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Herr Hils, Sie sind - ungewöhnlich für den Kurator einer musealen Fotoausstellung - nicht Kunst- oder Kulturwissenschaftler, sondern Kommunikationsdesigner und Fotojournalist. Wie kamen Sie zu einem solchen Ausstellungsprojekt?
Bislang habe ich nur Ausstellungen mit eigenen fotografischen Projekten gemacht, wie zum Beispiel das sozialdokumentarische Projekt West sieht Ost - Deutschland zwischen Maueröffnung und erster gemeinsamer Wahl". Diese Arbeit, die 1992 vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft mit einem Sonderpreis ausgezeichnet worden ist, wurde vom Goethe-Institut in verschiedenen spanischen Galerien gezeigt.
1993 wurde in Wilhelmsdorf bei einer Dachbodenräumung eine Holzkiste mit ca. 350 Glasnegativen gefunden. Ein mit mir befreundeter Kunst- und Antiquitätenhändler bat mich, diesen Fund zu sichten. Die Sichtung des Materials ergab, daß es sich um den Nachlaß eines Dorffotografen handelte. Porträts, Aufnahmen des dörflichen Lebens, Vergnügens, der Arbeit und der schulischen Institutionen bestätigten die Vermutung, daß es sich hierbei um Wilhelmsdorf, eine pietistische Brüdergemeinde in Oberschwaben zu Anfang dieses Jahrhunderts handelt. Die Arbeiten führten auf die Spur des ersten professionellen Wilhelmsdorfer Fotografen, Friedrich Pöhler. Nur zwei Jahre lang, 1909 und 1910, lebte und arbeitete der damals im besten Mannesalter stehende Pöhler in Wilhelmsdorf. Woher und weshalb er kam und wohin er ging, blieb im dunkeln.
Mein Ansatz war, dem heutigen Betrachter verschiedene Zugriffsmöglichkeiten auf dieses fotografische Erbe anzubieten. Pöhler, Grenzgänger in vielfachem Sinne - zwischen den Zeiten, zwischen den Staaten Württemberg und Baden, den Religionen, als Künstler unter den Bauern -. macht uns bei Betrachtung seiner Bilder zu zunächst unwissenden Komplizen. Eine Annäherung an seine Arbeiten erfordert einen Prozeß der Dechiffrierung in mehrfacher Hinsicht, wozu die Beiträge der Katalogautoren Ansätze bieten. Neben einer literarischen Annäherung vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung und aus dem Wissen um die oberschwäbische Mentalität (Arnold Stadler) bietet sich eine historisch-psychologische Deutung an, dies nicht nur, um die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen zu erfassen, sondern auch, um die Zeitspanne zwischen einst und jetzt zu überbrücken (Andreas Gestrich, Historisches Institut, Universität Stuttgart). Eine weitere Zugriffsmöglichkeit auf dieses vieldeutige Erbe liefert eine kulturwissenschaftliche Bestimmung der Lebensumstände, Arbeitsbedingungen und des Entwicklungsstandes der damaligen lokalen Fotokultur (Martin Rexer, Württembergisches Landesmuseum). Eine abschließende Sichtung der Arbeiten unter Berücksichtigung der aktuellen Ästhetikdiskussion im Zusammenhang mit Fotografie als Geschichte einer Möglichkeit der Wahrnehmung (aisthesis) liefert der Aufsatz von Anna Eifert-Körnig. Das ganze Projekt konnte in dieser Form nur durch die organisatorische und finanzielle Unterstützung des Bauernhaus-Museums Wolfegg realisiert werden, wofür ich mich an dieser Stelle nochmals recht herzlich bei der Leiterin des Museums, Frau Ursula Winkler, bedanken möchte.
Die obligatorische Frage zu jeder Ausstellung: Wie haben Sie aus den 350 Negativen 100 für die Präsentation ausgewählt?
Natürlich habe ich versucht, möglichst einen repräsentativen Querschnitt zusammenzustellen. Bei der Auswahl fielen zunächst einmal technisch mißlungene Varianten, die der Fotograf schon selbst als solche erkannt und die Aufnahme deshalb wiederholt hatte, weg. Außerdem eine Reihe von Gruppenaufnahmen, die kaum Variationen aufweisen. Sonst wurde schon sehr stark auf Vollständigkeit geachtet, was bei einem solchen beschränkten Bestand einer kurzen Schaffensperiode auch leichter ist als bei einem Lebenswerk.
Sie haben darauf verzichtet, für die Ausstellung nach Vintage Prints zu suchen, und haben von etwa 100 Negativen moderne Prints im Format 30x40 cm angefertigt - ein Verfahren, das fotohistorisch natürlich sehr problematisch ist und auf eine korrekte" Kontextualisierung fast provokativ verzichtet - aber mit einem Ergebnis, das meine anfängliche Skepsis Lügen straft.
Ich habe nicht bewußt darauf verzichtet, sah mich aber auch außerstande, diese gewaltige Recherche leisten zu können. Entscheidend war die Überlegung, die Bilder so zu präsentieren, daß sich ihre Bedeutung für die damals Fotografierten dem heutigen, fotografiegewohnten Publikum erschließen kann. Das hätte mit den wenigen aufgefundenen Prints und Postkarten nicht oder nur schwerlich funktioniert. Wir haben versucht, aus den z.T. unter- oder überbelichteten Negativen auf Multigrade-Barytpapier das Optimale an Graustufen herauszuarbeiten, um die größstmögliche Bildwirkung zu erzielen. Dabei haben wir zum einen Schäden auf den Negativen, soweit sie keine Informationsträger sind, ausgeblendet, zum anderen aber die Bildmaske der Negative bis auf den Beschriftungsstreifen formatfüllend reproduziert und damit auch Details wie den Staffagenaufbau bei Atelieraufnahmen sichtbar gemacht. Auf den Originalabzügen wäre diese Information wahrscheinlich nicht zu sehen. Der Ausstellungsbesucher wird natürlich über diese Entscheidung aufgeklärt.
Die Ausstellung ist ja zweigeteilt: im Erdgeschoß ein lichtdramaturgisch effektvoll arrangierter Informationsteil mit stehender und bewegter Projektion von Texten und Vitrinen , die eine zeitgenössische Wanderfotografenkamera, einige Originalabzüge, das Werbeschild von Pöhler und im Zentrum die Schatzkiste" mit der Reproduktion einer Glasplatte enthalten. Im hell beleuchteten Galeriegeschoß sind dann die Prints nach Motivgruppen gegliedert in nicht zu breiten Passepartouts in dezenten, schmalen Holzrahmen relativ eng gehängt. Gerade die enge Hängung, die aber durch die Passepartourierung austariert wird, erzeugt eine besondere Intensität dieser Bilderwelt, visualisiert die Serialität von Fotografie, statt sie wie oft zu verschleiern, und ermöglicht dem Betrachter vergleichende Blicke, die den Variantenreichtum eines fotohistorisch so mißachteten Genres wie der gewerblichen Porträtfotografie frappierend sichtbar macht.
Sie haben natürlich recht. Besonders bei den Porträts zeigt die enge, serielle Hängung den Variantenreichtum am deutlichsten. Dieses schwierige, oft mißachtete Genre habe ich deshalb gleich an den Anfang gestellt. Die Inszenierung im Erdgeschoß sollte durch das gedämpfte Licht ein Gefühl des Eintauchens in die geheimnisvolle Welt des Labors und der vergangenen Zeiten erzeugen, während der Lichtteppich den Besucher dazu zwingt, gleichsam über das Licht als Medium der Fotografie zu stolpern". Die Projektion der Texte ist für mich eine sinnvolle Alternative zu den ungern gelesenen Texttafeln. Außerden stellen Texttafeln immer einen Eingriff in die bestehenden architektonischen Räume dar und wirken oft als Fremdkörper. Mit den Licht-Text-Projektionen hatte ich die Möglichkeit, den Raum selbst zu gestalten.
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Abb. 1: Blick ins Erdgeschoß der Ausstellung mit "Fundkiste" in Vitrine und Textprojektion. |
Abb. 2: Hängung im Obergeschoß. (Fotos: Claudio Hils). |
Im Erdgeschoß findet man auch ein weiteres Highlight der Ausstellung: eine interaktive Bildschirmpräsentation des Kataloges. Es freut mich besonders, ausgerechnet da, wo ich es am wenigsten vermutet hätte, nämlich in der Ausstellung einer gar nicht auf Fotografie spezialisierten Institution, das zu finden, was ich bei großen Fotoausstellungen oft vermißt habe: die Möglichkeit für den Besucher, unter dem Eindruck der Ausstellung Bilder zu vergleichen, Hintergrundinformationen abzurufen, in ein aktives Verhältnis zu den Exponaten zu treten. Wie war es möglich, zu einer solchen Ausstellung auch noch eine CD-ROM zu produzieren?
Dazu muß ich sagen, daß ich vor einem Jahr zusammen mit einigen Freunden eine kleine Multimedia-Produktionsfirma gegründet habe. Das Ausstellungsprojekt war natürlich eine Herausforderung, unser Können zu erproben. Wir haben die CD-ROM selbst finanziert und in selbstausbeuterischer Weise etwa vier bis fünf Monate Entwicklungsarbeit investiert.
Die Animation ist ohne modischen Firlefanz gestaltet, dafür aber handwerklich perfekt gemacht: die Typografie lesefreundlich, die Benutzeroberfläche übersichtlich und selbsterklärend, die optimale Programmierung schließt lästige Wartezeiten aus, und es wurde sogar an eine Schleife vom Ende der Animation zurück zum Bildschirmschoner gedacht, der dann nach 15 Minuten einen Trailer aufruft, um die Besucher auf die Bildschirmpräsentation aufmerksam zu machen. Besonders angesprochen hat mich die Animation des Essays von Arnold Stadler über vier der gezeigten Bilder: Der Text muß nicht auf den Bildschirm gelesen werden, sondern wurde von einer professionellen Sprecherin sehr einfühlsam eingesprochen, die Bilder sind so elegant und dezent animiert, daß Raum für Phantasie und Reflexion des Betrachters geschaffen wird. Allerdings vermisse ich auch auf Ihrer CD-ROM ein paar Essentials: Die Bilder sind zwar über einen Index und über eine Miniaturenleiste aufrufbar, aber man kann leider keine zwei Bilder nebeneinander betrachten. Schade ist auch, daß weder zu den in den Katalogtexten zitierten Bildern noch zu den Fußnoten Links gesetzt sind. Kurz vor Drucklegung des Interviews erreicht uns dazu folgende Mitteilung von Claudio Hils:
Die Safira-Leute hat nach Ihrer Kritik nochmal der Ehrgeiz gepackt. Wir haben für die CD-ROM-Version, die in den Verkauf gehen soll, und auch für die Ausstellung sowohl eine Bühne für die gleichzeitige Betrachtung von vier durch den Nutzer ausgewählten Bildern geschaffen als auch die Katalogtexte in Seiten aufgeteilt, durch die jeweils die zitierten Bilder auf einer zweiten Bühne eingeblendet werden. Und schließlich wird jetzt auch durch eine Cursorbewegung über die Referenzstelle die entsprechende Fußnote in einem zweiten Fenster aufgerufen.
Toll! - Was geschieht nun weiter mit den Negativplatten? In welchem Zustand befinden sie sich?
Die Platten befinden sich in meinem Besitz. Für die Herstellung der Prints haben wir sie trocken gereinigt. Sie waren in der gezeigten Holzkiste in originalen Plattenkartons liegend gelagert worden, allerdings mit jeweils einem Trennblatt geschützt. Die Schäden halten sich in Grenzen: wenig Glasbruch, wenig Aussilberungen, wenig Pilzbefall, keine Emulsionsablösungen. Aber der Bestand gehört natürlich bald in die konservatorisch sichere Obhut einer musealen Institution. Ich bin im Gespräch mit verschiedenen Häusern, möchte aber auch gewährleistet wissen, daß der Bestand nicht nur einfach in der Versenkung verschwindet. Vor allem möchte ich, daß die Ausstellung oder auch eine andere Ausstellung aus dem Bestand über das regionale Umfeld hinaus zugänglich gemacht wird.
Dazu wünsche ich Ihnen viel Glück. Denn diese Ausstellung stellt ein eindrucksvolles Plädoyer für die Silberhalogenidfotografie dar, das es verdient, möglichst breit wahrgenommen zu werden. Ja, ich möchte mich sogar zu dem emphatischen Urteil hinreißen lassen: Die Neuprints dieser Negative eines unbedeutenden" Fotografen der Jahrhundertwende erschließen Bildqualitäten, die dazu anregen könnten, die ästhetische und fotogeschichtliche Unterschätzung der durchschnittlichen gewerblichen Fotografie einer Revision zu unterziehen: Zwischen der Bauernhausserie von Friedrich Pöhler und den Serien der Bechers, zwischen den Handwerkerporträts eines oberschwäbischen Wanderfotografen und denen eines August Sander liegen nicht die Welten, die uns der gewerbliche Bilderhandel weismachen will.
Katalog: Von Königskindern und anderen. Friedrich Pöhler: ein Photograph in Wilhelmsdorf 1909-1910. Bemerkungen zur Betrachtung historischer Photographie. Hrsg. von Claudio Hils. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 1997. DM 85,-. ISBN 3-7017-1073-2.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 14 (1997), S. 24-26 (Vol. 4, No. 2).
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