![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()
Abb. 1 - Coat Stand, 1920. Von links nach rechts:
Vintage Print 1919/20"; späterer Abzug
1975"; späterer Abzug vom Original-Negativ
1972".. Abb. 2 - Elevage de poussière, 1920. Links:
späterer Abzug 1970"; rechts: neuer Abzug
um 1980". Abb. 3 - Im Vordergrund: L'énigme d'Isidore
Ducasse, Objekt 1920-1971. Im Hintergrund rechts:
Photographie, späterer Abzug 1975. Abb. 4 - Von links nach rechts: The Tears (Les deux
yeux, le nez et les larmes), um 1930, neuer Abzug 1988; The
Tears (Les larmes), um 1930, neuer Abzug 1983; The Tears
(Tête entière avec les larmes), um 1930, neuer
Abzug 1988.
Frau Jahn, was bedeutet Kuratieren bei einer Ausstellung, die wohl
komplett aus einer Privatsammlung, der Sammlung des Mailänder
Galeristen Giorgio Marconi, übernommen wurde? Konnten Sie an der
Auswahl teilnehmen? Wäre es auch möglich gewesen, die
Ausstellung durch andere Leihgaben zu ergänzen? Welchen
Einfluß hat der Leihgeber ausgeübt?
Die Auswahl aus der Sammlung Marconi wurde von uns selbständig und ohne Einflußnahme des Leihgebers getroffen. Die Exponate aus der Sammlung Marconi wurden an einigen Stellen ergänzt durch Leihgaben aus anderen Privatsammlungen.
Durch die Absolutheit des Ausstellungstitels Man Ray" ohne einschränkenden Untertitel wird der Eindruck erweckt, daß hier eine umfassende Werkschau gezeigt wird. Selbst bei 900 Exponaten ließe sich dies ja wohl kaum aus einer einzigen, wenn auch bedeutenden Sammlung realisieren. Es fehlen wesentliche Werkkomplexe: im malerischen Bereich z.B. die frühen kubistischen Arbeiten. Ein Schlüsselwerk der Moderne, A l'heure de l'observation - Les amoureux", ist nur als Ausstellungsplakat vertreten, die Objekte sind lediglich als Neueditionen der 60er und 70er Jahre zu sehen. Im fotografischen Bereich fehlen vollständig die Paris-Aufnahmen auf den Spuren Atgets, die Modefotografien für Harper's Bazar". Die Zusammenarbeit mit Berenice Abbot und Lee Miller wird nicht thematisiert, und die meisten Fotos werden als posthume Neuabzüge gezeigt. Andererseits gibt die Ausstellung durch den subjektiven Zugang des Sammlers und seine persönliche Freundschaft mit Man Ray selber und seiner Witwe einen faszinierenden Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers und die Mechanismen der Verbreitung und Vermarktung seines Werkes. Im fotografischen Bereich seien hier das ausgestellte Privatalbum von Man Ray und die zahlreichen Kontaktabzüge mit eingezeichneten Ausschnittmarkierungen genannt. Wäre es unter diesen Vorzeichen nicht sinnvoller gewesen, statt den Eindruck einer Werkübersicht zu erwecken, in Titel und Ausführung die Funktion des Sammlers und Galeristen ausdrücklich zu thematisieren und diese Perspektive - auch im Katalog - wissenschaftlich fundiert zu bearbeiten?
Es ging uns um die Breite des Werkes von Man Ray und nicht um den Sammler Marconi. Die Sammlung Marconi gab uns vielmehr die einmalige, anders gar nicht realisierbare Möglichkeit, den Künstler Man Ray, der in Deutschland fast nur als Fotograf bekannt ist, einem breiten Publikum auch als Maler, Grafiker und Objektkünstler zu präsentieren, der ja auch nicht nur in den 20er und 30er Jahren gearbeitet hat, sondern bis zu seinem Tod 1976 künstlerisch aktiv war. Daß dieser Überblick nicht vollständig sein kann, liegt in der Natur der Sache. Die Präsentation vieler Objekte als Neu-Editionen ist dadurch legitimiert, daß es von den meisten Objekten gar keine Originale im Sinne von Unikaten gibt, sondern Man Rays Objektarbeiten als Multiples konzipiert sind. Einen breiten Raum in unserer Ausstellung nimmt Man Rays Malerei ein, die von ihm selbst als privates Gegengewicht zu seiner Vervielfältigungskunst" betrieben wurde. Viele Werke dieses unbekannten Man Ray werden zum erstenmal in Deutschland gezeigt.
Einen großen Reiz bezieht die Ausstellung aus der Konfrontation der verschiedensten künstlerischen Medien und - zumindest bei genauem Hinsehen - daraus, daß die radikale Infragestellung des Werkbegriffs im Sinne von Original und Unikat durch den Dadaismus nachvollziehbar wird - eine Thematik, die auch eine der Grundeigenschaften des fotografischen Mediums berührt und zudem im Zeitalter der digital reproduzierbaren Informationen von aktueller Bedeutung ist. Die Ausstellung dokumentiert diese Dekonstruktion des Originalbegriffs auf anschauliche Weise: Es werden verschiedene Versionen derselben Fotografie gezeigt (Abb. 1 und 2), nach Fotografien rekonstruierte Neueditionen von Objekten (Abb. 3), fotografische Reproduktionen von grafischen Arbeiten usw. Schmerzhaft vermißt man allerdings zur Gänze Exponate, die die Umsetzung der Fotoarbeiten von Man Ray in Büchern und Zeitschriften) dokumentieren. Problematisch erscheint mir auch der Umgang mit der Klassifizierung der gezeigten Fotoabzüge. Sie definieren zwar korrekt im Katalog - leider nicht in der Ausstellung - die drei Kategorien: Vintage Print" (im zeitlichen Zusammenhang mit der Aufnahme), späterer Abzug" (noch zu Lebzeiten des Künstlers) und neuer Abzug" (posthum), die Exponatbeschriftungen lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob die neuen Abzüge tatsächlich alle vom Originalnegativ gefertigt sind.
Wir haben einige Druckpublikationen von Man Ray ausgelegt. Aber irgendetwas vermißt der Kritiker immer. Was die Klassifizierung der Fotoabzüge betrifft, haben wir versucht, korrekt damit umzugehen. Da wir aber nicht noch eigene Fachrecherchen zu jedem Foto anstellen konnten, sind wir letztlich auf die Korrektheit der Sammlerangaben angewiesen. Die genaue Klassifizierung von Fotoabzügen scheint mir außerdem eher für den Kunstmarkt und den Streit der Fachleute von Bedeutung, wir wollten aber eine Ausstellung für ein breites Publikum machen, für das der Gehalt eines fotografischen Kunstwerkes nicht dadurch geschmälert wird, daß es sich um einen Neuabzug handelt.
Aber auch das breite Publikum hat ein Recht darauf, in einer Institution, die sich Museum nennt und (im Unterschied zu vorwiegend kommerziellen Interessen verpflichteten Ausstellungsorganisatoren) die Einhaltung von international definierten Standards garantiert, Ausstellungen präsentiert zu bekommen, die wissenschaftlichen Maßstäben standhalten. Außerdem erhebt sich gerade bei Man Rays Arbeitsweise, den endgültigen Ausschnitt erst bei der Fertigung des Abzugs zu bestimmen, die Frage, wie dieser nicht unwesentliche Teil des künstlerischen Prozesses bei posthumen Abzügen seriös gehandhabt werden kann (Abb. 4). Wenn Vintage Prints oder Kontakte mit Markierungen bekannt sind, läßt sich ja der Ausschnitt noch nachvollziehen, aber wie soll dies bei Negativen ohne Printvorlage geschehen? Von den Tonwertabstufungen, Tonungen, der Anmutung historischer Materialien gar nicht zu reden. Und schließlich beweist der Skandal um die Man-Ray-Fälschungen, mit denen der Sammler Werner Bokelberg betrogen wurde, daß Besitzer von Originalnegativen diese anscheinend als Lizenz zum Gelddrucken betrachten. Fachliche Bedenken muß ich leider auch zur Einhaltung konservatorischer Standards anmelden. Selbst beim bloßen Augenschein ergibt sich der Eindruck, daß die für historische Schwarzweißabzüge maximal zulässige Beleuchtungsstärke von 50 bzw. 100 Lux generell überschritten wird. Und bei der Weiterreise der Exponate zu zwei weiteren Ausstellungsorten wäre dann noch die jährlich maximal zulässige Belichtung zu berücksichtigen. Die in den Memorabilia-Vitrinen ausgestellten Polaroids zeigen bereits dramatische Ausbleichungserscheinungen. Wurden bei Konzeption und Realisierung der Ausstellung auch Konservatoren zu Rate gezogen?
Unsere hauseigene Konservatorin hat die Beleuchtungsstärke überprüft, und wir haben auch unterschiedliche Beleuchtungssituationen für die Vintage Prints und die Neuabzüge hergestellt. Dadurch entstand zu meinem Bedauern in manchen Bereichen eine nicht besonders besucherfreundliche Atmosphäre.
Die Ausstellung erfreut sich großen Zuspruchs beim Publikum: Gerade die Fotografien von Man Ray sind über unzählige Reproduktionen auf Kalendern, Postern und Postkarten in den letzten Jahren zu Populärikonen der Fotogeschichte geworden. Umso nötiger wäre allerdings die wissenschaftliche und didaktische Aufbereitung des Gezeigten. Die Interpretationshilfen in der Ausstellung selber beschränken sich außer einer Einleitungstafel auf kompilierte Zitate von Man Ray selber. Dies mag zwar dokumentieren, daß Man Ray sich an Kunsttheorie versucht hat, und insofern die Gesamtschau seines Werkes abrunden, kann aber doch die Arbeit des Kunsthistorikers nicht ersetzen. Auch der Katalog bietet hier außer ein paar Essays von Freunden des Künstlers keine Hilfe an. Hätten Sie hier gerne mehr geleistet und warum kam es nicht dazu?
Wir haben jetzt nach sechs Wochen 30.000 Besucher gezählt und damit ein Publikum erreicht, das weit über das klassische Ausstellungspublikum hinausgeht. Dieser Erfolg resultiert nicht zuletzt aus unserem Ansatz, den Gesamtkünstler Man Ray (auch den Kunsttheoretiker mit seinen Originaltexten) ohne kunstwissenschaftliche Vorgaben fürs Publikum direkt erfahrbar zu machen. Auch bei unseren zahlreichen Führungen legen wir großes Gewicht darauf, die Kreativität und Spontaneität der Besucher in der Konfrontation mit den Werken des Künstlers herauszufordern.
Die Galerie der Stadt Stuttgart befindet sich in diesen Tagen im Mittelpunkt der lokalen kulturpolitischen Diskussion. Für den geplanten Neubau am Kleinen Schloßplatz, also im Zentrum der Stuttgarter Einkaufsmeile, werden verschiedene Sammlungs- und Ausstellungskonzeptionen heftig diskutiert. Dabei wurden sowohl Konzepte zur Sammlungskonzentration auf den deutschen Südwesten als auch Überlegungen zu einem multimedialen Kulturzentrum vorgetragen. Die bekannte Popularität von Fotoausstellungen, derer Sie sich ja auch mit der Man-Ray-Ausstellung bedienen, drängt in diesem Zusammenhang natürlich die Frage auf: Wie hält es die Galerie der Stadt Stuttgart mit der Fotografie? Verfügen Sie über eigene Bestände, welche Rolle spielt dieses nun schon längst zur künstlerischen Reife gelangte Bildmedium in Ihrer Arbeit und Ihren Zukunftsprojekten?
Wie Sie sagen, werden in nächster Zeit wichtige Entscheidungen über die Zukunft der Galerie gefällt werden. Wir wollen auch weiterhin Kunst sammeln und ausstellen. Und da, wo Künstler mit Fotografie arbeiten, ist dies unsere Sache. Aber es geht uns nicht in erster Linie um das technische Medium, sondern um die Kunst. In diesem Sinne wollen wir auch keine fotografische Sammlung" aufbauen und keine Fotoausstellungen" machen, nur um das Medium in den Vordergrund zu stellen.
Katalog: Johann-Karl Schmidt, Christoph Brockhaus, Veit Loers (Hrsg.): Man Ray. Verlag Gerd Hatje, Ostfildern-Ruit 1998, ISBN 3-7757-0734-4, DM 54,-.
Das Gespräch führte Wolfgang Jaworek <w.jaworek@fototext.s.shuttle.de>
mit
Dr. Andrea Jahn, Galerie der Stadt Stuttgart, Schloßplatz 2,
D-70173 Stuttgart, Tel. 0711-216-2188, Fax 0711-216-7820
<http://www.swo.de/GalerieStuttgart>
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 18 (1998), S. 19-21 (Vol. 5, No. 2).
|
|
|
|
|
|