MATERIALITÄT

Evelyn Runge

AGENTEN DES GLOBALEN POLITISCHEN WANDELS

Das Kollektiv Activestills fordert Stereotype des Fotojournalismus heraus

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Eine junge, in einer Gruppe von Menschen stehende Frau präsentiert den Ausdruck eines Fotos: Sie hält ihn auf Brusthöhe vor sich, der obere Rand verdeckt ihr Kinn. Ihr Mund darüber lächelt verhalten, doch ihre Augen bleiben ernst, direkt in die Kamera blickend und somit auch den Betrachter unmittelbar ansprechend. Auf dem präsentierten Bild sind zwei ältere Frauen, ein älterer und ein jüngerer Mann erkennbar, die vor einem Zelt posieren. Neben ihnen ragt eine Hausecke ins Bild: Die helle Steinfassade ist mit aufgesprühter Schrift in Blau und Schwarz versehen, im Fenster spiegeln sich drei Fahnen des Staates Israel. Auf dem weißen Bildrand steht: „Activestills.org“. Auch zwei weitere Frauen halten Foto-Ausdrucke vor ihre Körper. Beide Bilder zeigen dasselbe Motiv: Mehr als ein Dutzend Menschen auf einer Brachfläche und um ein Zelt herum stehend; im Hintergrund lassen sich die Häuser einer Stadt mit wenig Grün ausmachen. Hinter den drei Frauen, die die beschriebenen Ausdrucke halten, drängen sich weitere Menschen, die in geringerer Tiefenschärfe abgebildet sind. Einige von ihnen halten ebenfalls Foto-Ausdrucke, andere Fahnen oder Schilder. Wie die Aufschrift eines teilweise verdeckten Schildes nahelegt, bezieht sich der offensichtliche Akt der Demonstration auf Scheich Dscharrah (engl. Sheikh Jarrah), einen Stadtteil in Ost-Jerusalem, der durch die Verdrängung von dort ansässigen Palästinensern aus ihren Häusern und deren gleichzeitige Übernahme durch jüdische Siedler immer wieder Ort von Protesten ist [1].

Der Fotograf Oren Ziv – der Name des Urhebers lässt sich an der Fotografie zunächst nicht ablesen – ist Mitglied und Mitgründer des Kollektivs Activestills, in dem sich seit 2005 israelische, palästinensische sowie Fotojournalistinnen und -journalisten anderer Nationen zusammengeschlossen haben. Obwohl Israel und Palästina im Fokus der Medien weltweit stehen und großer Bedarf an Bildmaterial herrscht, ist kaum bekannt, dass sich in dem genannten Kollektiv Fotografinnen und Fotografen zusammengeschlossen haben, die visuelle Stereotype des Fotojournalismus herausfordern. Activestills hat sich eine eigene Agenda gegeben und stellt Fotografien bereit, die in dieser Form nicht von etablierten Nachrichtenagenturen angeboten werden – gerade weil sie in ihrer intendierten Botschaft politisch nicht neutral, sondern engagiert sein wollen: Die Fotojournalistinnen und -journalisten verstehen sich dezidiert als politische visuelle Aktivisten. Die zentrale Gründungsgruppe des Kollektivs besteht aus Oren Ziv, Yotam Ronen, Keren Manor und Eduardo Soteras Jalil, die ab 2005 zusammen zu den freitäglichen Demonstrationen in Bil’in, einem Dorf in der Westbank, fuhren, dessen landwirtschaftliche Flächen unter anderem für den Bau der Mauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten konfisziert worden waren. Sie alle waren zur Zeit der Gründung Studierende von Miki Kratsman am Geographic Photography College in Tel Aviv, einem der profiliertesten israelischen Fotojournalisten, der bereits in den ersten Bildern des sich formierenden Kollektivs etwas Besonderes sah: „In the photographs, I could see a relationship forming between my students and the demonstrators, Palestinians and Israelis from the Anarchists Against the Wall group. Such relationships are rare in conventional photojournalism. Furthermore, the students became part of the protest and, in that position, it became appropriate for them to photograph other photographers who were also present at the same event. The act of reexamining the position of the photojournalist in an event was both interesting and challenging […].“ [2]

Die Fotojournalistinnen und -journalisten, mittlerweile eine dreizehnköpfige Gruppe von Personen zwischen 28 und 42 Jahren, legen in ihrem „Activestills Collective Statement“ ihre Mission dar. Fotografie ist für sie ein Mittel, sozialen und politischen Wandel anzustoßen oder voranzutreiben: „We believe in the power of images to shape public attitudes and raise awareness on issues that are generally absent from public discourse. We view ourselves as part of the struggle against all forms of oppression, racism, and violations of the basic right to freedom.“ [3] Zu den Themen, die das Kollektiv seit Jahren fotografierend verfolgt, gehören: „the Palestinian popular struggle against the Israeli occupation, rights of women, LGTBQ [Lesbian, Gay, Transgender, Bisexual and Queer], migrants and asylum-seekers, public housing, and other forms of economic oppression.“ [4] All dies sind Reizthemen der israelischen Gesellschaft. Bürger, die eine andere Meinung als den Mainstream vertreten und beispielsweise gleiche Bürgerrechte für Palästinenser innerhalb Israels sowie in den palästinensischen Gebieten fordern, kommen im öffentlichen Diskurs kaum zu Wort. Und oft fehlen auch die entsprechenden Bilder, denn Medienunternehmen und Nachrichtenagenturen berichten nicht regelmäßig von den wöchentlichen Demonstrationen. In ihrer Begleitung der Proteste sind die Activestills-Mitglieder demnach „sometimes […] the only professional photographers present“ [5].

„Die Mitglieder von Kollektiven wie Activestills
[...] verstehen sich dezidiert als langfristige
Agenten des politischen Wandels
in einer globalen visuellen Kultur.“


Festnahmen, Beschuss mit Tränengas, Verwundungen oder auch temporäre Verbannung aus dem eigenen Wohnviertel werden von den Activestills-Mitgliedern jedoch nicht nur dokumentiert. Es handelt sich vielmehr um Erfahrungen, die sie mit anderen Aktivisten teilen. „Viewing their photographic art as tantamount to the act of protest itself and not simply as a form of witnessing, the group emphasis was not on ‘representation’ of the ‘suffering of the other’, or on victimhood, but on the enactment of political agency and the demand for rights – to mobility, livelihood, and protection from violence“ [6], schreiben die Kunsthistorikerin Vered Maimon und das Activestills-Mitglied Shiraz Grinbaum. Damit grenzt sich Activestills von klassischen Einschätzungen der Fototheorie gegenüber dem Fotojournalismus ab: Susan Sontag, deren Position hier einschlägig ist, machte geltend, Fotografen solcher Motive würden Leidende ein weiteres Mal in die Opferrolle drängen, nämlich durch den Akt des Fotografierens und die Nicht-Nennung des Namens des oder der Porträtierten. Die Mitglieder von Activestills hingegen engagieren sich durch ihren visuellen Aktivismus als Fotokollektiv dezidiert für diejenigen, die sie fotografieren, und bauen über Jahre hinweg persönliche Beziehungen zu ihnen auf. Immer wieder kehren sie an dieselben Orte zurück und das wird im eingangs beschriebenen Bild deutlich: Die Aufnahmen, die die Frauen in den Händen halten, erzählen von vorherigen, vergangenen Demonstrationen gegen Zwangsräumungen, die in direktem Zusammenhang mit der jetzigen Demonstration stehen. Activestills aktualisiert mit dieser Aufnahme und den ‚Bildern im Bild‘ nicht nur die Vorgeschichte, sondern auch die eigene Präsenz als fotografisch agierendes, politisch ambitioniertes Kollektiv.

Weltweit gibt es nur wenige Vorläufer kollektivistisch organisierter Fotojournalisten. Beispiele dafür sind Afrapix in Südafrika (1981–1992) und in jüngerer Vergangenheit Nar Photos in der Türkei (seit 2003), Sub in Argentinien (seit 2004) sowie RUIDO Photo in Spanien (seit 2005) [7]. Der politische visuelle Aktivismus während Revolutionen wie dem Arabischen Frühling [8] oder der Umbrella Revolution in Hongkong ist eher als kurzzeitiger ‚Pop-up‘-Aktivismus zu sehen, der sich aus dem Engagement Vieler während der Proteste ergibt. Die Mitglieder von Kollektiven wie Activestills hingegen verstehen sich dezidiert als langfristige Agenten des politischen Wandels in einer globalen visuellen Kultur [9].

„Zu den öffentlichen Aktionen des Kollektivs zählt auch
die Übergabe der Foto-Ausdrucke an Demonstranten,
die mit diesen wiederum fotografiert werden.“


Das Archiv auf ihrer Website Activestills.org spiegelt die geografischen und thematischen Schwerpunkte ihrer Arbeit in nahezu täglich neuen Uploads wider: 40 237 Fotos, aufgenommen an mehr als 200 Orten in Israel und Palästina, haben die Mitglieder des Kollektivs bisher dort eingestellt [10]. Zur weiteren Verbreitung nutzen sie die Fotoplattform Flickr (seit 2006), das soziale Netzwerk Facebook, den Mikroblogging-Dienst Twitter (beide seit 2010) sowie feste Kooperationspartner wie das im Jahr 2009 gegründete englischsprachige Blog +972, dessen Name sich an die internationale Vorwahl Israels anlehnt. Darüber hinaus gehörte es von Beginn an zum politischen Selbstverständnis von Activestills, Aufnahmen des Kollektivs im öffentlichen Raum zu platzieren, beispielsweise an Wänden von Häusern oder Haftanstalten sowie an Bauzäunen. Die für solche ‚Straßenausstellungen‘ gewählten Aufnahmen zeigen Demonstrationen in der Westbank, Häuserdemolierungen in der Wüste Negev, Konfrontationen des Militärs mit der Bevölkerung, aber auch die potenziellen Rezipienten der Bilder: Palästinenser, Polizisten, afrikanische Flüchtlinge ohne Aussicht auf Asyl. Das politische Potenzial von Activestills wird unterstrichen durch die Tatsache, dass solche Displays immer wieder abgerissen oder übersprüht werden [11]. Zu den öffentlichen Aktionen des Kollektivs zählt auch die Übergabe der Foto-Ausdrucke an Demonstranten, die mit diesen wiederum fotografiert werden. Das eingangs beschriebene Foto von Oren Ziv wurde am 14. August 2010 aufgenommen und ist noch immer höchstaktuell [12], denn auch der Sommer 2017 in Scheich Dscharrah war von monatelangen Auseinandersetzungen geprägt: Der palästinensischen Familie Shamasneh drohte die Zwangsräumung – die erste in diesem Ost-Jerusalemer Stadtteil seit 2009. Sie war in den 1960er Jahren dort hingezogen; unterschiedliche Quellen nennen als Zeitpunkt der Ankunft das Jahr 1964 beziehungsweise später als 1968. Eine rechtsgerichtete jüdische Organisation beansprucht das Haus mit der Begründung, dass vor der Staatsgründung Israels 1948 Juden dort gewohnt hätten, die Ost-Jerusalem verlassen hätten, als es von 1948 bis 1967 unter jordanischer Herrschaft stand.

In Scheich Dscharrah protestieren seit 2009 jeden Freitag Menschen gegen die Zwangsräumungen, vor allem jüdische Israelis und internationale Aktivisten, aber auch einige Palästinenser. Im Sommer 2017 trauten sich viele palästinensische Nachbarn jedoch nicht, an den Protesten teilzunehmen, da sie fürchteten, in Polizeigewahrsam genommen oder gar erschossen zu werden [13]. Die Demonstranten an der Nablus Road, Ecke Ibn Jubair Straße, trommelten, schwenkten Plakate und palästinensische Flaggen und zogen schließlich zum Haus der Familie Shamasneh. Hier hielten Freunde und Nachbarn täglich Mahnwache, luden zu Kaffee und Gespräch ein. Aktivisten organisierten über Wochen hinweg Nachtwachen im Haus der Familie, da die Räumungen der Häuser durch Polizei und Militär meist am frühen Morgen erfolgen [14]. So geschah es schließlich auch im Fall der Familie Shamasneh. Am Morgen des 5. September 2017 holten Polizei und Militär die Familie sowie anwesende Aktivisten aus dem Haus. Neue jüdische Siedler zogen noch am selben Vormittag ein [15]. Da mehr als 180 Haushalte in Scheich Dscharrah, in der Altstadt Jerusalems sowie in den ebenfalls überwiegend palästinensischen Stadtteilen Silwan und Beit Safafa von Zwangsräumungen bedroht sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass Activestills weitere Aufnahmen wie das hier vorgestellte Bild in sein Archiv einfügen wird.


Anmerkungen

[1] Vgl. auch Activestills und Israeli Committee Against House Demolitions: “We Never Finished 1948”: The Continuing Campaign of Internal Displacement in Israel/Palestine, Jerusalem: The Israeli Committee Against House Demolitions, ICAHD 2011, online einsehbar unter <https://athens.indymedia.org/media/old/activestill...>, sowie „Photo Essay: 3 Years of Settlement, Struggle in Sheikh Jarrah“, in: +972 Blog, 18. März 2012, <https://972mag.com/photo-essay-3-years-of-settleme...> (jeweils zuletzt eingesehen am 25.04.2018).

[2] Miki Kratsman: „Foreword“, in: Shiraz Grinbaum und Vered Maimon (Hg.): Activestills: Photography as Protest in Palestine/Israel, London: PlutoPress 2016, S. 24/25.

[3] „Collective Statement“, abgedruckt in: Shiraz Grinbaum und Vered Maimon: „Introduction“, in: dies. 2016 (wie Anm. 2), S. 28–39, hier S. 31, sowie – in leicht veränderter Form – online einsehbar auf der Homepage von Activestills <http://activestills.org/about.php> (zuletzt eingesehen am 25.04.2018).

[4] Ebd.

[5] Ebd., S. 32.

[6] Ebd., S. 30. Hervorhebungen übernommen.

[7] Siehe dazu „Afrapix“, in: South African History Online, 21. März 2011, <www.sahistory.org.za/article/afrapix>, die Homepage von Nar Photos <www.narphotos.net>, die Webseite von Sub Cooperativa de Fotógrafos <www.sub.coop>, sowie die Homepage von RUIDO Photo <www.ruidophoto.com> (jeweils zuletzt eingesehen am 25.04.2018).

[8] Vgl. Evelyn Runge: „Bilder einer Revolution. Wie Fotoreporterinnen und Fotoreporter in einer Revolution an Professionalität gewinnen, wenn sie aktiv die sozialen Medien bespielen“, in: Junge Akademie Magazin, Vol. 13 (2017), No. 24, Themenheft Rebellion und Revolution, S. 14–17, online einsehbar unter <https://www.diejungeakademie.de/fileadmin/user_upl...> (zuletzt eingesehen am 25.04.2018).

[9] Vgl. Grinbaum und Maimon 2016 (wie Anm. 3) sowie Frank Möller: „The Looking/Not Looking Dilemma“, in: Review of International Studies, Vol. 35 (2009), No. 4, S. 781–794, und ders.: „Photography After Empire: Citizen-Photographers or Snappers on Autopilot?“, in: New Political Science, Vol. 32 (2010), No. 4, S. 501–513.

[10] Stand: 25. April 2018.

[11] Grinbaum und Maimon 2016 (wie Anm. 2), Abb. S. 8/9, aufgenommen am 13.05.2007 in Haifa sowie Abb. S. 18/19, aufgenommen am 11.05.2007 in Tel Aviv. Vgl. auch Georg Cadeggianini: „Ohnmacht der Bilder“, in: Zeit Campus, Vol. 4 (2009), No. 1, sowie die Online-Ausgabe vom 19. Januar 2009 <www.zeit.de/campus/2009/01/israel-fotoprojekt> (zuletzt eingesehen am 17.05.2018).

[12] Während im Buch Activestills: Photography as Protest in Palestine/Israel (wie Anm. 2) die Aufnahme auf den 14. August 2010 datiert ist, gibt der Activestills-Flickr-Account für ein Motiv aus derselben Serie den 6. August 2010 an, ebenso die dort veröffentlichten EXIF-Daten: <https://www.flickr.com/photos/activestills/4868279...> (zuletzt eingesehen am 25.04.2018). Die Website von Activestills nennt beide Daten: <http://bit.ly/2zEKfc9> (Bildnummer 100, zuletzt eingesehen am 25.04.2018). Im Buch und bei Flickr ist „Sheikh Jarrah“ als Aufnahmeort genannt, auf der Activestills-Webseite jedoch Tel Aviv. Der Fotograf ist Oren Ziv. Activestills-Mitglied Shiraz Grinbaum bestätigte in einer Email an die Autorin (08.11.2017), dass das Bild am 14. August 2010 in Scheich Dscharrah aufgenommen wurde – die Bildunterschrift im Buch ist also die korrekte.

[13] Persönliches Gespräch der Autorin mit einer Anwohnerin, August 2017.

[14] Siehe u. a. Sahar Vardi: „When the Walls of Your Home Come Crumbling Down“, in: +972 Blog, 13. September 2017 (zuletzt eingesehen am 25.04.2018).

[15] Vgl. u. a. Nir Hasson: „Israel Evicts Palestinian Family From East Jerusalem Home to Make Way for Pre-’48 Jewish Owners“, in: Haaretz, 5. September 2017 <http://archive.fo/QW7Uy> (zuletzt eingesehen am 25.04.2018), sowie The Office of the European Union Representative (West Bank and Gaza Strip, UNRWA): „Local EU Statement on the Eviction of Shamasneh Family in Sheikh Jarrah“, veröffentlicht auf der Homepage der Europäischen Union, 8. September 2017, <http://bit.ly/2Amxmjg (zuletzt eingesehen am 25.04.2018).


Autorin

Dr. Evelyn Runge, Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences sowie The Harry S. Truman Research Institute for the Advancement of Peace, The Hebrew University of Jerusalem, Mount Scopus, Mandel Building, 91905 Jerusalem, Israel, Tel. +972-2-5883901, mail@evelyn-runge.de, www.academia-net.de/profil/dr-evelyn-runge/1213515