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Fotorahmen, Gelbmetallguß mit angelöteten Applikationen, 168 x 180 mm, Metallwarenfabrik Erhard & Söhne, Schwäbisch Gmünd um 1878; Ambrotypie, 116 x 155 mm, Carl Jäger, Schwäbisch Gmünd. Museum für Natur und Stadtkultur, Schwäbisch Gmünd. (Aufnahmen: Johannes Schüle) |
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Wenn in diesem Heft des Rundbrief Fotografie" an der Stelle, an welcher die Leser den jedesmal spannenden Essay über ein Bild" erwarten, stattdessen erstmals ein Rahmen behandelt wird, dann soll dies nicht nur als Fußnote zur erfolgreichen Mannheimer Tagung Präsentationsformen von Fotografie" verstanden werden. Vielmehr will dieser Beitrag über ein spezifisches Präsentationsmedium des Bildmediums Fotografie dazu anregen, beim Sammeln, Bewahren, Erschließen und Vermitteln von Fotografie öfter als bislang üblich - und im doppelten Wortsinn - einen Blick hinter das Bild zu werfen: Zu den beiden gebräuchlichen archivalischen und musealen Umgangsweisen mit Fotografie, nämlich das Foto als Ergebnis eines künstlerischen Prozesses oder als unbestechliches und leicht entzifferbares Dokument zu verstehen und zu verwenden, sollten ergänzend noch andere Lesarten hinzukommen.
Es handelt sich hier um einen von zwei im Schwäbisch Gmünder Museum für Natur und Stadtkultur erhaltenen Fotorahmen aus der umfangreichen Kunstgewerbeproduktion der Gmünder Metallwarenfabrik Erhard & Söhne (gegr. 1844); drei weitere befinden sich in Privatsammlungen. Das übrige Fotorahmenprogramm ist bislang nur aufgrund des reichhaltigen Katalogmaterials bekannt. Der vorliegende Rahmen gehört zu einer Produktlinie von fünf Rahmen in verschiedenen Formaten. Fuß und Kopf sind aufgelötet und wurden auch für anders gestaltete Rahmen mit floraler Ornamentik verwendet, eine Spezialität der Herstellerfirma. Die schmale, flach ornamentierte Rahmenleiste mit abgerundeten Ecken auch im Bildausschnitt lehnt sich an die Tradition des Biedermeierrahmens an, wie er für frühe Fotografien (besonders Unikate) häufig Verwendung fand. Die Bekrönung mit der offen gezeigten Aufhängeöse variiert ein Thema der klassischen französischen Porträtrahmung, welches vor allem in Form des flatternden Bandes" populär war. Lediglich die vier kleinen Kartuschen im Zentrum der Seitenleisten verweisen auf die um 1870 ihren ersten Höhepunkt erreichende monumentale Neo-Renaissance. Der Entwurf stammt vermutlich von Professor Gustav Bauer (1830-1888), der in der Entstehungszeit maßgeblich für Erhard & Söhne tätig war und von dem stilistisch ähnliche Fotorahmen nachgewiesen sind. Als Preis für vergleichbare Rahmen in pl"-Ausführung (= versilbert mit heller Oxidierung) wird 4,50 Mark angegeben.
Die Rückseite, auf der oft die entscheidenden Merkmale für Datierung und Lokalisierung von Fotorahmen zu finden sind, zeigt oben zwei Metallscharniere, in denen ursprünglich der Aufstellstab verankert war. Sowohl die Tiefe der Bildaussparung als auch die Bildfixierung mittels neun dreizackigen Metallkrallen, die nicht für häufige Bildwechsel geeignet waren, deuten auf einen Spezialrahmen für Ambrotypien hin: Der Gmünder Fotograf Carl Jäger (1843-1904), von dem das gerahmte Freiluft-Gruppenporträt des Honoratiorenclubs Hortensia" stammt (welcher übrigens 1850 als bürgerliches Refugium aus den Turbulenzen der gescheiterten 48er Revolution gegründet worden war und zu dessen Mitgliedern auch der Metallwarenfabrikant Julius Erhard gehörte), hat erstaunlich lange mit dieser Unikattechnik schwarz hinterlegter Glasnegative gearbeitet. Da sich sein Porträtatelier nach der Niederlassung des vorherigen Wanderfotografen in Schwäbisch Gmünd anscheinend nicht gegen die bereits etablierte örtliche Konkurrenz durchsetzen konnte, spezialisierte er sich in den 1870er Jahren auf die Sachfotografie. Der erste bekannte fotografische Katalog der Kunstgewerbeproduktion von Erhard & Söhne besteht aus einem Leporello mit etwa 100 Albuminabzügen; ein Tafelwerk mit etwa 150 Sachaufnahmen Jägers aus seinem inzwischen gegründeten Lichtdruckunternehmen datiert um 1889.
Das gesamte Ensemble in seiner Kombination von fotografischem Unikat und einer Rahmung, die sich an vor- und frühfotografischen Präsentationsformen orientiert und in ihrer natürlichen" Ornamentik seltsam zeitlos wirkt, strahlt den unprätentiösen, kurzzeitigen Moden abgewandten guten Geschmack" eines gebildeten, traditionsreichen bürgerlichen Publikums aus. Der Glanz des Metalls signalisiert Wertschätzung für die Abgebildeten, protzt aber nicht mit dem Wert des Materials. Die Entscheidung der Konsumenten für diesen Rahmen war als Geschmacksentscheidung gleichzeitig ein Mittel sozialer Distinktion gegenüber dem überladenen Prunk des parvenuhaften Modegeschmacks. Dieser verwirklichte seine Legitimationsbedürfnisse während der Gründerjahre entweder im altdeutschen" bürgerlichen Stil der Neo-Renaissance oder im adligen Lebensstil imitierenden Neo-Rokoko. Beide Moderichtungen wurden ebenfalls vom Erhardschen Fotorahmenprogramm bedient.
Die Fotografie erfüllt konkrete Bildbedürfnisse eines Auftraggebers und im weiteren Sinne eines Publikums. Dazu werden bestimmte Präsentationsformen eingesetzt, die eine zweite mediale Ebene zwischen Bild und Betrachter konstituieren und die Bildwirkung unterstützend, konterkarierend oder gar manipulierend beeinflussen. Diese Ebene sollte von denen, die sich analytisch oder vermittelnd mit Fotografie beschäftigen, jeweils mitbedacht werden. Gerade in einer Zeit, in der wir Zeugen eines epochalen Medienwechsels sind, steht die spannende Aufgabe auf der Tagesordnung, die Rahmen"bedingungen des untergehenden Mediums zum Thema zu machen, um das Funktionieren der aufsteigenden Medien besser verstehen zu können. Vielschichtigere Fotoausstellungen könnten ein willkommenes Ergebnis dieses Bemühens sein.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 3 (1994), S. 3/4 (Vol. 1, No. 3).
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