Wasserschaden II:

Beitrag zu einem Notfallplan

In der letzten Ausgabe des Rundbrief Fotografie wurde über einen Wasserschaden an einem fotografischen Nachlaß berichtet. Der Schwerpunkt des Artikels lag bei der Schilderung eines konkreten Falls: Beobachtungen zum Erhaltungszustand der Fotografien, erste Rettungsmaßnahmen und die anschließenden konservatorischen Schritte. Im folgenden Beitrag werden nun diese Erfahrungen in Maßnahmenkataloge für zwei unterschiedliche Fallbeispiele umgesetzt: Schäden in kleinerem Umfang sowie umfangreichere Wasserkatastrophen. Praxisrelevant: Sowohl die Vorbereitung auf den Schadensfall (Identifizierung der Verfahren nach Wasserempfindlichkeit, Evakuierungsplan, angepaßter Maßnahmenkatalog) als auch die Notfallorganisation selbst bedürfen fotorestauratorischer Kompetenz!

Um bei einem Wasserschaden an Fotografien den Abbau der Fotoschicht und die Schimmelgefahr zu stoppen, gibt es nur eine Möglichkeit: Das Trocknen der Objekte. Hierfür hat man, gerechnet vom ersten Wasserkontakt an, nur wenige Stunden Zeit. Dabei müssen die wasserempfindlicheren Fotografien zuerst getrocknet werden. Hieraus folgt, daß zu einer gründlichen Katastrophenvorsorge auch die Identifizierung der fotografischen Materialien der Sammlung sowie die Anlage von Findmitteln gehört, um die besonders wasserempfindlichen Objekte gezielt ausheben und bevorzugt behandeln zu können.

Fall 1: Teilschäden

Wenn nur geringe Mengen an Fotografien mit Wasser in Kontakt kamen und genügend Personal und Platz vorhanden ist, können die betroffenen Materialien vor Ort zum Trocknen ausgebreitet werden. Es muß allerdings so viel Personal und Platz zur Verfügung stehen, daß die oben genannten Zeiträume bis zur Trocknung eingehalten werden können.

Maßnahmenkatalog:

Fall 2: Katastrophen

Häufig kommen jedoch so große Mengen an Fotografien mit Wasser in Kontakt, daß Personal und Platz nicht ausreichen, um das Material sofort zum Trocknen auszubreiten; die Bestände können dann nur nacheinander behandelt werden. Die Zeit hierfür kann nur durch eine Maßnahme gewonnen werden: das Einfrieren der nassen Fotografien. Die Haltbarkeit der eingefrorenen Fotografien ist dann quasi unendlich; empfohlen werden Temperaturen von -20 °C.

Alle Fotografien können eingefroren werden, außer Kollodiumnegative, Ambrotypien, Ferrotypien und Daguerreotypien; diese sollte man unbedingt sofort lufttrocknen. In keinem Fall dürfen Fotografien eingefroren, aufgetaut und vakuum-getrocknet werden, alles würde zu einem Block verkleben!

Kollodium-Glasnegative sollten nie gefriergetrocknet werden; die Bildschicht würde sich komplett ablösen. Wenn möglich, sollte das Gefriertrocknen aber auch bei anderen fotografischen Techniken nicht angewendet werden. Es besteht die Gefahr, daß die Materialien miteinander verkleben; außerdem kann es zu Veränderungen im Oberflächenglanz kommen, wenn Verunreinigungen nicht entfernt werden können. Durch das manuelle Ausbreiten und Lufttrocknen besteht dagegen die Möglichkeit, den Zustand jeder Fotografie in allen Phasen der Bearbeitung zu überprüfen.

Maßnahmenkatalog:

Koordination

Für eine Notfallsituation, wie einen Wasserschaden, ist es wichtig, eine Liste mit Personen zu erarbeiten, die für die Rettungsmaßnahmen verantwortlich sind (Rettungskoordinator, stellvertretender Rettungskoordinator und ein Restaurator, der als Ansprechpartner dienen kann). Die Liste sollte die dienstlichen und privaten Telefonnummern enthalten und auf jeden Fall vor der Notfallsituation zusammengestellt werden.

Hilfreich ist es außerdem, schon vor einem eventuell eintreffenden Wasserschaden, Tiefkühlmöglichkeiten in der Umgebung ausfindig zu machen. Eine Liste sollte erarbeitet werden mit verschiedenen Anbietern und deren Konditionen. Im Notfall ist eine umfangreiche Recherche nach den konservatorisch vertretbaren, in der Nähe gelegenen und gleichzeitig bezahlbaren Möglichkeiten unrealistisch. Informationen bietet der Verband deutscher Kühlhäuser (Tel. +49-228-201660, Fax +49-228-2016611). Auch eine Liste über Transportmöglichkeiten sollte bereit liegen.

Die eingefrorenen Fotografien können bis zur konservatorischen Aufarbeitung sicher in den Tiefkühlzellen verbleiben; es besteht kein Zeitdruck mehr. Das eingefrorene Material wird nach und nach aufgetaut und aus den Schutzumschlägen genommen. Wenn Fotografien verschmutzt sind, werden sie in Wasser gewaschen. Das separierte und gereinigte Material wird zum Trocknen ausgebreitet.

Da die fotografische Schicht bei längerem Wasserkontakt angegriffen ist und die Fotos eventuell untereinander bzw. mit den Hüllen verkleben, sollte für die Folgebehandlung der eingefrorenen Fotografien ein Restaurator hinzugezogen werden.

Literatur

Maria Bortfeldt, Berlin

Aus: Rundbrief Fotografie, N.F. 34, Vol. 9 , No. 2 (2002), S. 19/20



© bei FOTOTEXT Verlag Wolfgang Jaworek, Stuttgart/DE. Angaben ohne Gewähr. Stand: 31.12.2013. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek