Im Gespräch

Bodo von Dewitz, Leiter des Agfa Foto-Historama, Köln,
zur Ausstellung „Alles Wahrheit! Alles Lüge!"

Herr von Dewitz, Sie haben, zusammen mit Roland Scotti, aus der 1993 von der Stadt Köln für 4,5 Mio. DM erworbenen, ca. 10.000 Fotografien umfassenden Sammlung des Stern-Fotografen Robert Lebeck 250 Exponate für diese Ausstellung ausgewählt. Wie muß man sich einen Auswahlprozeß bei solchen Dimensionen vorstellen?

Zunächst eine Korrektur: Die 4,5 Millionen sind nicht von der Stadt Köln alleine aufgebracht worden, sondern in einer konzertierten Aktion zu je einem Drittel von der Kulturstiftung der Länder, der Stiftung Kunst und Kultur NRW und der Stadt Köln. - Der Auswahlprozeß ist streng entlang dem Thema der Ausstellung verlaufen, der Frage nach dem Spannungsverhältnis von Wirklichkeitsrepräsentation und medialer Inszenierung in der Fotografie des 19. Jahrhunderts, wobei ein Querschnitt durch die Motiv- und Anwendungsgruppen der Sammlung mit beabsichtigt war.

Wie ist die Sammlung überhaupt erschlossen? Welche begleitenden Quellen zur Geschichte der Bilder und ihrer Tradierung gehören zur Sammlung?

Wir haben einen Bestandskatalog erarbeitet, der aber aus finanziellen Gründen noch nicht veröffentlicht werden kann. Das heißt: alle Bilder sind bearbeitet und katalogisiert, wobei zu sagen ist, daß bei historischen Fotografien meist ein großer Rechercheaufwand notwendig ist, um die Bilder zum Sprechen zu bringen. In der Sammlung sind kaum Dokumente zu den Bildern vorhanden. Robert Lebeck hat - soweit ihm dies möglich war - zum Teil selber recherchiert; wir - besonders auch die Fachautoren des Katalogs - haben zu den ausgestellten Bildern geforscht, wobei wir von manchem glücklichen Zufall profitiert haben, z.B. daß ein Mitarbeiter die Motive eines Albums zum südamerikanischen Eisenbahnbau vor Ort erkunden konnte.

Sie haben mit dem publikumswirksamen Titel der Ausstellung den Anspruch erhoben, anhand der Bilder die Frage nach - wie es im Untertitel heißt - „Photographie und Wirklichkeit im 19. Jahrhundert" zu stellen und das mit dem aktuellen Erkenntnisinteresse unseres Medienzeitalters an den virtuellen Realitäten begründet. Die Bilder wurden in elf Abteilungen gegliedert, in die jeweils auf einer Schrifttafel eingeführt wird. Darauf gibt es teils verfahrensgeschichtliche, teils motiv- oder anwendungsorientierte Titel wie „Die Anfänge der Photographie", „Die Selbstdarstellung der bürgerlichen Gesellschaft", „Der Photograph im Krieg" oder „Fremde Welten in Fernost" sowie ein historisches Zitat und einen knappen, sehr informativen Text plus eine Abbildung. - Ich teile aber den Eindruck, den Timm Starl in der FAZ-Rezension der Ausstellung formuliert hat, daß sich eine Antwort auf die Frage nach Lüge und Wahrheit des technischen Bildmediums Fotografie in der Ausstellung kaum finden läßt. Wäre es nicht plausibler gewesen, die Bedingtheiten unseres historischen Bildgedächtnisses, das doch viel mehr von den Rezeptionsmechanismen des Bildermarkts - auch des Sammlermarktes - bestimmt ist als von medienästhetischen Überlegungen der Bildproduzenten, anhand der konkreten Sammlungsgeschichte und dem Weg der Bilder durch die Zeiten zu reflektieren statt der Versuchung zu erliegen, den Wirklichkeitsgehalt der Bilder aus der Evidenz der Motive und ihrer fotografischen Realisierung filtern zu wollen?

Die Geschichte der meisten Bilder aus der Sammlung Lebeck ist nicht überliefert, die Sammlungsgeschichte ist bei dieser vergleichsweise „modernen" Sammlung nicht so aufregend wie etwa bei den „historischen" Fotosammlungen Eder oder Stenger und wurde zudem schon in verschiedenen Ausstellungen thematisiert. Deshalb wollten wir diese umfangreiche Sammlung mit einer dezidierten und aktuellen Fragestellung urbar machen, ohne die Scheu davor, daß die gestellten Fragen im Rahmen einer Ausstellung nicht erschöpfend zu beantworten sind. Eine Ausstellung ist eben eine Ausstellung und keine Habilitationsschrift, und die Kritik daran, was alles nicht zu sehen ist, müßig, da eine Ausstellung eben unter ganz bestimmten räumlichen, finanziellen und terminlichen Rahmenbedingungen stattfindet.

Sie haben die Bilder im großen und ganzen seriell in unauffälligen Passepartouts und hölzernen Galerierahmen gehängt, die Daguerreotypien werden in Standvitrinen, die Alben in Tischvitrinen gezeigt, einzelne Albenblätter gehängt (Abb. 1). Als Blickfänge dienen blockkaschierte, überlebensgroße, moderne Prints einzelner Exponate, was mir besonders im Fall des auf ca. 1,80 Meter Höhe aufgeblasenen Carte-de-visite-Porträts von Elisabeth von Österreich als fotohistorisch problematisch auffiel, zumal die Beschriftung zumindest für den Laien suggeriert, daß dies ein Original sei (Abb. 2). Die rezeptionsgeschichtlich hochinteressanten Alben von Elisabeth - für mich persönlich die Glanzstücke der Ausstellung - werden exemplarisch in 15 auf etwa 250% vergrößerten, an einer Wand aufgehängten Reprints erschlossen. Hätte es hier zum Beispiel nicht nahegelegen, eines oder mehrere Alben komplett 1:1 zu reproduzieren und gebunden zum Blättern auszulegen? Hätte es nicht Präsentationsmöglichkeiten gegeben wie Gruppierung von Bildern, Schaffung einer der jeweiligen zeitgenössischen Rezeption angemessenen Raumsituation usw., um Ihren im Katalogvorwort zurecht formulierten Anspruch der wissenschaftlich fundierten (Re)Kontextualisierung auch in der Ausstellung einzulösen?

Eine wissenschaftlich fundierte Rekontextualisierung von Fotografien ist nur in schriftlicher Form möglich. Das heißt, daß sie im Katalog stattfinden muß, da dies in der Ausstellung selbst zu Textmengen führen würde, die vom Besucher nicht zu bewältigen sind. Wir haben sehr wohl über das Verhältnis von Bildern und Texten in der Ausstellung nachgedacht und halten unsere Lösung mit den Texttafeln für gelungen. Zu den weiteren Kritikpunkten: Eine Gruppenbildung mit Zäsuren zwischen den einzelnen Abteilungen findet durchaus statt (Abb. 3). Das mit dem modernen Großprint des Angerer-Porträts von Elisabeth von Österreich halte ich für legitim, da aus zeitgenössischen Atelierbeschreibungen bekannt ist, daß solche Mammutformate für Adelsporträts existiert haben, und ein Besucher müßte schon ein arg blutiger Laie sein, um unsere Reproduktion für ein Original zu halten. Was die Alben betrifft, so wären Reproduktionen zum Blättern zu teuer und nach kurzer Zeit verschlissen. Wenn es danach gegangen wäre, was wir gerne hätten machen wollen, dann hätte ich in der Ausstellung Monitore aufgestellt, auf denen man in den Alben blättern kann. Aber phantastische Pläne zu machen, scheitert bei unserer finanziellen Ausstattung in der ersten Stunde. Deshalb halte ich es für nicht legitim, die Kritik an nicht genutzten theoretischen Möglichkeiten aufzuziehen.

Aber es muß doch möglich sein, die Nutzung des selbständigen Mediums Ausstellung kritisch und phantasievoll zu diskutieren, ohne immer wieder nur das Geld-Argument ins Feld zu führen. Wenn denn nun schon Ausstellungen und nicht nur noch Kataloge der Öffentlichkeit präsentiert werden, dann muß auch um Präsentationsformen gerungen werden dürfen, die dem populären, scheinbar so leicht zugänglichen, aber deshalb meines Erachtens besonders anspruchsvollen Alltagsmedium Fotografie angemessen sind. Und interessante Lösungen müssen nicht unbedingt teuer sein, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Aber die Zeiten von „Silber und Salz", wo wir uns noch eine eigene Ausstellungsarchitektur leisten konnten, sind, obwohl erst acht Jahre zurückliegend, vorerst vorbei. Heute sieht das so aus: Ein Katalog ist möglich, weil er durch Verkauf refinanzierbar ist; Werbung ist beschränkt möglich; Didaktik eigentlich nicht im Etat vorgesehen. Die Texttafeln in dieser Ausstellung erschöpfen voll das Budget. Mehr ist nicht möglich. Ansonsten haben Sie hier im Haus einen feststehenden Ausstellungsraum, vorhandene Ausstellungselemente wie Rahmen, Vitrinen, Trennwände. Das sind die Rahmenbedingungen für eine solche Ausstellung.

Uneingeschränktes Lob - lassen Sie mich das auch einmal sagen - verdient der Katalog, der mit seinen fast 500 Seiten, den sorgfältig redigierten 20 Aufsätzen ausgewiesener Autoren und den in dezentem Duotone-Druck auf mattem, leicht chamois getöntem Papier exzellent wiedergegebenen unzähligen Abbildungen die besten Chancen hat, neben dem Katalog „Silber und Salz", der auch aus Ihrem Hause stammt, zu den Glanzleistungen der deutschsprachigen fotohistorischen Literatur gezählt zu werden. Aber noch mal zur Ausstellung. Besteht nicht die Gefahr, daß von solchen puristischen Fotoausstellungen bei einem von aufwendig inszenierten Kulturevents verwöhnten Publikum keine optimale Besucherresonanz mehr zu erreichen ist?

Nein. Die Reaktion unserer Ausstellungsbesucher ist absolute Begeisterung. Die sinnliche Anmutung der Originale, besonders bei den Kalotypien, den Landschaftsbildern von Weed, den wunderbar kolorierten Japanbildern, spricht das Publikum sehr an. Die Besucherzahlen entsprechen voll unseren Erwartungen bei einer Ausstellung von historischen Fotografien. Der Katalogverkauf verläuft glänzend. Das Presseecho ist überwältigend. Also sind wir absolut zufrieden.

Eine für unsere Leserschaft obligatorische Frage: In welchem Erhaltungszustand befindet sich die Sammlung? Welche konservatorischen Maßnahmen sind durchgeführt worden oder geplant?

Der Erhaltungszustand der Sammlung Lebeck ist zwar sehr unterschiedlich, aber im wesentlichen besser als bei historisch gewachsenen Sammlungen, da die Objekte erst in jüngerer Zeit über den Markt gegangen sind und Robert Lebeck auch sehr auf Qualität geachtet hat. Es gibt, von wenigen Fällen abgesehen, keine groben Schäden, die restauratorische Eingriffe erfordern würden. Bei unseren begrenzten Möglichkeiten geht es vor allem um die Sicherung der Bilder in kleinen Schritten. Wir haben alles eingetütet, was lose war; wir haben die Ausstellung zur Passepartourierung genutzt. Bei 10.000 Objekten können Sie sich allerdings vorstellen, daß noch viele Bilder in Pergamintüten bzw. nicht säurefreien Passepartouts lagern. Aber wenigstens verfügen wir über klimatisierte Lagerräume.

Herr von Dewitz, die Ausstellung fin-det in Räumen des Wallraf-Richartz-Museums statt, die weit vom Agfa Foto-Historama abgelegen sind. Das Umfeld besteht aus barocker Malerei (Abb. 4), die Wände sind nesselbespannt und eigentlich für Grafikpräsentation vorgesehen. Für einen Besuch des Foto-Historamas und der Sonderausstellung ist insgesamt ein Eintrittsgeld von 13 Mark zu zahlen ...

Abb. 1: Hängung, Stellwände, Tischvitrinen und Texttafel in der Ausstellungsabteilung "Die Selbstdarstellung in der bürgerlichen Gesellschaft". --> Text

Abb. 2: In der Abteilung "Der höfische Umgang mit Photographien": moderner Großprint einer Carte de visite; Reproduktionen von Blättern aus den "Sissi-Alben". --> Text

Abb. 3: Zäsur zwischen den Abteilungen "Die Dokumentation der Wirklichkeit" und "Der Photograph im Krieg". --> Text

Abb. 4: Eingang zur Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig. (Fotos: W.J.) --> Text


Wir arbeiten hier zusammen mit zwei großen, bedeutenden Museen. In solch einer Situation müssen alle Beteiligten Kompromisse machen, denn natürlich gibt es Schwierigkeiten, die immer wieder überwunden werden müssen. Der Eintrittspreis ergibt sich ganz zwangsläufig aus der räumlichen Lage der Ausstellungsräume mitten im Museum.

Steht diese stiefmütterliche Behandlung der Ausstellung für die neue Situation des Agfa Foto-Historamas nach der vollständigen Übernahme durch die Stadt Köln? Wie kann sich Ihre Institution, die ja immerhin zur Spitze der deutschen Fotosammlungen zählt und für die Sie noch 1990 als Keimzelle eines Zentralinstituts zur Kulturgeschichte der Fotografie plädiert hatten, strukturell, konzeptionell, personell und nicht zuletzt finanziell in dieser untergeordneten Position und zudem noch in Konkurrenz zu privat gesponserten fotografischen Sammlungen am Ort behaupten?

Nein, im Gegenteil. Mit dieser Ausstellung haben wir erstmals Gelegenheit bekommen, in den Wechselausstellungsräumen des WRM/ML eine Schau zu realisieren. Alle anderen Sonderausstellungen fanden ja in anderen Museen der Stadt Köln statt. Ich denke nicht, daß dies einer stiefmütterlichen Behandlung, sondern gerade einer besonderen Aufwertung der Kulturgeschichte des Mediums Fotografie entspricht. In Zeiten besonderer Sparzwänge, die ja akzeptiert werden müssen, sehen wir es als besonderen Dennoch-Erfolg an, daß wir Ausstellung und Publikation in dieser Qualität realisieren konnten. Übrigens wird uns die Zukunft einen Ausstellungsetat bescheren, den wir bisher nicht hatten. - Zu den anderen sich mit Fotografie beschäftigenden Institutionen in Köln haben wir absolut kein Konkurrenzverhältnis. Das Medium Fotografie ist so vielfältig, daß es vieler Hände und Köpfe bedarf. Meine Konzeption eines Zentralinstituts als Einheit von Archiv und Forschung halte ich nach wie vor für absolut aktuell, auch wenn es zur Zeit nicht nach einer Realisierung aussieht, sondern die Zeichen der Zeit eher so stehen, daß so aufwendige Projekte wie die Lebeck-Ausstellung mit einer Vorbereitungszeit von etwa zwei Jahren heute kaum mehr bzw. nur noch durch Selbstausbeutung neben dem laufenden Geschäft her zu machen sind.

Und zuletzt: Wie sehen Ihre Ausstellungspläne für das Jahr 1997 aus?

In Planung sind kleinere Ausstellungen aus eigenen Beständen: das Album von Maxime Du Camps Reise mit Flaubert, 120 Bilder von Robert Adamson sowie vielleicht eine Ausstellung zur Agfa-Box. Was unsere ständige Ausstellung betrifft, die sich ja in Räumen befindet, die ursprünglich gar nicht für Fotausstellungen vorgesehen waren, so hoffen wir auf eine Umgestaltung in etwa drei Jahren, wenn das Haus vollständig dem Museum Ludwig zur Verfügung stehen wird.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 13 (1997), S. 19-21 (Vol. 4, No. 1).





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 11.12.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek