Aufnahme: J.W. Hornung; Reproduktion: Ulrich Metz

Fahne. Feier. Fotografie

Ein Essay von Wolfgang Hesse

Ausdruck patriotischen Gesellschaftslebens ist die "wohlgelungene photographische Aufnahme" von Hofphotograph Julius Wilhelm Hornung, die am Sonntag, dem 6. Oktober 1907 anläßlich der Fahnenweihe des "Pioniervereins für Tübingen und Umgebung" im Hof der Gastwirtschaft "Zum Hanskarle" in Tübingen entstand. Der Vorgang war bedeutsam, gehörten doch mit diesem heiligen Zeichen der (Unter-)Ordnung nun auch die ehemaligen Pioniere der Region gleichrangig zum Kreis derjenigen Institutionen, in denen sich das Bürgertum der Kaiserzeit zur Bildung der Nation versammelte.

Deshalb steht die Fahne im Zentrum des Vereins wie der Komposition. Nach ihrer Weihe durch Hauptmann Wagner vom Württembergischen Pionier-Bataillon Nr. 13 aus Ulm und der Vereidigung der Anwesenden auf sie hatten Erlebnisberichte von Veteranen des Kriegs 1870/71 Feier und Fahne mit der blutigen Gründung des Reichs verbunden, die Erinnerung an den Einsatz deutscher Truppen in China die jüngste Vergangenheit beschworen. Der Todeskult verlangte Heldenopfer: Es ging um Deutschland.

Dem Ziel innerer Einstimmung auf den Einsatz der Militärmaschinerie entspricht auch das vor der Gruppe aufgebaute Stilleben aus einem Schiffsanker und zwei gekreuzten, hakenbewehrten Stangen. Als dreidimensionale Variation des Signets der Pioniere verweist es auf Pontonbrückenbau oder Marine und die gemeinsame Militärzeit als Haupterfahrung und -sinn des Männerbundes. Darüber hinaus mag es ein Emblem christlicher Heilsgewißheit sein, für die der Anker - Halt in hoffnungslos stürmischer Welt - traditionelles Zeichen ist.

Das Aufstellen zum Lebenden Bild überführte die Fahnenweihe in die "gesellige Nachfeier". Die Beteiligten inszenierten sich am Drehpunkt des Ereignisses zur Selbstdeutung und Erinnerung. Das Kameraobjektiv des besten Porträt-Ateliers am Platz ist der Fokus ihrer Konzentration. Alle schauen - wie die Truppe beim Appell ins Auge des Kaisers oder eines Offiziers - direkt in die Linse des Apparats, nur der Fahnenträger blickt zur Fahne empor, wie es seiner besonderen Rolle im Ritual entspricht. Einzig ein Kind sieht - in der Bewegung unscharf abgebildet - schweifend umher: Die Menschen vereinigen sich unter dem "Zeichen der Kameradschaft und Sammelpunkt von Zucht und Disziplin", zu einem "Symbol der Einigkeit".

So hatte Hauptmann Wagner von der Fahne gesprochen - er hätte es auch von der Fotografie sagen können. Denn nicht nur, daß für sie die Festgemeinde in besonderer Weise posiert - ihre Bedeutung für das Ereignis geht über die einfache Sachüberlieferung hinaus. Im Aufnahmemoment integrierte sie die Gruppe zunächst latent, dann sichtbar im nahezu körperlosen Medium des Glasnegativs. In der Oberfläche des zweidimensionalen Mediums Fotografie, in der schwarzweißen Bildwirklichkeit und nicht etwa im Ereignis der Aufstellung wird diese Identität hergestellt und dauerhaft: Das Negativ und seine Abzüge sind der positive Beweis der Teilhabe am Geheimnis der Gruppenwerdung von Zivilisten, ehemaligen und aktiven Soldaten als einem System kollektiver Sicherheit.

Diese (Re-)Konstruktion des gesellschaftlichen Inhalts der Feier durch die Fotografie wird besonders deutlich an einem technischen Detail: Ins Zentrum der ersten Reihe ist die Sitzfigur eines Mannes eingeklebt. Ein nicht Anwesender kam ins Bild, vermutlich der Erste Vorsitzende des Vereins, Werkmeister Stoll, der erkrankt war. Ohne Vorstand wäre der Verein nicht hierarchisch geordnet, also nicht wirklich, gewesen. Fotograf Hornung schuf erst mit dem Montieren diese Wirklichkeit und hob damit die Bedeutung des vergehenden, unvollkommenen Ereignisses zur Höhe eines Denkmals für Wohnzimmer oder Büro. Dort konnten die Abzüge, gerahmt in vielen Leben gegenwärtig, die Botschaft der Fahne übermitteln - in Vorbereitung des kommenden Krieges trägt sie den Rütli-Schwur "Wir wollen sein / ein einig / Volk von / Brüdern".

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 0 (1993), S. 3 (Vol. 0, No. 1).





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.12.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek