Matthias Leupold: Ohne Titel, 1985. Staatliche Galerie Moritzburg, Halle.

Messer der Sehnsucht

Ein Essay von T.O. Immisch, Halle

Der Berliner Matthias Leupold (derzeit als Villa-Massimo-Stipendiat in Rom) gehört zu den Fotokünstlern, deren Werk von der Staatlichen Galerie Moritzburg Halle mit einer gewissen Konsequenz gesammelt und ausgestellt wird. Der Grund dafür liegt nicht bloß im hohen Rang seiner inszenierten Bilder, sondern vor allem darin, daß er in seinen thematischen Serien Kunst- und Gesellschaftsverhältnisse reflektiert und ironisiert, die symptomatisch sind. (So zum Beispiel die genormte Bildwelt des sozialistischen Realismus in „Fahnenappell", bürgerliche Verhaltensmuster in „Leupolds Gartenlaube" oder den Terror je herrschender Schönheitsideale in „Die Schönheit der Frauen".)

Für mich erhellt die hier vorgestellte Fotografie von 1985 die Situation der späten DDR - im äußeren wie inneren Sinne. Seine prophetische Qualität kann von heute aus leicht gesehen werden, machte es aber verdächtig zu der Zeit, als es aufgenommen wurde. Mein persönlicher Titel für das Bild, das der Fotograf unbetitelt ließ, ist „Erwartung, in Erwartung". Tatsächlich läßt der Fotograf offen, was erwartet wird, auch seine eigene Erwartung. Und das war der Situation genau angemessen - der Situation, in der das Bild gemacht wurde, und der Situation, die im Bild selbst präsent ist.

Seit den späten siebziger Jahren (ich denke, die Ausbürgerung des Dichter-Sängers Wolf Biermann 1976 war der Wendepunkt, eine Art point of no return) begriffen mehr und mehr Ostdeutsche, daß die politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen und Verhältnisse so festgefahren waren und so falsch geworden, daß sie fundamental geändert werden mußten. Dieses Bewußtwerden geschah langsam, weil viele Menschen - besonders jüngere und gut ausgebildete - einen gewissen Glauben und Hoffnung auf den proklamierten Sozialismus hatten, und sie versuchten, geistig in dem Spalt zwischen der vermittelten Vision des Marxismus und der alltäglichen Erfahrung der Diktatur zu leben. Am Ende wußten mehr und mehr Menschen: Nichts konnte, nichts sollte so bleiben, wie es war.

Teil dieses sozialen und mentalen Wandels war eine andere Praxis in den Künsten. Eine wachsende Zahl von Künstlern ignorierte die vorgeschriebenen Regeln, sie setzten dagegen schlicht ihr Eigenes. Und eine wachsende Anzahl von Kunstvermittlern reagierte darauf und half ihnen, ihre Werke ans Publikum zu bringen. Zu diesen unabhängigen und wirkungsvollen Künstlern gehörte auch Matthias Leupold. Ohne künstlerische Ausbildung, kein Mitglied des offiziellen Künstlerverbandes, arbeitete er mit zwei Freunden zusammen, voller Energie und Phantasie. Ihr Werk war Teil der neu aufkommenden inszenierenden Fotografie. Für Leupold war das Inszenieren eine Art Antwort auf die damals dominierende Tendenz sozialdokumentarischer Fotografie, die auf den weit verbreiteten Glauben an die Wahrheit und Authentizität des fotografischen Bildes baute. Gegen diesen Glauben spielte Leupolds Gruppe an mit Inszenierungen von Fragmenten der offiziellen Bild-Welt, als Repräsentationen ihrer persönlichen Phantasien, Sehnsüchte und Ängste. Sie taten das mit einem besonderen Sinn für Humor und mit einer Vorliebe für rätselhafte und/oder mehrdeutige Bilder. Und ihnen war bewußt, daß das Spiel Ernst war.

Eine Stimmung der Bedrohung liegt über Leupolds Bild der Frau mit dem Messer. In ihm sind Extreme nahezu ins Gleichgewicht gebracht: dunkler Schatten oben, helles Licht unten, Nähe links, Distanz rechts. Durch die vertikalen Linien des Ladens und die stehende Figur ist Ruhe ausgedrückt, sachte dynamisiert durch die perspektivischen Linien der Fassade und des Fußwegs. Das Zentrum des Bildes ist akzentuiert durch die vertikale Linie und das Hell-Dunkel der Oberfläche hinter der Frau. Sie selbst steht außerhalb der Mitte, links und unterhalb davon. Und sie ist die Mitte dessen, was (noch nicht) geschieht. In ihr ist die Mehrdeutigkeit des Bildes konzentriert. Ihre Körpersprache fragt die Fragen. Öffnet ihre Hand die Jalousie, oder schließt sie sie? Was oder wen sieht sie? Man betrachte, wie sie das Messer hält - was hat sie damit vor? Und ihre Beine in den zu kurzen Hosen: kindlich und der Kindheit entwachsen zur gleichen Zeit.

Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 15 (1997), S. 3 (Vol. 4, No. 3).



© bei Autoren und Redaktion. Angaben ohne Gewähr. Stand: 18.12.1998. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek