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Unbekannter Fotograf: Der Laternist. Glasdiapositiv 80 x 100 mm, Bildausschnitt ohne Umklebung 74 x 70 mm, um 1895, Sammlung Musica Magica" |
Beim Schimmer der blauen Signalgläser in den Laternentüren spricht und hantiert der reisende Laternist. Die Konzentration geteilt auf Vortrag und Bilderwechsel, muß er die Leute fesseln. Gewonnen oder verloren wird die Show vor dem Publikum in den allerersten Minuten. Es ist ein feiner Einfall, zum Prolog auf der Leinwand selbst zu erscheinen, allen sichtbar, mit dem einkopierten Wunsch für einen Guten Abend". Das verbindet.
In der linken Hand hält er das erste Diapositiv, der Bildwechsler am Projektor ist schon herausgezogen. Die dreifache Laterne, auch Agioskop oder Tripel-Apparat genannt, ist ein reich mit Zierat besetztes Gerät. Der Kamin hat drei polierte Lamellen, der Hut darunter ist mit Dachziegelmuster geprägt und Löwenköpfen an allen vier Seiten verziert. Das Holzgehäuse ist mit Fräsarbeit überzogen und in einem Stück gebaut, die oberste Projektionslaterne nicht abnehmbar.
Quer vor dem Apparat steht ein offener Buchenholzkasten für Glasphotogramme im rechteckigen Format von 85 x 100 mm, wie sie in Deutschland von den Lichtbildverlagen E. A. Seemann, Th. Benzinger u. a. verkauft wurden. Die Papierstreifen mit dem Firmenaufdruck und Platz für den Titel, der handschriftlich eingesetzt wurde, sind am Rand der Bildscheiben erkennbar. Auch das hier besprochene Dia, vom Laternisten in einem Fotoatelier abgenommen, hat dieses Format. Vermutlich stammen das gedrechselte Tischlein und die Wolldecke aus dem Fundus des Fotografen. Der Transportkoffer der Laterne - er diente üblicherweise als Projektionssäule - war wohl nicht elegant genug und wurde aus dem Bild geschafft.
Das Kalklicht wird dadurch erzeugt, dass man ein brennendes Gemisch von Sauerstoff und Wasserstoffgas unter Druck auf ein Stück gebrannten Kalkes leitet. Das Wasserstoffgas lässt sich ersetzen durch gewöhnliches Leuchtgas, sowie durch Dämpfe von Alcohol, Aether, Petroleum oder Gasolin." [1]
Der wichtigste Teil der Beleuchtungsanlage ist in der Bildmitte plaziert: die Stahlflasche mit dem verdichteten Sauerstoff. Gut sichtbar nach vorn gedreht das Reduzierventil, die Manometer und das Flaschenetikett mit der Herstelleradresse. Seit 1895 lieferte die Firma Theodor Elkau in Berlin N., Tegeler Straße, den auf 100 Atmosphären komprimierten Sauerstoff.
Der Laternist braucht aber zwei Gase für das Gemisch. Möglicherweise hat er statt Wasserstoff Leuchtgas benutzt, was an allen zivilisierten Orten, die er bereist hat, vorhanden war: 577 Städte waren 1884 in Deutschland mit einer zentralen Gasversorgung versehen [2]. Die Vorteile des elektrischen Kohlebogenlichtes - weniger gefährlich, punktförmige Intensität und geringere Wärmeentwicklung - konnte er wohl noch nicht nutzen. In einem Keller der Friedrichstraße in Berlin war 1884 die erste elektrische Zentralstation zur Versorgung eines Häuserblocks errichtet worden, und 1891 gab es erst in 13 weiteren Städten Deutschlands öffentlichen Strom [3]. Hierin liegt ein Hinweis darauf, daß die Reisetätigkeit unseres Laternisten aus der Reichshauptstadt in die Provinz führte, in der es noch keinen Strom gab. Zum Befüllen der Gasflasche mußte er dann wieder in die Tegeler Straße.
Mancherlei Effectbilder mit Verwandlungen zeigen sich in der dreifachen Laterne viel schöner als in der Doppel-Laterne. Z. B. das brennende Schiff, wozu drei Bilder gehören, nämlich:
Man zeigt erst 1 allein, dann 2, welches man dreht, um das Feuer zunehmen zu lassen; jetzt lässt man das Licht aus 1 in 3 übergehen und dreht den Hahn 2 langsam ab, wonach das ausgebrannte Schiff allein auf der Wand steht." [4]
Diese Effekte sind 1895, als im Berliner Wintergarten" die Gebrüder Skladanowsky mit dem Bioscop Lebende Photographien" zeigten, z. B. Leben und Treiben am Alexanderplatz" oder Alarm der Feuerwehr", überholt. Die Epoche der pittoresken, holzgerahmten und mit feinen Messingmechaniken ausgestatteten Effekte, der Chromatropen, der Hebel- und Schiebebilder ist vorüber. Die unhandlichen mehrstrahligen Nebelbilder-Apparate und Agioskopen werden mit der Säge zu single lanterns" verkürzt. Fotografierten Glasdias und dem Sciopticon gehört die Zeit. Den neuen Bilderkasten mit authentischen" Lichtbildern hat unser Laternist ganz nach vorn gestellt. Ist ihm die merkwürdige Ungleichzeitigkeit nicht bewußt, die darin liegt, vor dem auf Leinen gemalten Birkenbäumchen ein Gerät zu präsentieren, mit dem er vor 20 Jahren Ruhm erntete und die moderne Stahlflasche mit verdichtetem Sauerstoff am Boden zu haben?
Das aufnehmende Atelier, die Herkunft des Bildes und die Identität des Laternisten sind unbekannt. Aus der Sammlung Rolf H. Krauss kam es zu Musica Magica". Das ist eine Künstlerkompagnie, die sich die Erhaltung und Wiederbelebung der optischen und akustischen Attraktionen des 19. Jahrhunderts zum Ziel gesetzt hat. Sie reisen mit Guckkästen, Laterna magica und einem Stummfilm-Wanderkino, richten auch zum Thema passende Ausstellungen aus. Der Verfasser gehört zu dieser Gruppe.
[1] Die Projections-Kunst für Schulen, Familien und öffentliche Vorstellungen etc. Zehnte, verbesserte Auflage, Düsseldorf (Ed. Liesegang's Verlag) 1896, S. 57. -> Text
[2] Brockhaus' Konversations-Lexikon, 14. Aufl., Bd.7 (1893), S.569. -> Text
[3] Ebda. Bd.5 (1892), S. 987. -> Text
[4] Die Projections-Kunst, a.a.O., S. 121. -> Text
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 6 (1995), S. 3/4 (Vol. 2, No. 2).
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