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James E. Young (Hg.): Mahnmale des Holocaust. Motive, Rituale und Stätten des Gedenkens, München 1994, S. 120, Abb. 4. Vgl. auch Zvi Gitelman: Die sowjetische Holocaust-Politik, a.a.O., S. 115-123. |
Vier Frauen unterschiedlichen Alters, ein junger und ein älterer Mann auf einer grasbewachsenen Lichtung. Die sechs stehen etwas unbeholfen, fast verlegen vor der Kamera: Manche verschränken die Arme hinter dem Rücken, eine der Frauen hält ihre Handtasche mit beiden Händen, eine andere klemmt sie fest unter den Arm. Nur zwei Frauen sehen direkt ins Objektiv. Der junge Mann, dessen Gestalt vor den Bäumen erst auf den zweiten Blick auszumachen ist, wendet sich ganz ab, die übrigen schauen auf eine Stelle am Boden. Folgt man ihren Blicken, kann man in einer Senke einen kleinen Steinhaufen erkennen. Vermutlich wurde das Foto im Sommer aufgenommen, ob in den fünfziger Jahren oder später, sieht man nicht. Sicher ließe sich mehr in Erfahrung bringen, hielte man es in den Händen. Format oder Papierqualität könnten Auskunft darüber geben, wann der Abzug hergestellt wurde; vielleicht ist er auf der Rückseite beschriftet. Ein leicht verwackeltes Familienfoto, ein Knipserbild. Lächelten die Personen auf dem Bild, könnte man denken, es handele sich um eine Urlaubserinnerung. Sie lächeln nicht, schauen ernst und bedrückt.
Ich habe die Aufnahme in dem von James Young herausgegebenen Katalog der Ausstellung Mahnmale der Erinnerung" gefunden. Im Katalog erklärt die Bildunterschrift: Eine Familie an dem nur durch einen Steinhaufen gekennzeichneten Massengrab in Zidikai in Litauen, wo 3000 Menschen den Tod fanden. Da solche Grabstätten in der ehemaligen UdSSR inoffiziell bleiben mußten und oft beseitigt wurden, sind Schnappschüsse fürs Familienalbum das einzige Dokument." Russische Juden, so heißt es weiter, die in den letzten Jahren nach Israel emigriert sind, übergaben diese und ähnliche Aufnahmen der Gedenkstätte Yad Vashem. Einzelpersonen, Familien oder größere Gruppen hatten sich an jenen Orten im Baltikum, in der Ukraine, in Rußland oder Weißrußland fotografieren lassen, wo SS-Einsatztruppen, häufig unter Beteiligung von Wehrmachtsangehörigen und lokalen Helfern, hunderte, oft tausende jüdischer Männer, Frauen und Kinder erschossen haben. Ein Steinhaufen, ein Davidstern aus Holz, schlichte hölzerne Tafeln markierten später die Orte. In der früheren Sowjetunion wurden diese privaten Gedenkzeichen meist rasch entfernt. Offizielle Monumente, die an die Ermordung der Juden erinnerten, gab es kaum.
Den Fotografen und die Abgebildeten mochten verschiedene Gründe bewogen haben, das Foto aufzunehmen. Darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Für sich und nachfolgende Generationen dokumentierten sie, daß sie - Überlebende oder Angehörige der Opfer, die ihnen nahe gewesen waren und mit denen sie sich verbunden fühlten - an den Ort des Verbrechens gereist waren, um dort mit dem Steinhaufen ein traditionelles Zeichen ihrer Erinnerung und ihrer Trauer um die Toten zu hinterlassen. Wo es weder Relikte noch Denkmäler gibt, ist nur dem der Ort ein Gedenkort, der weiß und der wissen will, was geschehen ist. Mit diesen Handlungen und mit der Fotografie wird aus den unsichtbar in der Erde verscharrten Knochen ein Grab, aus der Lichtung ein Ort des Totengedächtnisses.
Möglicherweise wußten oder ahnten die Männer und Frauen, daß ihr Erinnerungszeichen bald abgeräumt werden würde, und fotografierten sich deshalb vor dem Steinhaufen. Das Foto ersetzt so auch den Grabstein; es wird zum Denkmal, das (bisher) an diesem Ort nicht aufgestellt werden konnte.
Weit über den Aufnahmezeitpunkt hinaus besaß die Fotografie für ihre Besitzer besondere Bedeutung. Vermutlich wurde sie in einem Album oder einer Schachtel aufbewahrt, auf eine Kommode gestellt oder an die Wand gehängt und bei entsprechender Gelegenheit Familienmitgliedern oder Freunden gezeigt. Als Anlaß für Erinnerungen und Beweisstück dokumentiert sie wie andere Privatfotos den Wunsch, anderen nachvollziehbar zu machen, was man selbst erlebt, was oder wen man geliebt oder verloren hat. Ihre Botschaft vermittelt sie nur als Bestandteil einer solchen Erzählung.
Mit der Aufbewahrung im jedermann zugänglichen Archiv, mit der Präsentation im Museum oder auch mit der Reproduktion in einer Zeitschrift hat sich die Funktion der Fotografie als Anknüpfungspunkt subjektiver Erinnerungen verändert: Der individuelle Akt wird objektiviert, subjektive Erinnerung verwandelt sich in Gedächtnis, das nun als Objekt für andere besteht. Was als Gedächtnis konstruiert wird, soll anderen in Erinnerung bleiben. So eröffnet sich die Möglichkeit, daß die Fotografie auch diejenigen nicht gleichgültig läßt, denen die Fotografierten fremd sind.
Mich hatten zuerst die eigentümliche Vertrautheit des Bildes sowie die Diskrepanz zwischen dem Abgebildeten - so wenig ist zu sehen - und dem, wofür es laut Bildunterschrift steht, berührt. Als Wissenschaftlerin, die zur Zeit über Fotografien arbeitet, betrachte ich das Foto auch als historische Quelle. Wer hat es fotografiert? Wann? Aus welchem Anlaß? Wie wurde es aufbewahrt? Wem gezeigt? Wie und warum gelangte es ins Archiv der Gedenkstätte? Welche neuen Fragen ergeben sich damit für Privatfotografien als historische Quelle? Mich interessiert, was mit Fotografien geschieht, nachdem sie zum ersten Mal veröffentlicht wurden, in welchen Kontexten sie verwendet, wie sie betrachtet werden.
Zusammengesetzt aus individuellen und kollektiven, politischen und gesellschaftlichen Wünschen, Ängsten, Bedürfnissen, Leugnungen werden Erinnerungen in eine ästhetische Form gebracht. Erinnert wird das Abwesende, Vergangene, das als Vorstellung wiederkehrt, gebannt in der ästhetischen Form. Mit der visuellen Gestaltung treten Erinnerungen auch in Formtraditionen ein: Der Fotograf mit der gewählten Perspektive, die Fotografierten mit Körperhaltung und Blickrichtung haben sich zu einem Familienbild in dessen Bildtraditionen gestellt. Weil uns das Genre so vertraut ist, nehmen wir das Bild aus Litauen zugleich als bekannt und fremd, banal und schreckenerregend wahr, fällt uns auf, was nicht in den Kontext bekannter Aufnahmen paßt. Erst diese Distanzierung, die nicht dem unmittelbaren Eindruck aufsitzt, gibt dem Foto seinen Platz in der Geschichte: Man sieht im Bild die Lebenden und die Toten.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 8 (1995), S. 3/4 (Vol. 2, No. 4).
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