Im Gespräch:

Werner Unseld, Projektleiter der Ausstellung
„Der ferne Nächste" im Landeskirchlichen Museum Ludwigsburg

 

Herr Unseld, Sie haben Ihrer Ausstellung den Untertitel „Bilder der Mission - Mission der Bilder 1860-1920" gegeben und damit Ihren Ansatz verdeutlicht: die vertraute Perspektive von drinnen nach draußen umzukehren, den Blick statt auf das Fremde auf die Bilder des Fremden in unseren Köpfen zu richten. Gleichzeitig signalisieren Sie mit den beiden Textfahnen im Treppenbereich, daß Sie Ihre Ausstellung im Spannungsfeld von Kolonialgeschichte und Mediengeschichte ansiedeln. Welche Auswirkungen hatten diese Ansätze auf die Konzeption und Realisierung der Ausstellung?

Ausgangspunkt der Ausstellung war unser Wissen um die 50.000 Bilder im Bildarchiv der Basler Mission. Hinzu kam der museumspädagogische Modellversuch des Museumsverbands Baden-Württemberg zum Thema „Begegnung mit dem Fremden", der uns dazu anregte, die Basler Bilder in einen kulturgeschichtlichen Kontext zu integrieren und - gegen den Mainstream der Missionsforschung - nicht nach den Folgen der Mission in den Missionsländern zu fragen, sondern die Rückwirkung der Mission auf das Bild vom Fremden in den Köpfen der hiesigen Bevölkerung zu untersuchen. Dabei ist festzustellen, daß der Stellenwert der Missionsbewegung als sozialer Bewegung im 19. und 20. Jahrhundert weitgehend unterschätzt wird - und hier liegt eine besondere Aufgabe gerade für unser Haus. Die Fotografien der Basler Mission dienten als Rohmaterial medialer Weiterverarbeitung für vielerlei Werbemedien der Missionsgesellschaften in der Heimat etwa in Form von Lichtbildervorträgen (Abb. 2), Abbildungen in Missionszeitschriften und -traktaten (Abb. 3) und haben hierüber - so unsere Grundthese - gerade durch die weite Verbreitung so nachhaltig ein Bild vom Fremden konstituiert, daß es im Sinne eines überlieferten, kollektiven Bewußtseins bis heute noch auf unsere Einstellungen wirkt.

Abb. 1: Plakatmotiv. --> Text

Das kann ich aus meiner eigenen Biografie nur bestätigen: In streng katholischem Milieu aufgewachsen, stammten meine ersten Bilder von den „Wilden" in den 50er Jahren aus dem „Steyrer Missionskalender" meiner Großeltern, Bilder, die dann erst später durch Kino und Fernsehen ergänzt wurden.

Die Grundkonzeption unserer Ausstellung besteht darin, die beiden Stränge, das fotografische Ausgangsmaterial und die Umsetzung in den verschiedenen Vermittlungsinstanzen, parallel darzustellen, um so dem Besucher selbst zu ermöglichen, das Konstruierte am „Wirklichen" nachzuvollziehen. Dabei hatten wir natürlich mit dem Problem zu rechnen, daß der heutige medienerprobte Betrachter sich nur schwierig in die Sehgewohnheiten der Jahrhundertwende zurückversetzen kann. Wir haben in mehreren Installationen versucht, die Bilderwelt dieser Zeit und den hohen Stellenwert der Missionsfotografie samt ihrer Folgeprodukte damals erfahrbar zu machen: durch die Simulation einer Stereoaufnahme mittels moderner 3D-Technik in einem Guckkasten, durch einen weiteren Guckkasten, in dem der Besucher über Spiegel in eine Wohnstube um 1900 versetzt wird, und ein Sofa, über dem ein Missionsdruck die bescheidene Präsenz des Exotischen im Alltag symbolisiert.

Sie präsentieren in Ihrer Ausstellung 80 Neuabzüge von Glasplattennegativen des Basler Archivs gruppenweise gehängt jeweils auf der den übrigen Objekten der Ausstellung abgewandten Seite der Stellwände (Abb. 4). Damit verhindern Sie sehr geschickt, daß die Fotografien unter den bunten und dreidimensionalen Objekten untergehen. Gleichzeitig unterstützen Sie aber möglicherweise mit dieser puristischen Präsentation die weitverbreitete Illusion, daß Fotografien 1:1 die Wirklichkeit repräsentieren. Sie enthalten sich bei der Präsentation jeglicher Interpretationshilfen und geben nur die Daten aus der Archivkartei als Bildbeschriftung an. Auch die Verknüpfung des fotografischen Rohmaterials mit der Umsetzung in die massenwirksamen Missionsmedien bleibt durch diese Zweiteilung der Ausstellung sehr pauschal.

Ich habe auf der Bildplatte des Basler Archivs bestimmt 30.000 Bilder gesichtet und diese 80 unter dem Aspekt von sechs anthropologisch fundamentalen Kategorien ausgewählt und für die Ausstellung gruppiert: Religion, Natur, Arbeit, Person, Gesellschaft, Eigenart - Gesichtspunkte, die auch geeignet sind, vice versa, die Spezifika des Eigenen zum Ausdruck zu bringen. Mit der von den übrigen Objekten getrennten Präsentation der Fotografien wollten wir diese als Exponate eigener Gattung aufwerten und eben nicht, wie in kulturgeschichtlichen Ausstellungen meist üblich, als Illustration zu anderen Exponaten verwenden. Es geht hier zunächst noch gar nicht um ein angemessenes historisches Verstehen, sondern um ein Sehen: Wir wollten die Bilder zeigen, auch ihre Vieldeutigkeit zeigen. Der Besucher ist hier auf sich gestellt, sieht sich scheinbar kontextlosen ästhetischen Objekten gegenüber, die Deutungen herausfordern. Seine Kompetenz ist gefragt. Erst auf der anderen Seite der Ausstellung führt der Historiker sichtbar Regie, rekonstruiert, zeigt, wie, mit welchen technischen und begrifflichen Mitteln, in der Missionsbewegung das Vieldeutige zu Eindeutigem und Handhabbarem, zu verallgemeinerten Etiketten des Fremden wurde, gemacht wurde. Fotografie als Rohstoff einer Mediengeschichte, die die Wirklichkeit des Fremden hier inszenierte, typisierte und ins Bewußtsein rückte, hat uns also weit mehr interessiert als die konkrete, fotografierte Realität da und dort, deren kulturelle und soziale Wirklichkeit, die historisch-ethnologisch hätte aufgeschlossen werden müssen. Vielleicht ist uns diese Geschichte in der Präsentation zu pauschal geraten, vielleicht wären Fallbeispiele besser gewesen. Aber das hätte einen gewaltigen Rechercheaufwand erfordert, der bei einer Vorlaufzeit von etwa einem halben Jahr und einem Personaleinsatz von zirka zwei halben Wissenschaftlerstellen einfach nicht zu leisten war. Insofern arbeiten wir Ausstellungsmacher, anders als reine Wissenschaftler, immer unter dem Zwang zu einem pragmatischen Ende, nämlich der Ausstellung.

Es wäre an so einem Beispiel aber sehr viel über das Funktionieren von Bildmedien zu zeigen gewesen: die Auswahl einer Aufnahme unter verschiedenen Fotos von gleichen Motiven für die Veröffentlichung, die Stilisierung durch Umsetzung in grafischen Techniken (Holz- und Stahlstich) oder Kolorierung, die zweckgerichtete Interpretation durch eine spezifische Verbindung von Bild und Text usw. Durch die Abtrennung der Fotografien von den anderen Medien, aber auch durch die Entscheidung, nur Neuabzüge zu verwenden, wird die Fotografie ein Stück ihres Mediencharakters entkleidet, den auf der anderen Seite das Plakatmotiv sehr geschickt visualisiert (Abb. 1).

Daß wir im Fotografieteil nur Neuabzüge verwendet haben, hat zunächst pragmatische Gründe. Die Ausleihe von Vintage Prints des Basler Archivs wäre aufwendiger und mit konservatorischen Auflagen verbunden gewesen. An anderen Stellen der Ausstellung haben wir allerdings auch einige Originalfotografien aus den persönlichen Nachlässen von Missionaren ausgestellt (Abb. 5). Neuabzüge kommen in den kulturgeschichtlich operierenden Teilen der Ausstellung nicht vor. Hier sind nur Originale ausgestellt, wenn Original heißt: im Bezugszeitraum der Ausstellung gebraucht, etwa als Zeitschriften- oder Traktatillustration, koloriertes Glasdia, Postkarte etc. Diese populären Medien beherrschten den Markt um die „inneren Bilder", sie stehen im Zentrum unserer Thematisierung. In dieser Form, und in keiner anderen, hat die Missionsfotografie die Massen erreicht. Was die Massen nicht erreicht hat, in der Missionsfotografie aber erhalten gewesen sein mag, kann man ideologiekritisch beklagen, ist aber für unsere Geschichte, die auf die Genese der „inneren Bilder" des Jedermann zielt, unerheblich. Neben den Bildmedien, ich glaube, das sollte nicht vergessen werden, spielen in unserem Projekt durchgängig auch nicht-bildliche Bedeutungsträger des Fremden, wie ethnografische Mitbringsel und Teile völkerkundlicher Sammlungen aus Missionsmuseen, eine wichtige Rolle. Auch aus dieser Quelle wächst den Fotografien Sinn zu, der sich am Bild selbst oder von Bild zu Bild nicht festmachen läßt.

Abb. 2: Medienstation "Missionsfotografie und Reiseprediger"; im Vordergrund Vitrinen mit fotografischen Apparaten und Materialien. --> Text

Abb. 3: Clichébuch der Basler Mission (Medienstation "Missiosblätter und Traktate"). --> Text

Abb. 4: Präsentation der Fotoausstellung. --> Text

Abb. 5: Präsentation eines Missionarsnachlasses mit persönlichen Fotografien. (Fotos: W.J.) --> Text


In verschiedenen Katalogbeiträgen sind z.T. sehr interessante Thesen zur Funktion der Missionsfotografie formuliert. Zum Beispiel, daß die Missionsfotografie sozusagen einen humaneren Blickwinkel entwickelt als die mehr auf Exotismus angelegte ethnografische Fotografie. Oder zur Rolle der Fotografie bei der Durchsetzung des abendländischen Rationalismus gegenüber dem „heidnischen" Animismus. Davon ist anhand der präsentierten Bilder wenig nachzuvollziehen; in den Katalogbeiträgen wird leider auch nicht auf die abgebildeten Fotos Bezug genommen.

Was die Thesen anbetrifft, so sind das sicher keine Thesen, die sich im Rahmen eines Low-budget-Ausstellungsprojektes wissenschaftlich untermauern ließen. Es sind auch nicht die unser Ausstellungskonzept tragenden, sondern lediglich Thesen en passant. Daß die Missionsfotografie einen anderen, vielleicht sensibleren, vielleicht alltagsnäheren Blickwinkel einnimmt, hätte nur gezeigt werden können, wenn auch ethnografische Fotografien in der Ausstellung Platz gefunden hätten. Das wäre dann aber nicht mehr unsere Ausstellung gewesen. Hierzu müßte die Missionsfotografie entlang den Interessen der Missionsgesellschaft einerseits und den Intentionen der fotografierenden Missionare andererseits, die lebensweltliche Interessen mit den Fotografierten teilen und zugleich von der Missionsgesellschaft abhängig bleiben, differenziert werden. Was unter der Regie der Missionsgesellschaft veröffentlicht wurde, sollte zu Spenden für „die armen Heiden" animieren - die wichtigste Finanzquelle einer von der Landeskirche unabhängigen Missionsgesellschaft. Bilder, die für diesen Zweck ungeeignet erschienen, etwa solche, die starke, stolze, unbekleidete Menschen zeigen, blieben dann ungenutzt im Archiv. Die Arbeit mit den Bildern selbst ist, weil zeitintensiv, in der äußerst knappen Vorbereitungszeit sicher zu kurz gekommen und ihre Einbindung in die Katalogbeiträge könnte besser sein. Andererseits würde ich aber auch sagen: Man kann sich mit Bildhermeneutiken, Inhaltsanalysen, Ikonografien, technischen Details und Herkunftsrecherchen auch den Blick für eine Pragmatik der Rezeption verbauen.

Noch eine spezielle Frage zur Präsentation der Fotografien im Ausstellungskatalog, die ein Phänomen betrifft, das in letzter Zeit häufig anzutreffen ist: Warum ist für den Duplexdruck der Bilder im Abbildungsteil des Katalogs nicht Grau als zweite Farbe zur Steigerung des Tonwertumfangs verwendet worden, sondern ein nostalgisierender Sepiaton, der durchgängig eine historische Farbgebung der Originalabzüge simulieren soll, die aber in diesem Fall gar nicht ausgestellt oder vielleicht nicht einmal vorhanden sind?

Dazu muß ich gestehen, daß ich mich in dieser Frage einfach auf den Grafiker verlassen habe, gegenüber dem ich den Wunsch nach einem hochwertigen Reproduktionsverfahren geäußert hatte. Dabei war keinesfalls eine pseudohistorische Patina beabsichtigt. Ich wußte bloß bis heute nicht, daß es auch ein neutraleres Duplexverfahren mit Grau gibt.

Welche Rolle spielen Fotografien in den Sammlungen des Landeskirchlichen Museums und in Ihrer Jahresausstellung 1997 zum Thema „Frauen-Geschichte im evangelischen Württemberg"?

Das Landeskirchliche Museum ist eine noch nicht allzu alte Institution (Eröffnung: 1994) und besitzt von daher keine besonders große eigene Sammlung, sondern stützt sich bei seinen Ausstellungen hauptsächlich auf Leihgaben. Wir sammeln hauptsächlich komplementär zu den in den Kirchengemeinden des Landes vorhandenen Kulturgütern und setzen einen Schwerpunkt auf den Bereich private Frömmigkeit, wo Fotografie natürlich auch eine gewisse Rolle spielt. In unserer Jahresausstellung 1997, für die uns schon wieder die Zeit davonläuft, wird die Fotografie sicher keinen so großen Raum einnehmen wie in der jetzt laufenden Ausstellung, da wir „Frauen im Evangelischen Württemberg" ab der Reformation thematisieren. Im Bereich der Frauenvereinsgeschichte oder bei der Dokumentation von exemplarischen Lebensläufen kann ich mir aber durchaus vorstellen, daß wir wieder mit Fotografien arbeiten.

Katalog: für DM 35,- bei Landeskirchliches Museum Ludwigsburg, Stuttgarter Straße 42, D-71638 Ludwigsburg, Tel. 07141/9307-0, Fax 07141/9307-5.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 11 (1996), S. 28-30 (Vol. 3, No. 3)





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 11.12.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek