Im Gespräch

Barbara Auer, Kuratorin der Ausstellung „Fotografie der 50er Jahre" im Kunstverein Ludwigshafen

Abb. 1 - Teilansicht der Ausstellung.

Abb. 2 - Teilansicht der Ausstellung mit Vitrine.

Abb. 3 - Bilder von Ludwig Windstoßer aus verschiedenen Sammlungen.

Abb. 4 - Bilder von Otto Steinert aus verschiedenen Sammlungen.


Frau Auer, die Ausstellung „Fotografie der 50er Jahre" ist Teil eines großen Projektes „Kunst und Kultur der 50er Jahre", das von der Kulturregion „Rhein-Neckar-Dreieck" vom Herbst 1998 bis weit ins Jahr 1999 hinein veranstaltet wird. Der Kunstverein Ludwigshafen ist dabei einer von etwa 10 Hauptausstellungsorten, daneben werden jede Menge Veranstaltungen inklusive Theater und Kino geboten. Was macht für Sie die Faszination der 50er Jahre aus, und warum haben Sie sich auf die Fotografie als Ausstellungsthema gestürzt?

1994 fand zum erstenmal ein solches regionales Projekt zu den 20er Jahren statt. Nach dem großen Erfolg dieses ersten gemeinschaftlichen Unternehmens der Städte Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen wurde beschlossen, dies 1998 mit der Dekade der 50er fortzusetzen. Die 50er Jahre sind natürlich aus der distanzierten Perspektive kurz vor der Jahrhundertwende interessant als Jahrzehnt des Aufbaus der beiden deutschen Staaten und, besonders in der Fotografie, der Wiederanknüpfung an die Moderne der 20er Jahre. Ich war 1991 Volontärin am Wilhelm-Hack-Museum und hatte dort bereits ein kleines fotografisches Ausstellungsprojekt kuratiert („Mythos Rhein"). Während meines Kunstgeschichtestudiums hatte ich außer mit Reproduktionsdias nichts mit Fotografie zu tun, habe aber sehr schnell Feuer für dieses Medium gefangen und mich in die Thematik eingearbeitet. Und so kam ich 1994, damals noch als freischaffende Kuratorin, zur Betreuung der Ausstellung „Künstler mit der Kamera - Photographie als Experiment" im Kunstverein Ludwigshafen. Seit 1997 leite ich den Kunstverein, und es war keine Frage, daß unser Beitrag zum 50er-Jahre-Projekt eine Fotoausstellung sein würde.

Der Untertitel „Zwischen Abstraktion und Wirklichkeit" skizziert den Spannungsbogen, in dem Sie Ihre Ausstellung ansiedeln. Dabei steht mit einem ausführlichen Überblick über die Gruppe „fotoform" und die Steinert-Schule sehr deutlich die Abstraktion im Zentrum (besonders stark auch durch die weitgehende Aussparung der Farbe akzentuiert), von der aus Sie dann über „Positionen im Umfeld der ,subjektiven Fotografie'" zur mehr sozialdokumentarischen Fotografie in Ost- und Westdeutschland überleiten, um schließlich die „angewandte Fotografie" in den Bereichen Mode- und Sachfotografie vorzuführen. Wie sind Sie zu dieser Gliederung gekommen?

Die Wiege der deutschen 50er-Jahre-Fotografie stand ja quasi hier in der Region, nämlich in Neustadt an der Weinstraße, wo sich aus Protest gegen die Jurierung einer Ausstellung 1949 die Gruppe „fotoform" gegründet hat, die zusammen mit der Ausstellungs- und Lehrtätigkeit ihres Mitglieds Otto Steinert auch am Anfang dieser Ausstellung steht. Über drei Steinert-Schüler und die Positionen im Umfeld der „subjektiven Fotografie" kommen dann verschiedene Perspektiven hinzu: im Werk von Chargesheimer die Parallelität von experimenteller und Live-Fotografie, bei K.O. Götz der Verweis auf die Malerei des Informel und damit auf einen anderen Ausstellungsort innerhalb des Gesamtprojekts, mit Marta Hoepffners Farbarbeiten die Distanzierung von Steinerts Schwarzweiß-Orthodoxie und schließlich mit Kilian Breier (oder auch in der Live-Fotografie-Abteilung mit Will McBride) der Ausblick auf die 60er. Der Vergleich der west- und ostdeutschen Fotografieentwicklung wird vor allem an der Sozialdokumentation gezeigt, aber auch an den experimentellen Arbeiten von Fritz Kühn. Und schließlich geben Sach- und Modefotografie über die Dokumentation ästhetischer Vorbilder und gesellschaftlicher Verhaltensmuster visuellen Aufschluß über den „Zeitgeist" der Dekade. Mein Ziel war, einem möglichst breiten Publikum einen fundierten Überblick über die einflußreichsten Fotografen der Zeit und ihre Bilder zu geben. Daß dabei für den Kenner manche „Schlüsselwerke" als Wiederholung erscheinen mögen, liegt auf der Hand. Aber mit den Fotogrammen von K.O. Götz, der als informeller Maler bekannt ist, oder mit den homoerotischen Arbeiten von Herbert Tobias, die bisher nur in einer begrenzten Szene rezipiert wurden, sind mir, glaube ich, auch ein paar Überraschungen gelungen. Bei einer Bewertung der Auswahl sind zudem auch die personellen (hier: eine halbe Kuratorenstelle) und finanziellen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, die z.B. die Beschränkung auf eine überschaubare Anzahl von Leihgebern erforderlich gemacht haben.

Die 50er Jahre waren - im politischen wie im kulturellen Bereich - die Zeit der Vergangenheitsbewältigung im Spannungsfeld von Restauration und Modernisierung (durch Anknüpfen an die 20er Jahre und die internationale Moderne). Im Katalog wird diese Thematik an verschiedenen Stellen (vor allem im Gespräch mit dem Zeitzeugen J.A. Schmoll gen. Eisenwerth) explizit diskutiert und dabei die Funktion der Abstraktion als „Wirklichkeitsverdrängung" (U. Eskildsen) und die Entlastung der besonders von der NS-Propaganda instrumentalisierten Fotografie durch subjektive Autonomie offengelegt. Diese kritische Position wird aber schon bei manchen Fotografenbiografien im Katalog relativiert, indem etwa NSDAP-Mitgliedschaften oder Tätigkeiten als PK-Fotografen ausgespart bleiben.

Hier habe ich mir aus guten Gründen eine gewisse Zurückhaltung auferlegt. Durch die Veröffentlichung von entsprechenden biografischen Daten im Umfeld der Bonner Ausstellung „Deutsche Fotografie" war soviel Staub augewirbelt worden, daß manche Leihgeber entsprechende Vorbehalte geäußert haben. Ich weiß sehr wohl, daß hier biografisch noch manches im Dunkel liegt, aber hieb- und stichfeste Aussagen sind auf diesem sensiblen Terrain nicht auf dem Wege einer Ausstellungsrecherche, sondern nur durch seriöse Forschungsarbeiten zu erzielen.

Meine Kritik war auch grundsätzlicher gemeint. Die Ausstellung verzichtet völlig auf die Visualisierung einer Vor- und Nachgeschichte, wie sie an der Produktion der meisten ausgestellten Fotografen darstellbar gewesen wäre. Nicht nur daß die meisten schon vor den 50er Jahren fotografiert haben, sondern auch daß manche der „jungen Wilden" von 1949 einträgliche Karrieren auf durchaus konventionellen Feldern gemacht haben, hätte der Ausstellung mehr historische Tiefenschärfe im Sinne einer Retrospektive aus heutiger Sicht geben können.

Ich habe mich bewußt auf diese Perspektive beschränkt und mußte mich bei der Auswahl aufgrund der räumlichen und finanziellen Bedingungen sehr beschränken. Wir sind nur ein Kunstverein und nicht die Bundeskunsthalle in Bonn, die z.B. für solche Mammutprojekte finanziell und personell weitaus besser ausgestattet wird.

Der Anspruch des Titels „Fotografie der 50er Jahre" läßt sich aber nicht ausschließlich mit Bildern realisieren, die in künstlerischer Absicht entstanden sind oder durch die Aufnahme in eine renommierte fotografische Sammlung nachträglich zum Kunstwerk geworden sind. So entfaltete die Fotografie in den 50er Jahren eine nicht zu unterschätzende politische und ästhetische Wirkung z.B. über Bildbände (etwa in der Reihe „Die Blauen Bücher" oder mit vielen Buchclub-Ausgaben), die im Rückgriff auf traditionelle Bildmuster das gestörte und zerstörte Heimatbild rekonstruierten. Und dort standen dann Arbeiten von „fotoform"-Mitgliedern neben Namen wie Erich Retzlaff, Wolf Strache, Paul Wolff und Franz Schensky. Auch die kaum von der 50er-Jahre-Avantgarde beeinflußten Renger-Patzsch, List und Hege wirkten auf diesem Wege noch als Fotografen dieser Dekade.

Gerade durch die Einbeziehung der Live-, Mode- und Sachfotografie wollte ich zur künstlerischen Fotografie einen anderen Akzent setzen. Der von Ihnen erwähnte Aspekt ist sicherlich interessant, würde aber eine andere Ausstellung ergeben.

Nun aber mal ein Lob: Der Katalog schafft es - im Gegensatz zur gängigen Praxis, bei der die Texte geschrieben werden, bevor die Auswahl feststeht -, in den Aufsätzen mit durchgängigen Bildverweisen und ausführlichen Interpretationen einen Bezug zu den ausgestellten Bildern herzustellen. Es wäre allerdings nützlich und für die Befriedigung des mit Fotografie oft verbundenen technischen Interesses sinnvoll gewesen, die knappen Verfahrensangaben auf den Exponatbeschriftungen durch ein Glossar im Katalog und evtl. auch in der Ausstellung zu erläutern.

Bei der 20er-Jahre-Ausstellung hatten wir auch Texte in der Ausstellung, die aber diesmal der Knappheit der personellen und zeitlichen Ressourcen zum Opfer gefallen sind. Dennoch danke für die Anregung; vielleicht bei der nächsten Ausstellung ...

Die Präsentation zeichnet sich durch eine sehr kompakte Hängung mit klarer Gliederung (nach den thematischen Gruppierungen und darin nach Fotografen geordnet) aus. Daraus entstehen intensive Situationen und spannende Vergleiche.

Das ist durchaus beabsichtigt. Ich habe mir z.B. die Repräsentation eines Fotografen durch mindestens drei Bilder zur Regel gemacht und mich damit für Werkgruppen statt auratischer Einzelbilder entschieden (Abb. 1, 2). Ein gewisses Problem erschien mir zunächst die Auflage der meisten Leihgeber, die Bilder in der angelieferten Passepartourierung und Rahmung auszustellen. Ich habe der dadurch entstehenden Unruhe mit der Hängung gegenzusteuern versucht. Und im Ergebnis ist dadurch, glaube ich, eine noch klarere Gliederung zustande gekommen.

Ich finde das Ergebnis auch sehr geglückt, da so der Weg der Bilder in private und öffentliche Sammlungen, Nachlässe und kommerzielle Galerien mit visualisiert und zudem auch im Vergleich eine Reflexion der Wahrnehmungsbedingungen durch den Betrachter möglich wird (Abb. 3, 4). Die gewöhnungsbedürftige Beleuchtung mittels Industrie-„Gaslichtern" hinter einem abgehängten Deckenraster stößt auch den Nichtfachbesucher auf konservatorische Erfordernisse beim Ausstellen von historischen Fotografien.

Die konservatorischen Ausleihbedingungen besonders gewissenhafter Leihgeber haben uns große Anstrengungen abgefordert: Wir haben nun eine Beleuchtungsintensität von 50 lux. Da die Helligkeit wegen des Oberlichts nicht nur über die künstlichen Lichtquellen zu regulieren war, mußten wir z.T. zusätzliche Lichtfilter in der Zwischendecke einbringen.

Schließlich: Welche Rolle spielt die Fotografie in der Arbeit des Kunstvereins Ludwigshafen? Besitzen Sie eine eigene Sammlung? Welche Ausstellungsprojekte mit Fotografie sind in Planung?

Wie die meisten Kunstvereine besitzen wir keine eigene Sammlung. Fotografie gehört (auch in Absprache mit den Kollegen aus Heidelberg und Mannheim) zu den dezidierten Schwerpunkten unserer Arbeit. Die Institution Kunstverein steht generell vor der Problematik eines Generationenwechsels und damit sich wandelnder Publikumsinteressen. Und da ist Fotografie (neben unserem zweiten Schwerpunkt Installationen) sicher ein künstlerisches Medium, das nicht nur für mich persönlich interessant ist, sondern auch junge Menschen in besonderem Maße anspricht. Wir wollen in Zukunft pro Jahr eine fotografische Ausstellung (von vier bis fünf insgesamt) realisieren. Für 1999 stehen als Übernahme von der Berlinischen Galerie die „Lichtseiten" an.

Katalog: ISBN 3-00-003436-6, DM 37,- (im Paket mit „Fotografie der 20er Jahre": DM 65,-).

Das Gespräch führte Wolfgang Jaworek <w.jaworek@fototext.s.shuttle.de> mit
Barbara Auer, Kunstverein Ludwigshafen am Rhein e.V., Bismarckstraße 46, D-67059 Ludwigshafen, Tel./Fax 0621/528055 <http://www.germangalleries.com/Kunstverein_Ludwigshafen/index.html>

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 20 (1998), S. 33-35 (Vol. 5, No. 4).





© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 15.01.2000. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek