Zeichen ehrend in Verbindung gebracht. Doch läßt uns eine handschriftliche Information auf der Rückseite der Fotografie wissen, daß wir hier die ungewöhnliche Präsentation einer Frau vor uns haben, die mehrere Söhne im Ersten Weltkrieg verlor: „Sie hat schwere Stunden hinter sich. Möge sie ruhen in Frieden. Feuerstell. St. Paul, den 12. März 1917. Heinrich". Die Porträts der gefallenen Brüder finden wir auf dem Totenbett zwischen den beiden Kerzen plaziert, die das Bild triptychonartig wirken lassen.

Wie mag es zu dieser bemerkenswerten patriotischen Heimaufbahrung einer Zivilistin gekommen sein? Hierzu existiert im Archiv Maas mit seinem umfangreichen Bestand von Totenporträts des 19. und 20. Jahrhunderts eine zweite Fotografie. Sie zeigt die Verstorbene aus dem gleichen Gesichtswinkel, doch bei größerer Distanz. Zwei Söhne in Feldgrau sind wie eine Ehrenwache am Totenbett postiert. Hierfür bot aber der vorgefundene Fond, die Zimmerwand mit ihren Familien- und Schmuckbildern, als zu private Umgebung anscheinend nicht den adäquaten Hintergrund. Dies mag die Soldaten inspiriert haben, im Sterbezimmer den aus dem Feld vertrauten vaterländischen Gedanken in den Vordergrund zu rücken durch ein neues Arrangement mit dem beherrschenden Eisernen Kreuz und den Bildern der Gefallenen. Geradezu symbolisch ist der ursprünglich auf der Toten liegende Trauerkranz an die Wand gelehnt worden und wirkt jetzt neben dem militärischen Emblem wie ein Ehrenkranz.

Hätte sich wohl die Verstorbene mit einer derartigen Rolle als „Heldenmutter" identifiziert? Um die Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, hat sie als Erwachsene den deutsch-französischen Krieg 1870/71, die Gründung und den Aufstieg des Deutschen Reiches bewußt erlebt - eine Zeit, die von patriotischer Grundhaltung durchdrungen war. Das wissen wir. Auch, daß die Zeitschriften des Ersten Weltkriegs das Thema „Mutter und gefallener Sohn" in einem breiten Band dichterisch gestalten zwischen Opferbereitschaft für das Vaterland (später, im Zweiten Weltkrieg, extrem „In stolzer Trauer"!) und christlich-ergebener Trauer („Dein Wille geschehe" ...) ist bekannt. Worin aber unsere Tote während der im Erinnerungstext genannten schweren Stunden Trost suchte, wir wissen es nicht.

Hingegen gibt die Fotografie sichtbare Hinweise auf die Sinnhaftigkeit ihres Lebens in den Augen der Familie. Zwar erscheinen keine unmittelbaren Symbole christlichen Totenbrauchtums in der abgelichteten Szenerie, doch wird jene in einer frappierenden und eigenständigen Interpretationsleistung des Fotografen (vermutlich eines Amateurs, vielleicht eines Verwandten?) in die religiöse Ebene sublimiert: Durch die Wahl von Kamerastandpunkt und Ausschnitt gliedern die Totenkerzen die Bildfläche nach Art eines Flügelaltars, rückt das Eiserne Kreuz somit nahezu an die Stelle des Kruzifix in Kreuzigungsszenen. Diese bedeutungsvolle Komposition gestattet es, auch die Inszenierung der bildhaft in den Schoß der Mutter zurückgelegten Söhne in christlichen Zusammenhängen zu deuten. Wie Kriegerdenkmäler den Heldentod fürs Deutsche Reich dem Opfertod Christi für die Menschheit anglichen, ist hier die Mutter in die Rolle Marias nach der Kreuzabnahme eingetreten. Die Aufbahrung wird zur Pietà.

Mit rein bildnerischen Mitteln über die Dokumentation der Szenerie hinausgehend, macht deren fotografische Überlieferung die Tote zu einem (nahezu) öffentlichen Denkmal, in dessen sinnstiftendem Pathos das subjektive Erleben sowohl der Verstorbenen wie ihrer Hinterbliebenen als christlich-patriotisch zu tragendes Los aufgehoben ist.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 9 (1996), S. 3 (Vol. 3, No. 1).





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.12.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek