Im Gespräch:

Urs Stahel, Direktor des Fotomuseums Winterthur*,
zur Ausstellung „Die Fotografendynastie Linck"

Herr Stahel, worin bestand für Sie der besondere Reiz, eine Ausstellung zu kuratieren über eine Fotografendynastie von sechs Berufsfotografen aus zwei miteinander verwandten Familien, die insgesamt 85 Jahre in Winterthur und Zürich tätig waren?

Das Interesse erwachte bei der Vorbereitung der großen Industriebildausstellung vor zwei Jahren, bei der wir 24 (von inzwischen 140 bekannten) Aufnahmen der Haldengut-Brauerei Winterthur gezeigt haben, die Hermann Linck im Zeitraum von 1897 bis 1914 angefertigt hatte. Diese Fotografien waren von stupender Qualität, indem sie ohne einen künstlerischen Anspruch des Fotografen selbst den Stil der Neuen Sachlichkeit um 20 Jahre vorwegnahmen. So begannen wir uns für die Linck-Fotografen intensiver zu interessieren und entdeckten, daß es sich um eine so außergewöhnlich große Dynastie von sechs Fotografen handelt. Dabei war mein Interesse weniger streng fotohistorisch, sondern es ergab sich aus der Recherche eine spezifische Fragestellung, die nun im Untertitel der Ausstellung formuliert ist: ein bürgerliches Sittenbild - Auftragsfotografien als Spiegel der Winterthurer und Zürcher Gesellschaft 1864 bis 1949.

Was stand Ihnen als Ausgangsmaterial zur Verfügung an Bildern - Positiven und Negativen - und schriftlichen Quellen? Soweit ich das sehen konnte, werden nur Vintage Prints gezeigt.

Das täuscht. Wir haben kein einziges Foto abgezogen, aber das Baugeschichtliche Archiv der Stadt Zürich hat von seinen Plattenbeständen in den 50er und 60er Jahren Abzüge gefertigt, die wir ausstellen, so daß man etwa von 80 Prozent echten Vintage Prints in der Ausstellung ausgehen kann. Bei der Auflösung des Archivs nach dem Freitod von Hans Linck 1949 wurden die meisten Winterthurer Negative weggeworfen, ein kleiner Teil gelangte in die Stadtbibliothek. Das heißt es gibt fast nur Positive, und die sind sehr verstreut. Für das gesamte Material mußten wir mit zwei Personen über eineinhalb Jahre recherchieren. So sind zum Beispiel im Baugeschichtlichen Archiv Zürich die dort lagernden etwa 100.000 Bilder nicht nach Fotografen erschlossen, so daß wir zum Auffinden der Linck-Aufnahmen das gesamte Fotoarchiv sichten mußten. Das gleiche im Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich und in der Stadtbibliothek Winterthur. Außerdem bekamen wir über einen Presseaufruf noch etwa 2.000 Porträts gemeldet. Als Ergebnis hatten wir 5.000 bis 6.000 Fotokopien von Linck-Fotografien - leider die einzige Form, die bei vertretbarem Aufwand eine Übersicht ermöglicht. Wir haben dann etwa 700 Aufnahmen ausgewählt, aus denen wir anhand der Originale die 400 Aufnahmen herausgefiltert haben, die schließlich in der Ausstellung zu sehen sind.

Und schriftliche Quellen, die Aufschluß geben könnten über die Intentionen der Auftraggeber und die kommerziellen Bedingungen der Auftragsfotografie?

Im Verhältnis zum umfangreichen Bildmaterial sind die schriftlichen Quellen sehr spärlich, da kaufmännische Nachlässe in der Regel noch vor den Bildern „entsorgt" werden. Es gibt einige einfache Auftragshefte und Preisverleihungsurkunden, die wir auch ausgestellt haben. Ein Sammler, der einen Teil des Zürcher Nachlasses erworben hatte, ist wohl auch noch im Besitz von schriftlichem Material. Allerdings kam hier eine Zusammenarbeit wegen der unzumutbaren Vorbedingungen, die uns gestellt wurden, nicht zustande.

Als ich die Ausstellung betreten habe, war ich erstmal frappiert und gleichzeitig fasziniert von der für Fotoausstellungen ungewöhnlichen Hängung (s. Titelbild). Welche Überlegungen stehen hinter dieser Präsentationsentscheidung?

Ich wußte schon sehr früh bei der Konzeption der Ausstellung, daß ich die verschiedenen Ebenen der unterschiedlichen Aufträge zu einem panoptischen Bild der Städte Zürich und Winterthur zusammenfügen wollte: also die Industrie, das Porträt, die Häuser, die Straßen, die Interieurs (Abb. 1). Ich wollte vermeiden, Auftragsfotografien durch singuläre Hängung nachträglich zu Kunstfotografien zu stilisieren. Vielmehr sollte die zeitliche Parallelität der auftragsfotografischen Aufnahmepraxis visualisiert und damit dem heutigen Betrachter die Gelegenheit gegeben werden, in diesen Bildkosmos als ganzen einzutauchen, verschiedene Lesarten auszuprobieren, in ganz anderer Weise zu vergleichen, als dies bei einer seriellen Hängung möglich wäre. Wir haben uns durch diese Art der Präsentation zwar einige Beschwerden von Besuchern eingehandelt, daß man sich zum Betrachten mancher Bilder bücken muß, aber ich halte diese vom Betrachter auch physisch zu erbringende Aneignungsleistung für sinnvoll, um die vor Besuch der Ausstellung schon an tausenden von Fotografien eingeübte Rezeption dieses Massenmediums zu durchbrechen und eine neue Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Gegensatz zur kausalen Stringenz des zur Ausstellung erschienenen, aber von ihr unabhängigen Buches [1] wollten wir in der Ausstellung, ganz im Sinne von John Berger, durch das Feld der Bilder das einzelne Bild öffnen. Wir haben natürlich auch andere Hängungsarten praktiziert: An der Wand gegenüber dem Stadtmosaik haben wir zum Beispiel die Sozialisation des Kindes in Atelierfotografien sehr streng linear gehängt, um dieses Einfügen in die Erwachsenenordnung sichtbar zu machen (Abb. 2).

Titelbild: Vitrine und Wandhängung. --> Text


Durch die Präsentation der Bilder in relativ starken Naturholzrahmen, sehr harmonische Passepartourierung und symmetrische Inszenierungen entsteht jenseits der Stadtmosaiken gerade bei der industriellen Objektfotografie eine ästhetische Überhöhung der Aufnahmen (Abb. 3), die kaum durch Beispiele der konkreten Verwendung, etwa in der Werbung, sozusagen auf den auftragsfotografischen Boden zurückgeholt wird.

Der relative Mangel an ausgestellten Verwendungsbeispielen beruht zunächst auf einem Mangel an Material. Der ist aber durchaus symptomatisch für die Lincks. Sie haben gehobene Auftragsfotografie praktiziert: Stadtdokumentation für die Denkmalpflege, Architekturdokumentation für die Architekten, Industriedokumentation für die Präsentationsalben der Investitionsgüterindustrie - alles Bereiche jenseits eines Massenmarktes. Es gibt praktisch keine Präsenz der Linckschen Bilder in der aufkommenden Massenpresse. Hinter unserer Art der Rahmung und Passepartourierung steht demzufolge auch die These: Das ist durch und durch bürgerliche Fotografie, die mit größtmöglicher Präzision ohne Spektakel das Vorhandene im Sinne von Besitz vorzeigt. Auf eine einheitliche Passepartourierung verzichten und die originale Präsentation auf Karton zeigen wollten wir nicht, da die extremen Divergenzen von Material, Farben und Proportionen das Funktionieren unserer Stadtpanoptiken verunmöglicht und unsere Konzeption der offenen Lesarten ausgehebelt hätten. Wir haben, soweit technisch möglich, sehr zurückhaltend passepartouriert.

Zur Beschriftung: Sie haben zum einen die üblichen Objektbeschriftungen verwendet, zum anderen gibt es einen ausleihbaren Informationstext, der zu den einzelnen Gruppen interpretatorische Anregungen gibt. Das hätte man ja auch andersherum angehen können: die Objekterläuterungen auf ein Beiblatt und die Einführung an die Wände, die ja auch extra für die Ausstellung gestrichen worden sind.

Ja, und das erste Mal in Farbe.

Was hat es damit auf sich?

Wir wollten dadurch, daß wir jeweils eine Wand pro Raum leicht farbig getönt haben, einen ganz dezenten Anklang an die Farbigkeit bürgerlichen Wohnens schaffen. Außerdem ergibt sich durch diese Tönung ein interessantes Spiel mit den „Farben" der Schwarzweißfotografie. Den Gedanken, ganz auf Objektbeschriftungen zu verzichten, mußten wir schon aus dem Grund verwerfen, um die sechs Linck-Fotografen nicht demonstrativ zu nivellieren. Wir verwenden für die Objektbeschriftungen grundsätzlich keine Kärtchen, die quasi die Anzahl der Bilder verdoppeln würden, sondern wir gehen mit Letraset direkt auf die Wand, meist in einem mittleren Grau, und das möglichst im Schatten des Bildrahmens (Abb. 4), so daß die Objektbeschreibung erst bei ganz naher Betrachtung als Informationsangebot verfügbar wird. Bei Ausstellungen von künstlerischer Fotografie verzichten wir zum Teil auch völlig auf Objektbeschriftungen. Sie sehen, daß wir die Präsentationsfragen in unserem Hause sehr bewußt handhaben. Denn die Ausstellung ist ein eigenes Medium mit einer eigenen Qualität. Bei einer lieblosen Standardpräsentation von Fotografien kann man eigentlich auf die Ausstellung verzichten, und der Besucher ist mit dem Katalog besser bedient.

Abb. 1: Ausschnitt Stadtpanopitikum Winterthur. --> Text

Abb. 2: Kinderporträts. --> Text

Abb. 3: Industrieaufnahmen. --> Text

Abb. 4: Objektbeschriftung. (Fotos: W.J.) --> Text


Bravo! - Anhand Ihres Pressespiegels läßt sich eine überörtliche Ausstrahlung der Ausstellung auf die ganze deutschsprachige und französische Schweiz feststellen. Außerdem verspricht eine lokale Verankerung bei Fotoausstellungen erfahrungsgemäß große Publikumsresonanz. Wie schlägt sich das in den Besucherzahlen nieder?

Nach einer eher schleppenden Anlaufzeit von etwa drei Wochen liegt die Linck-Ausstellung nun bei einer täglichen Besucherfrequenz von 50 bis 70 an Wochentagen und etwa 250 am Wochenende, was sich zu einer Gesamtbesucherzahl von 4.000 bis 5.000 addieren dürfte. Zum Vergleich: Zeitgenössische Ausstellungen von künstlerischer Fotografie ziehen im Schnitt etwa 3.000 Interessenten an, und dann gibt es die „Knaller" wie Newton, aber auch unsere Industrie-Ausstellung mit 9.000 Besuchern. Wir wollten bewußt populistische Klassifizierungen der Linck-Ausstellung vermeiden wie: „Hier ist eine Ausstellung mit alten Fotografien" oder „Winterthur und Zürich, wie es früher war". Das hätte unsere Fragestellungen verfehlt.

Und wie sehen Ihre weiteren Ausstellungspläne aus?

Wir können uns natürlich nicht ständig so aufwendig zu recherchierende Ausstellungen wie die über die Lincks leisten. In der nächsten Zeit sind projektbezogene oder monografische Ausstellungen zeitgenössischer Fotografen an der Reihe. Zudem leben wir zum Teil von Übernahmen und Gemeinschaftsprojekten mit anderen Häusern. Hier stehen zum Beispiel an: „Fotografie nach der Fotografie", Retrospektiven von Nan Goldin, Renger-Patzsch, Dorothea Lange. Wir konfrontieren dabei oft Ausstellungen in der großen Halle mit kleinen Kabinettausstellungen als Kontrast oder Ergänzung. Aber wir haben auch wieder ein paar große Projekte in Planung, 1997 eine Gruppenausstellung „Etat d'être", eine Doppelausstellung zum 150jährigen Bestehen des Schweizer Bundesstaates und als Langzeitprojekt einen morphologisch-soziologischen Blick auf die Modefotografie.

Anmerkungen

* Siehe auch Filzmaier, Birgit: Das Fotomuseum Winterthur. Rundbrief Fotografie N.F. 5, 26-28 (1995). --> Text

[1] Noseda, Irma: Die Fotografendynastie Linck in Winterthur und Zürich. Zürich 1996. ISBN 3-907495-71-3. --> Text

 

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 12 (1996), S. 13-15 (Vol. 3, No. 4)





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 11.12.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek