![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Frau Lixfeld, Sie haben zur Jahreswende im Stadtmuseum Schramberg und an zwei externen Ausstellungsorten (dem Rathaus und der Volksbank) eine umfangreiche fotohistorische Ausstellung unter dem Titel Das handwerkliche Lichtbild. Fotogeschichte im Spiegel eines lokalen Bildarchivs" organisiert. Wie kam es zu dieser Ausstellung?
Wir suchen immer nach Anlässen, um an Material zu kommen, das wir selber nicht besitzen. Das 70jährige Geschäftsjubiläum des 1925 gegründeten Fotostudios Kasenbacher, mit dem wir schon seit der Aufbauphase des Museums zusammenarbeiten, war ein solcher Anlaß. Die Nachfolgegeneration hatte nach dem Tode des Seniorchefs ein Interesse daran, das Bildarchiv sichten zu lassen. Franz Kasenbacher hat sehr sorgfältig Auftragsbücher für seine Glasnegative angelegt und auch die Kleinbildfilme, mit denen er schon ab 1930 experimentierte, weitgehend beschriftet. 1992 hatten wir erste Überlegungen angestellt, dieses stadthistorisch bedeutsame Material auszustellen. 1993 kam dann eine Praktikantin zu uns ins Haus, Iris Kühnberger, der ich angeboten habe, ihre volkskundliche Magisterarbeit bei Frau Professor Göttsch, Universität Freiburg, über das Kasenbachersche Fotoarchiv zu verfassen. Sie befaßte sich mit den Porträts auf Glasnegativen und untersuchte sie unter dem Gesichtspunkt des mittels Fotografie inszenierten Lebenslaufs. Ihre Arbeit ist der Kern der Ausstellung und auch des Kataloges, während die übrigen Teile (der stadtdokumentarische, der ereignishistorische und der handwerksgeschichtliche) nur eine Übersicht geben. So sind die etwa 1.500 Kleinbildfilme bisher nur grob gesichtet und ein Querschnitt davon relativ unkommentiert ausgestellt. Da stecken sicher noch einige Ausstellungen drin, zum Beispiel zum Nachkriegsalltag oder zur Geschichte der Schramberger Fasnacht. Ich will das auf jeden Fall weiter verfolgen.
Wie ist der Erhaltungszustand des Archivs?
Bei den Kleinbildfilmen ist der konservatorische Zustand am bedenklichsten; sie sind gerollt aufbewahrt und von unterschiedlicher Materialstabilität. Von unmittelbar interessanten Aufnahmen haben wir im Rahmen der Ausstellungsvorbereitungen Vergrößerungen anfertigen lassen. Es wäre aber unbedingt notwendig, möglichst bald von sämtlichen Kleinbildfilmen Sicherungsduplikate zu ziehen. Auch die Glasnegative sind schlecht aufbewahrt, liegend und zum Teil im Keller. Es wäre denkbar, daß wir diesen Bestand komplett übernehmen, da er auch für den Besitzer nicht mehr von kommerziellem Interesse ist und nur Platz beansprucht.
Die Ausstellung zeigt die komplette Auftragspalette eines kleinstädtischen Fotoateliers: vom Porträt bis zur Ereignisfotografie, vom Werbefoto bis zur Stadtdokumentation und zur Landschaftsaufnahme für den eigenen Postkartenverlag. Und das von 1925 bis in die siebziger Jahre, bei der Stadtdokumentation sogar bis in die Gegenwart. Welche konzeptionellen Überlegungen haben Sie angestellt, um dieses heterogene Material zu ordnen und den verschiedenen Publikumsinteressen zugänglich zu machen?
Wir haben nach thematischen Gesichtspunkten gegliedert. Wir wollten einen möglichst breitgefächerten Überblick über die vielfältigen Bildarten dieses Archivs geben. Ausgehend vom Publikumsinteresse sind natürlich die Stadtbilddokumentation, die in der Volksbank auch exponiert plaziert ist, und die Bilder zum Stadtgeschehen von hohem Wiedererkennungswert und erfreuen sich entsprechender Beliebtheit. Die politische Ereignisfotografie ist passend im Rathaus ausgestellt. Die Ateliergeschichte gibt mit einigen fototechnischen Exponaten den Rahmen für die Hauptausstellung im Stadtmuseum. In deren Zentrum bildet, wie gesagt, das Porträt unter dem Blickwinkel der Lebensgeschichte eine Ausstellungseinheit von allgemeinerer Bedeutung, die sehr verschiedene Zugangsmöglichkeiten über die Wiedererkennung der Fotografierten hinaus eröffnet.
Ich finde es sehr bemerkenswert, daß Sie im Gegensatz zu vielen lokalen fotohistorischen Ausstellungen eine Ateliergeschichte ausstellen, die nicht im 19. Jahrhundert, sondern erst in den 20er Jahren unseres Jahrhunderts beginnt und bis in die 70er Jahre reicht. Damit wird die Fotografie für den größten Teil des Publikums als Bildgedächtnis der eigenen Lebenszeit faßbar. Und schließlich wird auch der nationalsozialistische Alltag und sein fotografisches Bild thematisiert. Besonders pikant fand ich die - zufällige oder absichtliche? - Ausstellungssituation im Rathaus, wo eine Nazi-Kundgebung mit dem Transparent Blut und Boden" vor einer Blut-und-Boden-Wandmalerei von 1935 über dem Eingang zum Ratssaal plaziert ist (Abb. 1).
Absichtlich. Die visuelle Aufarbeitung der lokalen NS-Geschichte steht uns noch bevor. Es ist unübersehbar, daß Franz Kasenbacher neben den religiösen Festen nicht nur pflichtgemäß eben auch NS-Aufmärsche fotografiert hat, sondern daß er durchaus auch Bildkompositionen mit deutlicher NS-Fotoästhetik geschaffen hat. Interessanterweise hat er vor der Inspektion seines Bildarchivs durch die französische Besatzungsmacht nach eigener Aussage alle Negative entfernt und vernichtet, die Personen in Parteiuniform zeigten. Ab 1940 war er dann zum Kriegsdienst eingezogen und setzte erst 1945 seine Fotografentätigkeit in Schramberg fort. Wir haben allerdings auch, vor allem bei der Auswahl der Bilder für den Katalog, darauf geachtet, daß die Persönlichkeitsschutzrechte abgebildeter Personen, die nicht als Personen des Zeitgeschehens" gelten können, nicht verletzt werden. So haben wir bei abgebildeten Personen, soweit sie zu ermitteln waren, ihr Einverständnis eingeholt und auch einen entsprechenden Aufruf in der Presse veröffentlicht.
Mir ist aufgefallen, daß in dem von Iris Kühnberger bearbeiteten Porträtbereich keine Soldatenporträts zu finden sind, obwohl das Soldatenporträt ein klassisches Beispiel für die einen wichtigen Lebensabschnitt dokumentierende Erinnerungsfotografie darstellt und auch fotohistorisch einen entscheidenden Anteil an der Durchsetzung des Fotografiertwerdens hatte.
Ja, das stimmt, dieser Bereich ist nicht berücksichtigt. Da ich diesen Teil nicht selbst bearbeitet habe, kann ich momentan nicht sagen, ob es im Kasenbacherschen Archiv überhaupt Negative dazu gibt.
Ich habe in Ihrer Ausstellung einige schöne inszenatorische Ideen gesehen, die der Ausstellung Profil geben. Z.B. die künstlerischen Landschaftsfotos (wohl für die Schaufensterwerbung) in jeweils zeitgenössischen Rahmen; die Hochzeitsfotos vor dem aufgehängten Tuch mit der Andeutung des späteren Bildausschnitts (Abb. 2) oder die gezeichneten Hintergrundschablonen zum Einbelichten in Porträts. Auch die Rekonstruktion der Hochzeitstreppe" finde ich gelungen. Aber das Hauptbildmaterial ist doch eher monoton präsentiert auf modernen 18x24-Abzügen, z.T. auf Baryt und passepartouriert, z.T. auf modernen PE-Trägern und nicht passepartouriert, jeweils immer in Standard-Grafikrahmen auf farbigem Karton zu 6er- oder 8er-Collagen zusammengestellt. Was ist der Grund dafür, daß in der Ausstellung fast nur neue Prints von den Originalnegativen zu sehen sind und kaum Originalabzüge, die doch über den Bildinhalt hinaus historische und medienrelevante Informationen transportieren, z.B. über die Art der Rezeption der Fotografie, ihre Vermarktung usw.? Und die wenigen vintage prints sind nicht als solche gekennzeichnet; wahrscheinlich merkt der unbedarfte Betrachter bei diesem undifferenzierten Umgang nicht einmal, daß er fast nur moderne Abzüge vor sich hat.
|
|
|
|
|
|
Abb. 1: Ereignisfotografie bis 1940 im Rathaus. --> Text |
Abb. 2: Hochzeitsfotografien mit angedeuteter Ausschnittswahl. --> Text |
Abb. 3: Zentrale Ausstellungseinheit "Der inszenierte Lebenslauf". --> Text |
Abb. 4: Die für Publikumsaktionen benutzte Atelierrekonstruktion. --> Text |
Zunächst: Unser Material war das Negativarchiv des Fotoateliers und keine Positive. Auch aus konservatorischen Gründen habe ich ziemliche Bauchschmerzen bei der Ausstellung von Originalfotografien. Wir haben den Porträtteil auf Barytpapier passepartouriert ausgestellt und die Beschriftungen auf Stelen vom Bild abgetrennt (Abb. 3), um die besondere typologische Betrachtungsweise dieses Ausstellungsteils zu markieren. Ansonsten haben wir ein einheitliches Format bevorzugt. Zum einen aus Kapazitätsgründen der Fotografin Karin Becker aus dem Hause Kasenbacher, die sämtliche Abzüge neben ihrer normalen Arbeit angefertigt hat. Zum anderen wollten wir eine optimale Erkennbarkeit der Bildinhalte gewährleisten, denn schließlich geht es um den Bildinhalt, um die Dokumentation, wie die Leute zu welcher Zeit gelebt haben.
Aber zum Leben der Leute gehören eben auch die Bilder, die sie von sich und ihrer Umwelt gemacht haben bzw. machen ließen. Ich meine also, der Umgang mit Fotografien, der Vorgang des Bilder-Machens und -Machen-Lassens, sollte selbst in einer solchen Ausstellung thematisiert werden und nicht nur die Bildinhalte. Und da kann z.B. eine Differenzierung der Formate nach dem Bildzweck auch bei Neuabzügen eine sehr einfache, aber wirkungsvolle Visualisierung unterschiedlicher Perspektiven sein.
Aber wir wollten keine Originalität imitieren. Außerdem ging es uns zunächst nur um einen Überblick über die Arbeit des Fotostudios Kasenbacher. Und natürlich spielen Zeitgründe eine Rolle. Die umfangreiche Recherche, die bei einer noch tiefergehenden Vorbereitung einer solchen Ausstellung nötig wäre, überfordert eine Museumsleiterin neben der Alltagsarbeit völlig. Sie können mir glauben, daß ich in diese Ausstellung sehr viel Freizeit investiert habe.
Das Publikumsinteresse scheint Ihren Einsatz zu rechtfertigen. Bei meinem Rundgang durch Schramberg habe ich den Eindruck gewonnen, daß die Ausstellung Stadtgespräch ist: In der Buchhandlung, im Gasthaus habe ich Gespräche über die Ausstellung belauscht. Wie werben Sie für die Ausstellung, machen Sie auch Publikumsaktionen?
Ja, die Ausstellung kommt sehr gut an. Wir legen auch bei allen unseren Ausstellungen Wert darauf, in der Stadt präsent zu sein. In diesem Fall durch die ausgelagerten Ausstellungseinheiten in der Volksbank und im Rathaus, also an sehr publikumsintensiven Orten. Wir machen natürlich Führungen und auch Publikumsaktionen mit der Möglichkeit, sich im fast originalen Atelier (Abb. 4) mit alten Requisiten in Pose zu setzen und fotografieren zu lassen, um so den Anteil der Fotografierten an der Fotografie praktisch zu demonstrieren.
Der Ausstellungskatalog (152 S., s/w-Abb., DM 25,-) ist erhältlich beim Stadtmuseum Schramberg, D-78713 Schramberg, Tel. 07422/29-268, Fax 07422/29-348.
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 9 (1996), S. 17-19 (Vol. 3, No. 1).
|
|
|
|
|
|