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Herr Metz, Sie haben zusammen mit anderen Fotografenkollegen des Schwäbischen Tagblatts" die Ausstellung Das andere Bild. Vom Umgang mit Pressefotos" im Tübinger Stadtmuseum initiiert und mit eigenen Fotos - veröffentlichten und unveröffentlichten - bestückt. Sie haben damit eine - wie Hermann Bausinger in seiner Besprechnung meint - höchst lehrreiche Dekonstruktion der vermeintlich objektiven Dokumentarfotografie" geleistet. Gleichzeitig haben Sie aber auch Ihr eigenes berufliches Selbstverständnis als Pressefotograf in Frage gestellt. Was war die Motivation für diese selbstkritische Ausstellung, oder gab es gar einen konkreten Auslöser?
Die Fotografen des Schwäbischen Tagblatt" haben bereits eine Fotoausstellung mit ihren schönsten Bildern" in der Nachbarstadt Rottenburg ausgerichtet; außerdem sind unsere Bilder ständig in den Räumen des Verlages präsent. Wir haben also eine gewisse Tradition im Umgang mit unseren Fotografien jenseits des bildjournalistischen Tagesgeschäfts. In diesen Zusammenhängen wurde unter den Kollegen auch die Frage diskutiert, ob wirklich immer unsere besten Fotos veröffentlicht werden. Daraus entstand der erste Teil der Ausstellung. Zum zweiten Teil war der Auslöser, daß seit kurzer Zeit von den zur Veröffentlichung vorgesehenen Aufnahmen keine Positive mehr angefertigt, sondern die Negative direkt eingescannt und dann in einem Bildbearbeitungsprogramm für den Druck vorbereitet werden. Das spart lediglich einen Arbeitsschritt ein und wird nicht zur unsichtbaren Retusche mißbraucht. Aber wir meinen, daß unsere Leser das Recht auf einen Blick hinter die Kulissen der neuen Bildverarbeitungstechniken samt ihren Manipulationsmöglichkeiten haben, und das haben wir im zweiten Teil der Ausstellung auch in seiner historischen Kontinuität darzustellen versucht.
Sie haben die Ausstellung in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil haben Sie mittels der direkten Konfrontation von veröffentlichten und unveröffentlichten Fotos vom gleichen Anlaß den Ausschnittcharakter der Fotografie und den von technischen und Marktgesetzen diktierten Auswahlmechanismus im Pressegeschäft thematisiert (Abb. 1). Das fand ich sehr sinnfällig, vergnüglich und an einigen Stellen auch schockierend. Im zweiten Teil haben Sie sich an einer Geschichte der Pressefotografie versucht. Anhand bekannter Beispiele und mit viel Lesetexten wurden die klassischen Bildkorrektur- und -manipulationstechniken wie Retusche, Montage, Inzenierung und Textfälschung aufgelistet, um schließlich die Möglichkeiten und Gefahren elektronischer Bildbearbeitung zu demonstrieren (Abb. 2). Dieser Teil erschien mir didaktisch zwar wohlgemeint, entfaltete aber weniger sinnliche Qualitäten, obwohl ich zugeben muß, daß, entgegen aller Museumserfahrung, erstaunlich viele Besucher die Texte von vorn bis hinten intensiv gelesen haben (Abb. 3). Halten Sie auch nach Ende der sechswöchigen Präsentation das Medium Ausstellung für geeignet, die Sehgewohnheiten des Publikums ernsthaft in Frage zu stellen?
Die Publikumsresonanz scheint unserem Ansatz, die Thematik in einer Ausstellung auszubreiten, Recht zu geben. Es wurden, glaube ich, über 4.000 Besucher gezählt. Natürlich hat die Verankerung im Lokalen wesentlich zur Popularisierung beigetragen. Sicher war der erste Teil leichter zugänglich als der zweite mit seinen Texttafeln. Wobei zu berücksichtigen ist, daß die Präsentation ohne die professionelle Hilfe von Museumsleuten erarbeitet und gestaltet werden mußte. Aber auch der zweite Teil erfreute sich, wie Sie selbst beobachten konnten, großer Aufmerksamkeit. Das zeigt sich u.a. an verstärkten Leserreaktionen zu unseren Bildern im Blatt, wobei z.T. aus einer falschen Interpretation des Kamerastandpunktes Fragen nach einer Bildmanipulation abgeleitet wurden. Insgesamt 150 Interessenten haben auch das Angebot von Demonstrationen der elektronischen Bildmontage im Museum wahrgenommen. Dies haben wir an einem lokalpolitisch brisanten Thema, der Diskussion um die eventuell notwendig werdende Fällung der Bäume in der Platanenallee auf der Tübinger Neckarinsel, durchexerziert (Abb. 4). Insgesamt glaube ich, daß eine Erörterung der ausgestellten Themen zum Beispiel in der Zeitung viel mehr in der dort angebotenen Themenvielfalt untergegangen wäre und bei weitem kein so großes Interesse gefunden hätte, wie dies bei der Ausstellung der Fall war, wo sich das Publikum bewußt für den Ausstellungsbesuch entschieden hat. Der Medienwechsel hat der Aufmerksamkeit also durchaus gut getan.
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'Abb. 1: "Empfang beim Bischof". Konfrontation von unveröffentlichtem und veröffentlichtem Foto. (Fotos: Rainer Mozer). --> Text |
Abb. 2: Dokumentation elektronischer Bildbearbeitung. (Foto: W.J.) --> Text |
Abb. 3: Ausstellungsteil "Fotojournalismus - Dokument und Manipulation". (Foto: W.J.) --> Text |
Abb. 4: Computermontage der Tübinger Neckarfront nach einem Kahlschlag (Foto und Bearbeitung in Adobe Photoshop: Ulrich Metz). --> Text |
Wir haben einfach nach einem zentral gelegenen, räumlich geeigneten Ausstellungsort gesucht. Und wir wußten von den Problemen des Stadtmuseums, mit seinem Ausstellungsetat die Wechselausstellungsräume attraktiv zu bespielen. Also sind wir auf das Stadtmuseum zugegangen. Über diese pragmatische Zweckallianz hinaus meine ich aber, daß lokale Museen generell die Aufgabe haben, sich nicht nur historisch, sondern auch aktuell mit der lokalen Bilderwelt zu beschäftigen. Fotografien sollten in Museen nicht nur ausgestellt werden, wenn es sich um große Fotografennamen handelt, oder als bloße Illustration von geschichtlichen Sachverhalten.
Was die Archivare unter unseren Lesern besonders interessieren würde: In welchem Maße stehen eigentlich die nicht veröffentlichten Bilder, die ja, wie die Ausstellung zeigt, unter verschiedenen Gesichtspunkten wichtige alternative Bildinformationen enthalten, späteren Generationen als historische Quellen zur Verfügung?
Das Bildarchiv der Zeitung umfaßt im wesentlichen nur die veröffentlichten Bilder. Sie sind nach Schlagworten erschlossen. Die unveröffentlichten Fotos, das sind bei mir ca. 90%, bei anderen Fotografen sicher mehr, bleiben im privaten Archiv des Fotografen, wobei die urheberrechtliche Situation bei angestellten und freien Fotografen wahrscheinlich unterschiedlich ist. Ihre Archivierung und Erschließung ist reine Ermessenssache des Fotografen selber. Ich ordne meine Negative chronologisch und verzeichne auf der Negativhülle Datum und Motiv. Zusätzlich führe ich seit etwa zwei Jahren eine PC-Datenbank, über die der Negativbestand nach Motiv und/oder Datum recherchiert werden kann.
Aber durch den Trend zur elektronischen Pressefotografie, bei der es dann keine materiellen Negative mehr gibt, und zur elektronischen Archivierung in Pressearchiven nur noch mit Druckauflösung, d.h. mit Informationsverlust, ist doch abzusehen, wann die Pressebildarchive als historische Quellen nur noch begrenzt zur Verfügung stehen werden. Gibt es schon Ankaufsinteressen etwa von Seiten des Stadtarchivs, für Ihr Bildarchiv?
Zur Zeit werden die eingescannten Negative tatsächlich mit guter Druckauflösung auf CDs archiviert. Aber die Originalnegative existieren ja noch. Wenn sich allerdings die elektronische, negativlose" Fotografie weiter durchsetzen wird, die in unserer lokalen, verlagsnahen Arbeit momentan noch keinen Zeitvorteil bringt, dann muß wohl damit gerechnet werden, daß die anderen Bilder" verschwinden. Von Ankaufsinteressen des Stadtarchivs ist mir bisher nichts bekannt geworden. Aber sicher ist der historische Abstand noch zu gering. Vielleicht interessiert sich ja jemand für meinen Nachlaß.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 10 (1996), S. 18/19 (Vol. 3, No.2)
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