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Herr Schwarz, als Leiter des Medienmuseums" im soeben eröffneten ZKM sind Sie - neben Heinrich Klotz mit seinem Museum für Neue Kunst" - einer der beiden Museumsdirektoren des ZKM, einer fast konzernartig verschachtelten Konstruktion von Sammlungen auf der einen Seite und forschenden, lehrenden und produzierenden Instituten auf der anderen Seite. Welche Rolle spielen die bewahrenden und präsentierenden Museen im Gesamtkonzept?
zDas Medienmuseum" versteht sich ein Stück weit als Schaufenster der produzierenden Institutionen hier im Haus: Medienkünstler finden hier z.B. am Institut für Bildmedien Hard- und Software aus dem Hightech-Bereich sowie die dazu notwendige Betreuung, um als artists in residence" Projekte zu realisieren, deren Umsetzung ins Ausstellungsmedium dann im Medienmuseum" stattfinden kann. So haben wir die einmalige Chance, direkt an aktuellste Kunst heranzukommen und gleichzeitig einem breiten Publikum zu zeigen, was Medienkunst sein kann und wie die modernen Medien funktionieren.
Das Medienmuseum" präsentiert neben Wechselausstellungen auch eine Dauerausstellung" - um im traditionellen Museumsjargon zu bleiben. Kann der Begriff Dauerausstellung" überhaupt noch auf eine mit flüchtigen" elektronischen Medienexponaten operierende Veranstaltung angewendet werden? Was bedeutet in Ihrem Haus Dauer", mit welchen Zeiträumen rechnen sie, und welche Flexibilität haben sie in Ihrer Konzeption mitgedacht?
Medienkunst hatte angesichts der Berührungsängste der klassischen Kunstmuseen bisher fast nur eine Chance bei Sonderausstellungen. Die Installationen wurden dann abgebaut, ja sogar zerstört. Besonders schmerzhaft wird dies bei den frühen Experimenten elektroakustischer Musik deutlich, wo so gut wie keine der Aufführungsinstallationen überlebt hat. Da nehmen wir speziell als Medienmuseum unsere Aufgabe als Institution, die Dauerhaftigkeit und Kontinuität verleiht, sehr ernst. Zum einen sammeln wir Medienkunst nach den bewährten Museumsstandards. Zum anderen ist unsere Dauerausstellung zwar auf eine gewisse Flexibilität ausgelegt, um immer wieder neuen Themen und Künstlern eine Chance zu geben, aber wir gehen von einem sehr behutsamen Wechselzyklus aus: Vielleicht vierteljährlich zwei oder drei Werke sollen ausgetauscht werden.
Die Frage der Dauerhaftigkeit spielt natürlich auch eine Rolle bei der klassischen Museumsaufgabe des Bewahrens". Mit welchen konservatorischen Problemen werden Sie durch die Halbwertszeiten von Hard- und Software konfrontiert und welche Lösungsstrategien werden in Ihrem Haus praktiziert?
Die Problemlage des Konservierens von Medienkunstwerken ist geprägt durch weitgehend fehlende Erfahrungen mit der Langzeithaltbarkeit von Datenträgern und Programmen. Abspielhardware wird natürlich von uns gesammelt, und unsere Technik hat inzwischen großes Geschick darin entwickelt, diese Maschinen auch zu reparieren. Die Daten werden durch regelmäßiges Sicherheitskopieren konserviert, wobei bei der Wahl der Sicherungsdatenträger die neuesten Erkenntnisse zu berücksichtigen sind. Am schwierigsten ist das Konservieren von Software. In der Ausstellung können Sie sehen, daß mit entsprechendem Programmier-Knowhow, wie es hier im Hause vorhanden ist, Software-Rekonstruktion und -Substitution möglich ist: Unsere Programmierer haben hier Inkunabeln" der Computerspiele, die ursprünglich auf Atari oder Commodore gelaufen sind, auf ein modernes Betriebssystem implementiert und damit auf moderner Hardware spielbar gemacht (Abb. 1).
Aber nicht nur das längerfristige Konservieren wirft bei elektronischen Medien ganz neue Probleme auf. Auch die Erhaltung der Funktionsfähigkeit von interaktiven Schnittstellen zum Besucher im musealen Dauerbetrieb überfordert aller Erfahrung nach die für die pflegliche Nutzung durch einen disziplinierten User konzipierten Hard- und Softwarekomponenten. Also, ehrlich: wieviele Installationen haben den immensen Besucheransturm am Eröffnungswochenende nicht überlebt?
Es gab hier erstaunlich wenig Probleme. Wir hatten einen Hardwareschaden, der durch Herstellungsfehler bedingt war, wir hatten einige Temperaturprobleme, die mit dem Ausnahmezustand von 40.000 Besuchern an zwei Tagen zu tun hatten. Aber sonst hatten wir keinen einzigen der für viele Multimediaanwendungen in Ausstellungen leider üblichen und akzeptanzschädigenden Abstürze. Wir haben allerdings bei der Programmierung und Installation unserer Exponate dieser Problematik größtmögliche Aufmerksamkeit, u.a. durch ausführliche Tests, geschenkt.
Der zweite Schließtag, Dienstag, hat also nichts mit den jeweils notwendigen Reparaturarbeiten zu tun?
Nein, das hängt ausschließlich mit der nicht für sechs Tage ausreichenden Personalausstattung zusammen.
Sie haben in Ihrem Katalogaufsatz kritisch die Fragen der Medienpräsenz im Museum diskutiert, und Sie ziehen ein ernüchterndes Fazit: Zwischen Kunsthistoriker-Ignoranz und Erlebnisparkvermarktung sind kaum Vorbilder zu erkennen. Sie selbst lassen eine gewisse Präferenz für das Konzept des Science-Center" erkennen, das nicht Objekte", sondern Prozesse" präsentiert und weitgehend interaktiv mit dem Besucher kommuniziert. Nun bietet allein ihr Medienmuseum" so viele Werke an, die ja nicht in der traditionell meditativen", soll heißen zeitautonom vom Betrachter bestimmten Weise wahrgenommen werden können, sondern eine so zeit- und konzentrationsintensive Auseinandersetzung verlangen, daß damit das Zeitbudget des klassischen Museumsbesuchers heillos überfordert wird. Ist damit nicht dem oberflächlichen, jede kritische Auseinandersetzung konterkarierenden musealen Zapping" Tür und Tor geöffnet?
Nein, gerade nicht. Bei unseren Medienkunstwerken ist oberflächlicher Konsum viel weniger möglich als z.B. bei einer Gemälde- oder auch klassischen Fotoausstellung. Der Besucher sieht von den meisten unserer Exponate nämlich so gut wie nichts, wenn er nicht bereit ist, sich intensiver darauf einzulassen. Natürlich gibt es eine frustrationsvermeidende Dramaturgie zwischen komplexeren und weniger komplexen Interfaces, zwischen hellen und dunklen, offenen und geschlossenen Räumen. Aber wir haben bewußt darauf verzichtet, den Werken Gebrauchsanweisungen für einen schnellen Konsum beizugeben. Der Besucher soll die Exponate selber erkunden, diese Erfahrung wollen wir ihm nicht ersparen. Um nach Bedarf Hilfestellungen zu geben, stehen neben dem Sicherheitsaufsichtspersonal auch stets zehn Interpretationshelfer" zur Verfügung. Wir hatten allerdings noch ein weiteres Problem zu bewältigen, das mit der Präsentation von interaktiven Medienkunstwerken für größere Besuchergruppen verbunden ist: die Trennung des Publikums in direkt Interagierende und Zuschauer. Wir meinen dies weitgehend durch Projektionen oder auch Vernetzung von mehreren Präsentationsplätzen gelöst zu haben (Abb. 2) und betrachten die damit initiierte Interaktion der Besucher untereinander als Bestandteil unseres Konzepts.
Sowohl in der Gesamtinstallation als auch in den meisten Einzelinstallationen vermisse ich retardierende Elemente. Es gibt keine Leitsysteme, die die sechsfache Gliederung ihres Konzeptes (Medienkörper, Medienräume, Medienvisionen, Medienkünste, Medienexperimente und Medienspiele) als Selektionsanreiz umgesetzt hätten (Abb. 3). Das von Ihnen theoretisch propagierte cognitive mapping" funktioniert z.B. bei den Textfresken" mit Fragmenten der diversen historischen Diskurse um die Geltung der Medien" aus ganz einfachen wahrnehmungspsychologischen Gründen nicht: graue, unscharfe Texte auf grauem gepixeltem Untergrund sind beim besten Willen des Besuchers kaum lesbar und können sich schon gar nicht gegen die bewegte Welt der Exponate" durchsetzen (Abb. 4). Auch die immerhin auf Monitoren präsentierten Tryptogramme" mit Texten und Biografien zu den Künstlern können wegen ihrer peripheren Plazierung dem zwanghaften Drang des Besuchers zum nächsten Event" kaum Einhalt gebieten. Und die Exponatbeschriftungen in Visitenkartengröße können bestenfalls als Ironisierung traditionell musealer Gepflogenheiten durchgehen. Kann man hier noch mit Nachbesserungen" rechnen?
Abb. 1: "Ahnengalerie" der Computerspiele.
--> Text Abb. 2: Spielinstallation "Labyrinthos" mit vernetzten
Plätzen. --> Text Abb. 3: Orientierungssystem im Foyer des ZKM mit
Live-Videokamera. Abb. 4: "Laboratorien" mit Textfresko. (Fotos: W.J.).
--> Text
--> Text
Ja, natürlich, viele Dinge lassen sich nur im
Besucherbetrieb wirklich erproben, und gerade unsere
Interpretationshelfer" haben offene Augen und Ohren für
die Besucherreaktionen. Retardierend wirkt zunächst - wie ich
eben zu erläutern versucht habe - die Komplexität der
Exponate selber. Eine thematische Gliederung mit Überschriften,
wie ich sie aus methodischen Gründen für den Katalog
vorgenommen habe, sollte in der Ausstellung nicht vorgeführt
werden. Hier sollen die Übergänge fließend sein und
die Navigation des Besuchers nicht gegängelt werden. Die
Textfresken" sollten durch ihr zurückhaltendes Grau im
Kontrast zu den bewegten bunten Bildern der Exponate stehen. Ob dies
- wie Sie befürchten - dazu führt, daß sie von den
Besuchern übersehen werden, muß sich noch herausstellen.
Die Tryptogramme" sollen in attraktiver Form biografische und
interpretatorische Zusatzinformationen zu den Exponaten geben. Wir
haben hier auch Sitzgelegenheiten vorgesehen, um eine Reflexion des
Gesehenen zu ermöglichen. Es kann sein, daß hier noch
nicht alles optimal aufgestellt ist. Die Exponatbeschriftungen
sollten klein und elegant sein, aber ich muß zugeben, daß
wir die Entscheidung noch vor der Lichtprobe getroffen haben und wir
hier noch nachbessern müssen. Aber wir befinden uns in vieler
Hinsicht eine Woche nach der Eröffnung noch in der
Erprobungsphase.
Für eine Zeitschrift mit unserem Titel natürlich unverzichtbar: die Frage nach dem Stellenwert der Fotografie. Da in Ihrem Medienmuseum" die Silberhalogenidfotografie nicht vorkommt, sondern - zusammen mit Malerei, Skulptur und den Klassikern" der Videoinstallation - im Museum für Neue Kunst Ihres Kollegen Klotz ihren Platz gefunden hat, bin ich bei Ihnen sozusagen an der falschen Adresse für diese Frage. Von Bedeutung ist die Frage nach dem Bildmedium des Industriezeitalters in Ihrem Museum des Medienzeitalters" allerdings insofern, als das Fehlen der Fotografie wohl Ausdruck Ihrer Konzeption von einem Museum ist, das lieber Geschichte machen als sie aufzeichnen" soll. Halten Sie das Erschließen von Mediengeschichte für überflüssig oder gar störend für ein Medienmuseum"?
Nein, ganz und gar nicht. Die Fotografie hat unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit entscheidend mitgeprägt und ist - wenn man sie nicht reduziert auf die Erscheinungsform des Papierbildes - in vielen unserer Medienwerke präsent. Nicht nur das Museum für Neue Kunst sammelt Fotografien, sondern auch das Medienmuseum - allerdings mit anderen Schwerpunkten. Da wir ja nicht nur artists in residence" im ZKM haben, sondern durch unsere Kooperation mit der Hochschule für Gestaltung auch scientists in residence", kann ich mir durchaus auch Forschungsprojekte zu fototheoretischen und -historischen Fragestellungen vorstellen, die ihren Niederschlag in Ausstellungsprojekten finden könnten. Schließlich harrt im ZKM auch der Nachlaß des Medientheoretikers Vilém Flusser, der sich ja bekanntermaßen ausführlich mit Fotografie beschäftigt hat, seiner Aufarbeitung. Wenn wir in unserer ersten Dauerausstellung" die Mediengeschichte nicht ausdrücklich thematisiert haben, dann, weil wir gegen die historisierende Schlagseite der klassischen Museumslandschaft den Zukunftsaspekt der Institution Museum betonen wollten.
Angesichts des dreistelligen Millionenaufwands für das ZKM und weitgehend hilfloser Abstinenz der übrigen Museen gegenüber den Fragen der modernen Medien könnte man zu dem Schluß kommen, daß für eine besucherwirksame museale Auseinandersetzung mit diesem brisanten Thema nur Institutionen mit der finanziellen und personellen Potenz des ZKM in Frage kommen. Oder könnten Sie sich auch intelligente Arbeit an diesem Projekt in weniger opulent ausgestatteten Häusern vorstellen - vielmehr wäre sie nicht geradezu Voraussetzung für eine Breitenwirkung Ihrer eigenen Arbeit?
So teuer war das ZKM gar nicht. Unsere Inneneinrichtung hat 10 Mio. DM gekostet - im Vergleich: das Paderborner Nixdorf-Computer-Museum hat für seine Einrichtung ca. 40 Mio. DM verbraucht. Wir verstehen unsere Rolle in der Museumslandschaft durchaus als dienstleistendes Kompetenzzentrum auch für kleinere Institutionen. Wir haben eine ganze Reihe von Ausstellungsrahmen" nicht nur für künstlerische, sondern auch für ausstellungsdidaktische Medienwerke entwickelt, die mit begrenztem finanziellem Aufwand adaptierbar sind. Wir stehen über den Museumsbund im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, und ich persönlich stehe jederzeit für interessierte Besucher aus den verschiedensten Institutionen zur Verfügung.
Kataloge: Hans Peter Schwarz: Medien-Kunst-Geschichte. Medienmuseum im ZKM. Buch/CD-ROM. München/New York 1997, ISBN 3-7913-1836-5, DM 98,-. Heinrich Klotz: Kunst der Gegenwart. Museum für Neue Kunst im ZKM. München/New York 1997, ISBN 3-7913-1835-7, DM 98,-.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 16 (1997), S. 28-30 (Vol. 4, No. 4).
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