Wasserschaden I:

Konservatorische Aufarbeitung von Fotografien

Wasserschäden sind diejenigen Katastrophen, die in Archiven am häufigsten vorkommen. Für sie gibt es die verschiedensten Ursachen: tropfende Leitungen, Rohrbrüche oder Überschwemmungen von Löschwassereinsätzen nach einem Brand etc. Zwar erscheinen ein Brand oder eine Überschwemmung in der Praxis unwahrscheinlich. Bei Klimaanlagen und Wasserleitungen in den Magazinräumen ist die Gefahr einer tropfenden Leitung jedoch allgegenwärtig. Zugleich kann schon eine geringe Menge Wasser Fotografien innerhalb kurzer Zeit vollständig vernichten: Die Gelatineschicht wird durch Wasser so stark abgebaut, daß sie sich - und damit das Bild - darin auflöst. Gleichzeitig kann sich Schimmel bilden.

Der folgende Beitrag schildert die Rettungsmaßnahmen eines konkreten Falls: Der Nachlaß von Willi Moegle im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin (Vintage Prints, spätere Vergrößerungen, Negative und Diapositive, Schwarzweiß- und Colormaterial, meist im Format von 18 x 24 cm) wurde im Mai 2001 teilweise durch Wasser geschädigt. Die Ursache hierfür war mangelhafte Kondenswasserableitung aus der Klimaanlage und ein Leck in den Wasserleitungen, die durch einen Teil der Magazinräume führen.

Sofortmaßnahmen

Als sich der Schaden durch Geruchsbildung bemerkbar machte, mußten die betroffenen Materialien wegen Gefährdung des übrigen Depots sofort im gerade nicht genutzten Ausstellungsraumin Sicherheit gebracht werden. Der Boden des Depots wurde umgehend getrocknet und die Feuchtigkeitswerte kontrolliert.

Viele chromogene Farbabzüge auf Barytpapier, Diapositive und Negative hatten zum Zeitpunkt der Entdeckung des Schadens vermutlich schon mindestens eine Woche Wasserkontakt gehabt. Es war unklar, wieviel noch gerettet werden konnte; Schimmelgefahr und Schichtauflösungen drohten. Tausende von Fotografien hätten sofort zum Trocknen ausgebreitet werden müssen. Das war aus Platzgründen und wegen Personalmangel unmöglich. Deshalb wurde ein Plan entwickelt, nach dem die feucht gewordenen Fotografien umgehend tiefgefroren werden sollten.

Da das Wasser die ca. 20 Umzugskartons sehr inhomogen durchdrungen hatte, mußte jede Fotoschachtel einzeln geprüft werden. Die feucht gewordenen Schachteln wurden in Plastiksäcken versiegelt; die Fotografien (ihrerseits z.T. in Pergaminumschlägen) durften in keinem Fall trocknen, sonst wären sie in einem Stapel miteinander verbacken. Nasse Kataloge und Belegexemplare sollten aus Kostengründen nicht eingefroren werden und wurden wegen bereits akutem Schimmelbefall aussortiert.

Da es in der Kürze der Zeit nicht möglich war, eine Tiefkühlmöglichkeit in Berlin zu suchen, wurde das nasse Material am Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig in Tiefkühlzellen kurz schockgefroren (-40 °C) und später bei -20 °C gelagert.

Der offensichtlich nicht feucht gewordene Teil der betroffenen Fotografien wurde zur Vorsicht einige Tage ausgebreitet, um vollständig durchzutrocknen. Maßnahmen mußten ergriffen werden, um die Luftfeuchtigkeit des Raumes zu regulieren. Aufgrund der Mengen an nassem Material, das in dem Raum untersucht worden war, und des Sommerwetters stieg die Luftfeuchtigkeit bereits auf 70 % r.F. an. Schimmelwachstum drohte, zumal es auch recht warm war. Mit Hilfe von zwei Luftentfeuchtern konnten die Werte auf 50 % r.F. gesenkt werden.

Konzept für eine konservatorische Aufarbeitung

Da der Nachlaß von Willy Moegle vor dem Wasserschaden noch nicht inhaltlich aufgearbeitet war, ließ sich die Menge der eingefrorenen Fotografien nur schätzen; man geht von über 10.000 Stück aus. Es sollte im Zuge der Behandlung nach Möglichkeit jedes Motiv erhalten oder wieder zugänglich gemacht werden, schwer geschädigte Abzüge oder Negative dagegen nicht, sofern es identische Exemplare gab.

Folgendes Konzept wurde für das Trocknen der Fotografien erarbeitet: Das Material, das an einem Tag behandelt werden kann, wird jeweils abends den Tiefkühlzellen entnommen und über Nacht aufgetaut. Am nächsten Tag werden die Fotografien aus den Einzelumschlägen entfernt. Um die verklebten Exemplare voneinander lösen zu können, dürfen sie vor der Behandlung nicht trocknen. Anschließend werden sie gereinigt und in einem Trockengestell auf Löschkarton ausgebreitet. Alle Informationen werden sofort auf neue Umschläge übertragen und verbleiben zusammen mit der (selbst unbeschrifteten) Fotografie. Nach einer Trocknungszeit von einem Tag werden die Fotografien in den neuen Umschlägen und Schachteln verpackt.

Schimmelbefall

Schimmelbefall wurde zunächst nur an einer Fotografie und auf einigen Fotoschachteln festgestellt. Wurden die eingefrorenen Fotoschachteln jedoch längere Zeit aufgetaut und nicht umgehend getrocknet, kam es sofort zum weiteren Schichtabbau und zur Schimmelbildung. Außerdem konnte bei allen naß gewordenen Fotografien Geruchsbildung bemerkt werden; Kataloge und Belegexemplare, eventuell als erstes naß geworden, waren ganz offensichtlich von Myzel bewachsen.

All dies deutet darauf hin, daß die betroffenen Materialien offenbar gerade noch vor massiver Vermehrung des Schimmelwachstums eingefroren worden waren. Die Behandlung wurde daraufhin leicht modifiziert und die Fotografien nunmehr nach Entnahme aus den Gefrierzellen umgehend getrocknet.

Da bei dieser Vorgehensweise kein weiterer Fall von Schimmelbildung beobachtet werden konnte, war es nicht notwendig, alle Fotografien zu reinigen bzw. zu sterilisieren. Sie sollen jedoch im klimatisierten Magazin aufbewahrt werden, denn bei 18 °C und 40 % r.F. besteht keine Gefahr, daß eventuell vorhandene Sporen auskeimen.

Da es sich um mehr als 10.000 Fotografien handelte, war es in diesem Fall notwendig, sich auf die anderen schwerwiegenden Probleme zu konzentrieren.

Separieren der verklebten Fotografien

Die betroffenen Fotografien waren noch wie übernommen aufbewahrt worden; d.h. in konventionellen Pergamin-Umschlägen oder in Kunststoffhüllen, teils einzeln in den Hüllen, teils Rückseite an Vorderseite. In vielen Fällen lagerten aber auch die Schichtseiten ohne Zwischenlage direkt aneinander.

Während sich die Kunststoffumschläge gut von den Fotografien lösen ließen, hafteten die Pergaminhüllen stark an der Schicht. Einige Fotografien, die Rücken an Gesicht ohne Hüllen aufbewahrt wurden, konnten dem Wasser erstaunlich gut widerstehen: Durch die dichte Packungsweise gelangte das Wasser kaum zwischen die Fotografien und konnte die Schicht nicht abbauen. Außerdem ließen sie sich gut voneinander separieren. Bei den Schicht-an-Schicht-Verklebungen gestaltete sich dies schwieriger.

Die Beobachtungen bei der Konservierung sollen im folgenden für alle vier Fälle geschildert werden:

Ausgeblutete Beschriftung/Farbstoffe

Ein weiteres Problem bestand darin, daß der orange-rote Farbstoff der originalen Verpackungen (Foto-Schachteln) ausgeblutet ist; oft wurden zwar nur die Pergaminhüllen verfärbt, in einigen Fällen jedoch auch die fotografischen Abzüge. Diese Verfärbungen ließen sich im Wasserbad nicht reduzieren.

Die originale Beschriftung der Umschläge erfolgte mit einem Faserstift, der sich jedoch glücklicherweise im Wasser kaum löste. Nur in einigen Fällen verwendete der Fotograf einen wasserlöslichen Faserstift; dieser verursachte dann schwarze Verfärbungen auf Abzügen und Negativen. Auch diese waren bei der Behandlung nicht mehr zu lösen. Ein weiterer Nachteil der wasserlöslichen Stifte bestand darin, daß die Informationen auf den Umschlägen teilweise nicht mehr zu erkennen waren.

Gewanderte Klebstoffe

Viel Zeit erforderten bei der Konservierung folgende Probleme, die unabhängig vom Wasserschaden bestanden:

Zustand der Bildschicht in Abhängigkeit von der Verpackung

Es ist nicht möglich auszusagen, wie lange die Fotografien dem Wasser ausgesetzt waren, da der Schaden schleichend geschah. Das Wasser, das aus dem Leck in der Wasserleitung tropfte, hat sich langsam ausgebreitet und die Kartons mit den Fotografien inhomogen durchdrungen. Viele Fotografien hatten wahrscheinlich mehrere Tage Kontakt mit Wasser, so daß es zur Vermehrung von Mikroorganismen und zur Geruchsbildung kommen konnte.

Im Zuge der Konservierung konnte beobachtet werden, daß die Bildschicht durch Wasser komplett zersetzt werden kann, und zwar bei allen Varianten der Verpackung. Ausschlaggebend ist die Menge des eindringenden Wassers und die Dauer des Wasserkontakts.

Allerdings konnten die in Pergamin verpackten Fotografien auch schon dann ganzflächig benetzt werden, wenn wenig Wasser eindrang. Fotografien in Pergaminumschlägen zeigten deshalb am häufigsten abgebaute Bildschichten; meist jedoch nur im Randbereich.

Bei den in Kunststoffhüllen gelagerten Fotografien war die Bildschicht nur in den Fällen stark abgebaut, in denen es lange Wasserkontakt gab und viel Wasser in die Fotoschachtel gedrungen war. Kunststoffumschläge können im Falle eines Wasserschadens das Verkleben von Fotografien verhindern; sie lassen sich im Gegensatz zu Pergaminumschlägen leichter von feuchten Fotografien ablösen.

Die konventionellen Kunststoffhüllen, die Willy Moegle verwendete, führten jedoch, genau wie die von ihm verwendeten Pergaminumschläge, zu Oberflächenveränderungen der Bildschicht.

Schlußbemerkung

Die Priorität bei der konservatorischen Aufarbeitung bestand darin, die untereinander oder mit Pergaminhüllen verbackenen Fotografien überhaupt separieren und trocknen zu können. Da die betroffenen Materialien sofort nach Erkennen des Wasserschadens tiefgefroren wurden, konnte das Ausmaß des Schadens stark eingegrenzt werden. Hierzu zählt vor allem, daß ein Schimmelwachstum verhindert werden konnte. Aber auch die hydrolytische Zersetzung der Bildschicht konnte eingeschränkt werden. Weil durch diese Vorgehensweise die Zeit für eine intensive konservatorische Anschlußbehandlung gewonnen wurde, konnten fast alle Motive gerettet werden.

Maria Bortfeldt, Berlin

Aus: Rundbrief Fotografie, N.F. 33, Vol. 9 , No. 1 (2002), S. 11-14



© bei FOTOTEXT Verlag Wolfgang Jaworek, Stuttgart/DE. Angaben ohne Gewähr. Stand: 31.12.2013. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek