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Abb. 1: Hängung der Neuabzüge von den
Stereo-Glasplatten-Negativen. Abb. 2: Links Neuabzüge, rechts (abgedunkelt)
Original-Albuminabzüge.
Herr Ströbele, eine Ausstellung mit Stereoskopien eines
norwegischen Fotografen des 19. Jahrhunderts in einem deutschen
Heimatmuseum &endash; wie kam diese außergewöhnliche
Konstellation zustande?
Dies ist mehreren Glücksfällen zu verdanken: Erstens dem, daß der Bergener Kaufmannssohn Knud Knudsen, der sich 1862 auf die weite Reise nach Reutlingen machte, um hier an dem privaten Pomologie-Institut von Eduard Lucas den Obstanbau zu studieren, sich wohl extra für diese Reise eine Stereoskop-Kamera kaufte und damit Erinnerungsaufnahmen machte zu einem Zeitpunkt, als die Reutlinger Fotografen sich noch auf Porträtaufnahmen beschränkten. Zweitens dem, daß die dabei entstandenen Negative erhalten geblieben sind und auch den großen Stadtbrand von Bergen 1916 überstanden haben. Und schließlich dem, daß der Bearbeiter des Knudsen-Nachlasses in der Bergener Universitätsbibliothek, Neil Morgenstern, sich aufgrund von Tagebuchnotizen auf Knudsens Spuren begab und dabei auch nach Reutlingen kam. So wußte ich, daß frühe Fotografien aus Reutlingen in Norwegen zu finden sind. Bei einem Aufenthalt in Bergen war es mir dann möglich, unter den 10.000 erhaltenen Negativplatten 63 Bilder als zu der Deutschlandreise Knudsens gehörig zu identifizieren.
Sie präsentieren die Bilder der Deutschlandreise 1862 ausschließlich als Neuabzüge von den Original-Kollodium-Stereo-Glasplattennegativen. Die Anfertigung und Präsentation von Neuabzügen von Glasplatten eröffnet ein weites Feld von grundsätzlichen Alternativen mit jeweils unterschiedlichen Wirkungen auf den Betrachter: Fertigt man Abzüge an, die den historischen ähneln, versucht man mit moderner Technik optimale Bildwirkungen zu erreichen, wie sie bei Abzügen der Zeit niemals möglich gewesen wären, oder sollen die Abzüge nur der Sicherung der Bildinformationen großer Negativarchive dienen? Sie haben sich in Ihrer Ausstellung zu einer Lösung entschlossen, bei der die Bilder durch die Art der Abzüge nicht auf die reine Bildinformation reduziert werden, sondern durchaus die Platten als Objekte mit einer eigenen Qualität und mit den Spuren ihrer Überlieferungsgeschichte dokumentiert werden. Allerdings mit der Erweiterung, daß durch die Umkehrung der Tonwerte, die leichte Vergrößerung, das knappe Anschneiden der Außenränder und die Präsentation unter Schrägschnitt-Passepartouts Positive mit bildhafter Wirkung entstehen. Durch die Hängung von jeweils zwei Stereopaaren in einem Rahmen in rhythmischem Wechsel mit 30x30-cm-Vergrößerungen ausgewählter Stereoseiten wird die Bildwirkung noch verstärkt. Welche Überlegungen stehen hinter der Entscheidung für diese Präsentationsform?
Da von den Negativen keine Originalabzüge erhalten sind, mußten wir auf jeden Fall Neuabzüge anfertigen lassen. Wir haben uns dabei für vollformatige, möglichst tonwertreiche Abzüge auf Barytpapier mit einem Vergrößerungsfaktor von 30% entschieden, da wir zum einen die Quellengattung Stereo-Negativplatte" mit ihren Doppelbildern (die übrigens nicht identisch sind, da Knudsen eine Stereokamera mit verschiebbarem Objektiv verwendet hat), den Plattenschäden und der in dem Verfahren angelegten intimen Betrachtungsweise dokumentieren wollten. Zum anderen wollten wir aber natürlich auch die Bildinformationen möglichst vollständig sichtbar werden lassen, wozu 1:1-Abzüge nicht ausgereicht hätten. Darüber hinaus haben wir von besonders wichtigen Bildern Großabzüge der besseren Stereoseite anfertigen lassen, was einen noch größeren Detailreichtum ermöglicht und der Ausstellung eine gewisse Dynamik verleiht.
Da es sich bei den Aufnahmen von Knud Knudsen um die frühesten bisher bekannten Ortsaufnahmen von Reutlingen handelt, steht ihre Präsentation beim örtlichen Publikum natürlich sehr stark unter dem Vorzeichen der Wiedererkennbarkeit und dem Vergleich früher/heute, was mehr oder minder zwangsläufig zu einer Einschränkung der Wahrnehmung auf das Schema gute alte Zeit" führen kann. Sie haben der Bedienung dieses Klischees ein Stück weit dadurch Widerstand geleistet, daß Sie sich auf die Bilder von Knudsen beschränkt und eben keine Früher-heute-Ausstellung produziert haben, wie sie sich gerade in heimatkundlich orientierten Museen großer Beliebtheit erfreuen. Ja, Sie haben durch die Miteinbeziehung der übrigen Aufnahmen von Knudsens Deutschlandreise und sogar späterer norwegischer Landschaftsaufnahmen des Fotografen in Original-Albuminabzügen den Blick übers Lokale hinaus ausgeweitet und damit auch die Entwicklung des Fotografen zum Thema der Ausstellung gemacht. Auf der anderen Seite konnten Sie sich natürlich der lokalhistorischen Pflicht der topografischen und biografischen Recherche nicht entziehen, was in der möglichst genauen Identifizierung des Aufnahmegegenstands seinen Niederschlag findet. Wie sehen Sie dieses Spannungsfeld zwischen reiner Dokumentation und Reflexion der Medieneigenschaften bei Ihrer Arbeit mit Fotografie?
Natürlich ist bei den frühesten bekannten topografischen Fotografien von Reutlingen und Umgebung, die wir im Knudsen-Nachlaß gefunden haben, das historische Interesse ganz hoch anzusiedeln, zumal sich die Stadt in diesen Jahren in einer wichtigen Umbruchphase befand. Wir haben deshalb einen großen Rechercheaufwand betrieben, um alle Ansichten genau zu identifizieren. Aber gerade bei einem Fotografen wie Knudsen, dessen Entwicklung vom frühen Amateur bis zum bedeutenden Landschaftsfotografen führen sollte, liegt es nahe, auch diesen Entwicklungsweg zu thematisieren. Dabei ist es interessant zu sehen, wie schon in seinen Reutlinger Aufnahmen stellenweise der Gestaltungswille des späteren Berufsfotografen aufscheint: sei es im wirkungsvollen Arrangement von Obstbauwerkzeugen, sei es in zentralperspektivischen Kompositionselementen, die die räumliche Wirkung unterstützen. Im Vergleich der frühen Aufnahmen mit denen des späteren Fotokünstlers läßt sich dies nachvollziehen. Und unsere Präsentation der beiden Stereohälften zeigt auch deutlich die Momenthaftigkeit der Bilder. Die beiden Aufnahmen des gleichen Motivs wurden zeitlich nacheinander gemacht, zeigen geringe Unterschiede im Ausschnitt und zum Beispiel in den Personenkonstellationen &endash; auch da wird die Ausschnitthaftigkeit und Momenthaftigkeit der Fotografie ganz plausibel.
Die Präsentation von Stereofotografien in einer Ausstellung schafft im wahrsten Sinne des Wortes neue Dimensionen: Es werden sowohl medienhistorische Fragen (die Stereotechnik, die gesellschaftliche Rezeption von Fotografien im 19. Jahrhundert) als auch medientheoretische Fragen (Rolle der Perspektive für Fotografie) aufgeworfen. Außerdem wird die Rezeption von der reinen Bildbetrachtung in Richtung Wahrnehmungserlebnis erweitert, was bei der Ausstellungskonzeption zu berücksichtigen ist. Sie präsentieren nun Ihre Stereofotografien zum einen als seltsam" gedoppelte Fotos, zum anderen in einer Ton-Dia-Schau mit Stereo-Doppelprojektion, bei welcher der Besucher mit Hilfe einer Polarisationsbrille erstaunliche räumliche Wirkungen erleben kann. Auch im Katalog haben Sie diese doppelte Betrachtungsmöglichkeit durch die Beilage einer Prismenbrille angelegt. Welche Resonanz gegenüber dieser ungewohnten Wahrnehmungsweise bemerken Sie beim Publikum?
Die Reaktion der Besucher auf die Dia-Schau ist durchweg überrascht bis begeistert. Die moderne Stereoprojektion erzeugt eine so perfekte räumliche Illusion, daß sie auch in unserer an visuellen Reizen gewiß nicht armen Zeit als Sensation" empfunden wird. Wir haben uns für die aufwendige Projektion entschieden, da eine irritationsfreie Betrachtung der Stereoaufnahmen mit einem der im 19. Jahrhundert gebräuchlichen Betrachtungsgeräte eine gewisse Übung erfordert und in einer Ausstellung, die auch von Gruppen frequentiert wird, nicht praktikabel ist. Dank des finanziellen Entgegenkommens eines ortsansässigen AV-Studios konnten wir uns die Projektion leisten. Es ist auch vorstellbar, daß die Dia-Schau später in unsere stadtgeschichtliche Dauerausstellung integriert wird oder auch z.B. auf Tournee in unsere Partnerstädte gehen könnte. Auch die Abzüge der Ausstellung sind durch die Aufbringung der Exponatbeschriftungen auf den Passepartouts auf eine solche Ausleihe vorbereitet.
Welche Rolle spielt die Fotografie von den Beständen und den Ausstellungsaktivitäten her für das Heimatmuseum?
Das Museum verfügt traditionell über eine eigene fotografische Sammlung neben der des Stadtarchivs. Da für mich persönlich die historische Fotografie zu den unverzichtbaren Sammlungsgebieten eines heimatgeschichtlichen Museums gehört, haben wir in den vergangenen Jahren verstärkt Fotografien, vor allem aus Nachlässen, übernommen. So können wir inzwischen die Geschichte der Reutlinger Ateliers recht gut dokumentieren, wobei für uns die Fotografen über den rein topografischen und dokumentarischen Aspekt hinaus wichtig sind. Erste Recherchen hierzu sind im einleitenden Aufsatz im Knudsen-Katalog veröffentlicht. Auf diesem Hintergrund werden weitere Fotoausstellungen im Reutlinger Heimatmuseum sicher nicht allzu lange auf sich warten lassen.
Das Gespräch führte Wolfgang Jaworek <w.jaworek@fototext.s.shuttle.de>
mit
Dr. Werner Ströbele, Heimatmuseum Reutlingen,
Oberamteistraße 22, D-72764 Reutlingen, Tel. 07121/303-2539,
Fax 07121/303-2768
Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 17 (1998), S. 28-29 (Vol. 5, No. 1).
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